Russische Ballerinen: Vom ersten Ballettschuh auf der Bühne bis hin zu den Musen der Revolution

Russia Beyond stellt fünf Tänzerinnen vor, die das Publikum und die Menschen um sie herum begeistern konnten. Sie alle gehören zu den großen Ikonen des Balletts und tanzten auf den wichtigsten Bühnen der Welt.

Awdotja Istomina (1799-1848)

Awdotja Istomina von Henri François Riesener

In den Zeiten der größten Triumphe von Awdotja Istomina gab es weder Ballett-Foren im Internet noch eine Ballett-Berichterstattung in Zeitungen. Alexander Puschkin bezeichnete Istomina in seinem Roman „Eugen Onegin“ als „russische Terpsichore”. Die Altersgenossin des russischen Nationaldichters war ein Idol ihrer Generation. Sie war zwar nicht schön im klassischen Sinne, beeindruckte jedoch mit Anmut und Stattlichkeit.

Als Kind lernte Istomina an der Sankt Petersburger Theaterschule, wo sie schon sehr früh an professionellen Ballett-Aufführungen teilnahm. Mit 17 Jahren beendete sie ihre Ausbildung als führende Solistin. In den Folgejahren legte Istomina eine einzigartige Karriere aufs Parkett. Sie verband die Schönheit und Grazie einer antiken Statue mit einem nur ihr eigenen dramaturgischen Talent und einer virtuosen Technik. Ihrer Tanztechnik wegen gilt Istomina als eine der ersten Tänzerinnen, die einen Spitzentanz aufführte.

Porträt, zwischen 1815 und 1818

Auch das Privatleben der erfolgreichen Ballerina war beeindruckend: Die Tochter eines alkoholkranken Polizisten, die mit nur sechs Jahren zur Vollwaisen wurde, führte das Leben einer Aristokratin. Mit 18 Jahren war sie der Grund für ein skandalöses „doppeltes Duell“, bei dem ihr Liebhaber, Graf Wassilij Scheremetew, starb. Auf ihren Beruf als Ballett-Tänzerin hatte dieser Tod jedoch keine Auswirkungen: Sie tanzte noch viele Jahre lang brillant. Als die Kraft ihrer Beine, die als besonders stark und ausdauernd galten, nachließ und sie um eine Kur zur Erholung bat, verfügte Zar Nikolai I. überraschend, „Istomina endgültig vom Dienst freizustellen“.

Praskowja Lebedewa (1839-1917)

Mit acht Jahren war Praskowja bereits Schülerin an der Moskauer Theaterschule, mit zehn nahm sie an Aufführungen des Bolschoi-Theaters teil und mit 16 tanzte sie ihre erste große Partie.

In der Moskauer Truppe, die in der damaligen Zeit nicht besonders reich an Talenten war, nahm Lebedewa schon zu Schulzeiten eine führende Rolle ein – ab 1857 stieg sie schließlich ganz offiziell zur Primaballerina auf. Sie wurde oft nach Sankt Petersburg eingeladen um auf den dortigen Bühnen zu tanzen. Lebedewa trat auch auf der Bühne der berühmten Pariser Oper auf und war die erste russische Ballerina, die der Leitung dieses berühmten Theaters ihre eigenen Bedingungen diktierte. Diese wurden angenommen, aber nach einer erfolgreichen Generalprobe wurde die Aufführung wegen technischen Gründen überraschend abgesagt.

Nach dem Karriereende der Sankt Petersburger Ballerina Marfa Murawjewa wurde Lebedewa nicht ganz freiwillig aus Moskau nach Sankt Petersburg delegiert. Die Zahl ihrer Unterstützer wuchs, eine Aufführung jagte die nächste.

Murawjewa war erst 28 Jahre alt, als sie bei einer Aufführung eine Augenverletzung erlitt. Sie erblindete teilweise und musste ihre Karriere gezwungenermaßen beenden. Ihr Privatleben gestaltete sie jedoch erfolgreich: Lebedewa heiratete in eine etablierte russische Familie ein und unterrichtete an der Moskauer Theaterschule, an der sie einst selbst lernte.

