„Meine geheimnisvolle Heimat“: Wie Rilke sich sein goldenes Russland schuf

In Moskau hat die deutsch-schweizerisch-russische Ausstellung „Rilke und Russland" eröffnet. Russia Beyond hat sie für Sie besucht und zeigt Ihnen, wie der große deutsche Dichter zu seinem fantastischen Russlandbild kam.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) reiste in seinem Leben nur zweimal nach Russland. Auf beiden Reisen, in den Jahren 1899 und 1900, wurde er von seiner Geliebten begleitet: Lou Andreas-Samolé (1861 – 1937) stammte aus einer adeligen Militärfamilie aus Sankt Petersburg. Durch und über die 16 Jahre ältere Andreas-Salomé, die just zu jener Zeit auch die eigenen russischen Wurzeln wieder- und aufdecken wollte, fand Rilke, damals als Dichter noch völlig unbekannt, seinen ganz persönlichen und buchstäblichen fantastischen Weg gen Osten. Russland nahm ihn ein; und Rilke schuf sich ein emotionales Reich, dass er Russland  nannte und zu seiner geistigen Heimat machte.

Lou Andreas-Salomé um 1900

„Dass Russland meine Heimat ist, gehört zu jenen großen und geheimnisvollen Sicherheiten, aus denen ich lebe.“

Dies sagte Rilke später und auch, dass Russland das einzige Land sei, dass an Gott grenze. Russland überwältigte Rilke. Der deutsche Poet, der mit seinem Symbolismus bald die Weltliteratur erobern sollte, lernte die Sprache, beschäftigte sich intensiv mit Kunst und Kultur und unterhielt Kontakte zu bedeutenden Kulturschaffenden und Literaten in und aus Russland, darunter Marina Zwetajewa und Boris Pasternak. Und auch Lew Tolstoi traf er direkt auf seiner ersten Reise. Da sich Tolstoi jedoch bekanntermaßen nichts aus Lyrik machte und Rilke noch ein völliger Niemand war, endete der berühmte Spaziergang in Jasnaja Polana dann mit einer einzigen Enttäuschung für Rilke. 

Leonid Pasternak: Porträt von Rainer Maria Rilke, gemalt 1928, zwei Jahre nach dessen Tod

Der später entstandene Kontakt zu Zwetajewa entwickelte sich dafür zu einer leidenschaftlichen Schreib-Romanze. Zwetajewa schrieb Rilke insgesamt neun platonische (!) Liebesbriefe in deutscher Sprache und widmete ihm eine ihrer bedeutendsten Dichtungen: den „Neujahrsbrief. Poem vom Ende" (1924). Rilke wiederum verfasste zahllose Briefe an die russische Ausnahme-Dichterin.

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Und später schrieb er gar selbst fünf Gedichte in russischer Sprache. Die kleinen grammatischen Mängel letzterer nahmen Rilkes russische Zeitgenossen und bis heute viele russische Poesie-Experten und –Fans als Zeichen seiner Aufrichtigkeit und der echten Vollkommenheit der Verse.

Ausstellung „Rilke und Russland“ vom 7. Februar bis zum 31. März 2018 im Staatlichen Wladimir-Dal-Literaturmuseum in  Moskau

Rilke kam als suchender Mittzwanziger zum ersten Mal nach Russland. Wie seine Begleiterin Andreas-Salomé stand er der Religion skeptisch gegenüber. Aber in Russland meinte er dann, seinen Gott gefunden zu haben:

"Ein einziges Mal in meinem Leben hatte ich ein echtes Ostern; das war damals in jener langen, unvergleichlichen, besonderen und stürmischen Nacht, als von überallher das Volk sich sammelte, (der Moskauer Kremlturm - Anm. d. Red.) Iwan Welikij mich im Dunkel schlug, Schlag für Schlag. Das war mein Ostern, und ich denke, es reicht für mein ganzes Leben. In jener Moskauer Nacht wurde mir feierlich die Kunde gebracht, die mir ins Blut und ins Herz kroch und nun weiß ich: Christus ist auferstanden!“

Ihn faszinierten die orthodoxen Traditionen, die hiesige Ikonenmalerei. Das Gold, das in den Heiligenbildern für das "Licht Gottes" steht, sollte künftig auch in Rilkes Lyrik eine tragende Rolle spielen.

