Abschalten und Auftanken: Anti-Stress-Tanzen durch Moskau

 Анастасия Надёжина

Анастасия Надёжина

Victoria Ryabikova
Der Psychologe und leidenschaftliche Tänzer Alexandr Girschon bietet tanzende Spaziergänge durch Moskau an. Zweimal im Monat hilft er rund dreißig gestressten Moskowitern beim Relaxen. Und tanzt mit ihnen einen Tag lang durch die russische Hauptstadt.

 / Wiktoria Rjabikowa / Wiktoria Rjabikowa

Eine Gruppe hüpfender Leute drängt zum Eingang in den Moskauer Park Sokolniki. Keine 30 Sekunden später greifen die Männer und Frauen tanzend und raunend nach der Erde, beziehungsweise einem Globus aus dem nahen Astronomengarten. Das schockiert die Passanten. "Man tanzt nicht ohne Musik!", ruft ein offenbar nicht mehr ganz nüchterner Mann und schaltet auf seinem Smartphone einen schon ausgeleierten Pophit von Jegor Krid an: "Oh Gott, Mama, Mama, ich werd verrückt".

Dabei ist unter den Tanzenden sicher nicht ein Verrückter. Trotzdem beginnt genau so oder ähnlich jeder Tanzspaziergang durch Moskau, ein soziales Projekt, das der Psychologe und selbst Tänzer Alexandr Girschon initiiert hat.

Tanzen gegen den Ukraine-Konflikt

Alexandr Girschon ganz in seinem Element / Wiktoria RjabikowaAlexandr Girschon ganz in seinem Element / Wiktoria Rjabikowa

Vor drei Jahren fan der erste Tanz-Spaziergang statt. "2014 haben wir alle in den Medien den Ukraine-Konflikt verfolgt, der die emotionale Aufregung geradezu auf die Straße spülte. Da habe ich mir überlegt, dass man diese Anspannung doch mit etwas Hellem, Einfachem und Freiem irgendwie verteilen muss", erzählt Girschon heute.

Mittlerweile treffen sich alle zwei-drei Wochen Hobbytänzer an den malerischsten Orten der russischen Hauptstadt, schalten ihre vorbereitete Playlist ein und tanzen. Gleichzeitig spazieren sie entlang der vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Aber es tanzen nicht nur die Moskauer, sondern auch Menschen inanderen russischen Städten und sogar in anderen Ländern des GUS-Raumes. Im Juli hat sich das nordrussische Archangelsk den Tänzern angeschlossen sowie die Kleinstadt Rewda im Gebiet Swerdlowsk im Ural.

/ Wiktoria Rjabikowa/ Wiktoria Rjabikowa

Girschon leitet praktisch jeden Tanz-Gang in Moskau, springt höher als alle anderen und tanzt unbedingt ein bisschen mit jedem Teilnehmer: "Wir tanzen zu verschiedenen Musikstilen - von Folk bis Pop. So können sich die Menschen unterschiedlich ausdrücken. Wenn wir wissen, dass wir nach einer Musik tanzen, können wir uns besser synchronisieren. Der Tanz - das ist Kommunikation. Nur unterhalten sich die Menschen eben nicht verbal, sondern über Bewegung und Berührung."

Die Straße ist die beste Bühne 

Anastassija Nadjonschnaja / Wiktoria RjabikowaAnastassija Nadjonschnaja / Wiktoria Rjabikowa

Während die Einen über ihre Bewegungen kommunizieren, werfen Andere mit künstlicher Erde um sich oder dehnen sich in Richtung der untergehenden Sonne. Die Tänzerin Anastassija Nadjoschnaja erklärt, dass die Teilnehmer eben nicht nur verschieden tanzten, sondern sich verhielten. "Mancher kann leicht mit anderen zusammenwirken, mancher möchte mehr mit sich und der Musik sein", erzählt sie. Und es geht den Organisatoren ja auch nicht nur ums Tanzen an sich, sondern auch um den therapeutischen Effekt. Girschon meint, dass die Menschen so geradezu allen "Stress raustanzen" können.

"Hier entspannen wir uns alle, befreien uns von dem Drumherum und werden selbstbewusster. Ja, man kann auch im Club, in der Bar oder zuhause tanzen. Aber es hat eine völlig andere Wirkung, wenn Menschen im freien Raum tanzen. Der Mensch gerät sozuasagen in ein ungeübtes Musical, indem er selbst die Hauptrolle spielt", erklärt Girschon aus psychologischer Sicht.

/ Wiktoria Rjabikowa/ Wiktoria Rjabikowa

Schritt für Schritt übernehmen die Improvisierenden die Hauptbühne in Sokolniki, wo sonst Konzerte gegeben werden, und werden so wirklich zu ihren eigenen Protagonisten. In einigen Posen erstarren die Tänzer, dann verwandelt sich die Bühne in eine Skulptur-Ausstellung. "Die Momente des Erstarrens oder auch 'freeze' machen unsere Performance effektiver", sagt Girschon. Nach einer Minute des Stillstehens tanzt die Gruppe weiter zum Festivalplatz.

Auf der Suche nach wirklicher Realität

/ Wiktoria Rjabikowa/ Wiktoria Rjabikowa

Besonders begeistert scheint der IT-Fachmann Alexej Finik: "Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und positive Empfindungen finde ich hier. Dabei ist natürlich auch ein bisschen Egozentrismus - man möchte, dass man angeschaut wird, aber dieses Gefühlt hier entsteht dann bei allen. Und ich tur mich nicht besonders hervor, fahre einfach mit dem Roller zur Arbeit und das ging gut."

"Schade, dass sie keine Boxen benutzen, damit die Passanten auch mithören und mittanzen können", sagt derweil Parkbesucher Wsewolod. "Ja, genau! Und warum freuen die sich so? Ist das Leben in Russland etwa leichter geworden?", ergänzt ein anderer Passant.

Alexej Finik ist begeistert / Wiktoria RjabikowaAlexej Finik ist begeistert / Wiktoria Rjabikowa

Girschon nimmt solche Kommentare ruhig hin: Für die meisten Passanten sind die Tanzspaziergänger wie in einer anderen Welt. Aber: "Realität - das ist, wenn wir tanzen oder wenn für mich völlig unnütze Informationen auf mich einströmen? Wenn mir das Tanzen Kraft und Inspiration gibt, die mir bei wichtigen Aufgaben in meinem Leben helfen, dann nehme ich den Tanz", sagt er wie zum Abschied und tanzt mit seiner Gruppe in Richtung Parkausgang, so lange es noch nicht ganz dunkel ist.

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