Matilda Kschessinskaja (1872-1971)

Heute wird niemand mehr erfahren, auf welche Art und Weise Zar Alexander III. tatsächlich die Absolventin der Sankt Petersburger Theaterschule begrüßt hatte. Der Erinnerung von Kschessinskaja zufolge klangen sein Wort jedoch folgendermaßen: „Seien Sie das Schmuckstück und der Stolz des russischen Balletts“. Dieser Apriltag des Jahres 1890 wurde auch aus einem anderen Grund zum wichtigsten Tag in Kschessinskajas Leben: An diesem Tag lernte Sie den russischen Thronfolger Nikolai Romanow kennen, über deren Romanze bald die ganze Stadt zu sprechen begann.

Kschessinskaja verstand es sehr gut, ihre herausragende Stellung im Sinne ihrer Karriere zu nutzen. Mit der Vollkommenheit ihrer Tänze verzauberte sie nicht nur die zahlreichen Besucher des Mariinski-Theaters, sondern auch einen Dauergast der kaiserlichen Loge.

Im Jahr 1917 mussten Kschessinskaja und ihr 15-jähriger Sohn ihre Sankt Petersburger Villa und Russland verlassen. Im Exil eröffnete sie eine Ballettschule, in der sie unter anderem die Legende des britischen Balletts Margot Fonteyn und die französische Ballerina Yvette Chauviré unterrichtete.

Anna Pawlowa (1881-1931)

Es ist schwer, einen Ort auf der Welt zu finden, an dem Anna Pawlowa nicht getanzt hat: die USA, Australien, Indien, Japan, Argentinien, Uruguay, Kuba – in vielen dieser Länder war Pawlowas Auftritt die erste Ballettaufführung überhaupt.

Ein Schleier der Ungewissheit hüllt sich über ihre Geburt: Offiziell waren ihre Eltern eine Sankt Petersburger Wäscherin und ein Soldat im Ruhestand. Eine andere Version besagt, sie sei die uneheliche Tochter eines Bankiers. Die Kindheit verbrachte Pawlowa in bitterer Armut. Deshalb hatte der Besuch der Ballettaufführung „Dornröschen“ im Mariinski-Theater eine besonders starke Wirkung auf sie: Nie zuvor hatte sie so viel Eleganz, Schönheit und Luxus an einem Ort gesehen. Die kleine Pawlowa überraschte ihre Mutter, als sie sagte, dass sie auch so tanzen wolle wie Dornröschen. Im Folgenden widmete sie ihr Leben der Erfüllung dieses Traumes.

Pawlowa schloss die Sankt Petersburger Theaterschule ab und spielte die Hauptrolle in den romantischen Ballettinszenierungen „La Bayadère – Die Tempeltänzerin“ und „Giselle”. Damit erklomm sie die Höhen des Mariinski-Theaters und wurde dank des Porträts des russischen Malers Walentin Serow auch zum Gesicht des Ballets Russes des russischen Impresario Sergei Djagilew in Paris.

Olga Spessiwtsewa (1895-1991)

Den Titel der Primaballerina erhielt Spessiwtsewa erst nach der Oktoberevolution, als es keine Zaren mehr gab und kein kaiserliches Ballett. Spessiwtsewa wurde in der von Sankt Petersburg in Petrograd umbenannten Stadt als ein Überbleibsel einer sterbenden alten Kultur wahrgenommen. Sie begann ihre Karriere im Jahr 1913 im Mariinski-Theater.

Ihr großes Talent war bereits im Schulalter offensichtlich: Sie hatte eine ganz besondere Ausstrahlung – sehr schöne Gesichtszüge kombiniert mit idealen Körperproportionen, einer besonderen Beinform mit großer Spannkraft sowie langen Armen. Die schöne Ballerina zog die Aufmerksamkeit vieler Revolutionäre auf sich, unter anderem zeigte der Petrograder Parteifunktionär Boris Kaplun großes Interesse an der Tänzerin. Aufgrund ihrer Beziehungen gelang es Spessiwtsewa im Jahr 1924 nach Frankreich zu emigrieren, wo sie in der Pariser Oper zu Stücken von Dagilew tanzte. Außerdem besuchte sie bei Gastauftritten die ganze Welt. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs verlor Spessiwtsewa, die jahrelang in einer Atmosphäre der Angst gelebt hatte, langsam aber sicher den Verstand. Schließlich nahm sie Alexandra Tolstaja, die Tochter Lew Tolstois, auf ihrer Farm in den USA auf. Das Schicksal Spessiwtsewa, die fast einhundert Jahre alt wurde, diente als Vorlage für zahlreiche Bücher, Filme und Ballettaufführungen.

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