Ausstellung „Rilke und Russland“ vom 7. Februar bis zum 31. März 2018 im Staatlichen Wladimir-Dal-Literaturmuseum in  Moskau

Nach seiner ersten Russlandreise schreibt Rilke im Februar 1900 an seinen wohl besten Freund in Russland, den Maler Leonid Pasternak:

„Nun muss ich Ihnen zunächst erzählen, dass Russland mir, wie ich es Ihnen auch vorausgesagt habe, mehr als flüchtiges Ereignis war, dass ich seit August vorigen Jahres fast ausschließlich damit beschäftigt bin, russische Geschichte, Kunst und Kultur und nicht zu vergessen: Ihre schöne, unvergleichliche Sprache zu studieren; wenn ich auch noch nicht sprechen kann, lese ich doch ziemlich mühelos Ihre großen (Ihre so großen) Dichter!“

Etwa zur selben Zeit schreibt er in Berlin den ersten Teil seines „Stundenbuchs“, mit dem er dann in den Olymp der großen Dichter aufsteigen sollte. 

Die russische Malerei brachte Rilke, der später einmal Rodins Sekretär werden sollte, erstmals zur Bildenden Kunst.

Rilke hatte unzählige Pläne und Träume rund um seine "geheimnisvolle Heimat", wie er Russland nannte. Er wollte Bücher über die russische Malerei und Kultur schreiben, russische Literatur übersetzen, wollte wieder nach Russland reisen und am liebsten gar umsiedeln. Viele seiner Pläne blieben unverwirklicht. 

Denn Rilkes "goldenes" Russlandbild entsprach keineswegs der Realität des beginnenden 20. Jahrhunderts. Industrialisierung, politische Extreme, der bevorstehende Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution gehörten nicht zu seinem imaginären Russland. Und so zog er letztlich in kein russisches Dorf, sondern in die Schweiz und nach Frankreich. Dennoch träumte er bis zu seinem Leukämie-Tod von einer erneuten Reise nach Russland.

Ausstellung „Rilke und Russland“ vom 7. Februar bis zum 31. März 2018 im Staatlichen Wladimir-Dal-Literaturmuseum in  Moskau

„Rilke besucht nicht Russland, er sieht nicht Russland. Das war eine innere Reise“, betonte der Botschafter der Schweiz in Russland, Yves Rossier, im Vorfeld der Eröffnung der Ausstellung "Rilke und Russland" in Moskau. Rilke habe seine eigenen Illusionen auf Russland projiziert, aber die entstandenen „Licht und Schatten der Seele Russlands“ in Rilkes Wahrnehmung und Schaffen seien „zutiefst menschlich und geht uns darum allen nah“.

„Gut, dass Rilke nicht Politiker war. Aber gut, dass wir einen solchen Dichter haben“, pflichtete Rossiers bundesdeutscher Amtskollege Rüdiger von Fritsch bei. 

Ausstellung „Rilke und Russland“ vom 7. Februar bis zum 31. März 2018 im Staatlichen Wladimir-Dal-Literaturmuseum in  Moskau

Der Ausstellung ging es nun auch nicht darum, einfach nur Rilkes Russland-Reisen und -Kontakte zu dokumentieren. Kurator Thomas Schmidt betont vielmehr, dass es im Kern darum gehe, wie sich Menschen ein Bild von anderen Ländern machen - am Beispiel des großen deutschen Dichters. Wie es zur Verklärung kommen kann und wie unrealistisch diese ausfallen kann, erst recht, wenn man sie aus dem Heute betrachtet. Diese Brücke zur Gegenwart schlagen dann auch Foto-, Film- und Textprojekte auf den Spuren Rilkes im heutigen Russland.

In diesem abgetrennten - intimen - Raum wird der Briefwechsel zwischen Rilke und Zwetajewa präsentiert.

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