Der Heilige Nikolaus – Russlands meistverehrter Heiliger (FOTO)

Russia Beyond (Photo: Tretyakov Gallery; Sergei Vedyashkin/Moskva agency)
In Russland wurde der byzantinische Heilige Nikolaus einst als „ureigener“ Heiliger wahrgenommen. Heute gibt es in Russland keine einzige Kirche ohne eine Ikone mit seinem Bildnis.

Der Heilige Nikolaus – Erzbischof von Myra in Lykien (heutige Türkei) – ist einer der am meisten verehrten christlichen Heiligen. Er lebte vom Ende des dritten bis zum Beginn des vierten Jahrhunderts und war berühmt für seinen frommen Lebenswandel, seine tiefe Kenntnis der Heiligen Schrift (deshalb zeigen ihn die Ikonen oft mit der Bibel in der Hand) und seine Liebe und sein Mitgefühl für die Menschen. Zu seinen Lebzeiten vollbrachte er viele Wunder, um anderen zu helfen: Er erweckte Tote zum Leben, heilte Kranke und rettete Menschen vor dem Verhungern.

In der Folklore ist der Heilige Nikolaus als Weihnachtsmann bekannt, während man ihn in Russland als Nikolaus den Wundertäter kennt. Hier wurde dieser frühchristliche Heilige wie ein Mitglied der Familie geliebt und verehrt. In erster Linie wurde er in schwierigen Lebenssituationen um Hilfe, Rettung und Schutz angefleht. In keinem Gotteshaus fehlte seine Ikone oder sein Fresko.

Fresko in der Kirche des Ferapontow-Klosters (Dionysius, 1502)

Ikonenmaler in der ganzen Rusʻ arbeiten seit dem dreizehnten Jahrhundert an der Darstellung dieses Heiligen. Und im Laufe der Jahrhunderte, je nach der „Mode“ und dem Kanon der Ikonenmalerei, veränderten sich dieses Bild und dessen Details, ebenso wie der Stil der Darstellung.

Links: Nikolaus der Wundertäter, mit Hagiographie. Ende des 14. Jahrhunderts. Rostow.
Rechts: Der Heilige Nikolaus. Zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Moskau (Tretjakow-Galerie).

Die ältesten Nikolaus-Ikonen wurden oft in einem Rahmen mit den „Zeichen“ seiner Hagiografie versehen.

Der Heilige Nikolaus der Wundertäter mit seiner Hagiographie. Zeichen – erstes Viertel des 17. Jahrhunderts / Mittelteil – 1914. (Tretjakow-Galerie).

Ikonen mit dem Heiligen Nikolaus befanden sich im Haus eines jeden Gläubigen. Nikolaus wurde auf Ikonen oft zusammen mit der Mutter Gottes, Jesus und anderen wichtigen Heiligen dargestellt.

Der Heilige Nikolaus der Wundertäter, mit dem Heiligen Blasius von Sebastia und dem Mönch Nikita dem Bekenner. 1526, Welikij Nowgorod (Tretjakow-Galerie)

In der russischen Tradition wurde Nikolaus der Wundertäter als „ureigen“ angesehen, so dass nicht mehr er selbst, sondern die einzelnen mit ihm verbundenen Wunder verehrt wurden und ein Eigenleben führten.

Solche Wunder werden in den Byliný (den mittelalterlichen russischen Heldenliedern) und der russischen Folklore beschrieben. In der Kiewer Rus wurde das erste wundersame Ereignis im Zusammenhang mit dem Heiligen Nikolaus bereits Ende des 11. Jahrhunderts verzeichnet. Der Legende nach ließen fromme Eltern auf einer Pilgerfahrt in einem Boot aus Versehen ihren Säugling in den Dnjepr fallen – und das Kind ertrank. Das trauernde Paar betete inbrünstig zum Heiligen Nikolaus dem Wundertäter, und am Morgen entdeckten Priester in der Sophienkathedrale in Kiew den lebenden Jungen vor einer Ikone des Heiligen Nikolaus. Seitdem wurde das Bild besonders verehrt und dem so genannten Nikola dem Nassen wurden Kirchen in Moskau gewidmet.

Nach einer anderen Legende baten die Einwohner der belagerten Stadt Moschajsk im 13. Jahrhundert Nikolaus den Wundertäter inständig um Schutz. Plötzlich tauchte sein Bild am Himmel auf – er war gewaltig und in der einen Hand hielt er ein Schwert, in der anderen gleichsam die Stadt selbst. Natürlich rannten die Feinde weg und dieses Bild von Nikola von Moschajsk wurde in Russland berühmt. Seitdem wird er als Holzskulptur mit einem Schwert und dem Moskauer Kreml in den Händen dargestellt. In Russland gibt es eine große Anzahl ähnlicher Statuen. Nachstehend sehen Sie eine davon.

Der Heilige Nikolaus der Wundertäter (Nikolaus von Moschajsk). Skulptur aus Holz. Ende des 17. / Anfang des 18.. Jahrhunderts. 

Auch das Bild von Nikola von Welikorezkoje ist weithin bekannt. Einer Legende zufolge entdeckte ein Bauer Ende des 14. Jahrhunderts am Ufer des Flusses Welikaja (in der Nähe der Stadt Wjatka, dem heutigen Kirow) eine Nikolaus-Ikone, von der ein strahlendes Licht ausging. Es stellte sich heraus, dass sie auch Wunder wirkte – als ein Anwohner durch die Berührung geheilt wurde, begann eine regelrechte Pilgerfahrt aus allen umliegenden Dörfern und Städten.

Nikolaus der Wundertäter von Welikorezkoje. 16. Jahrhundert (St.-Seraphim-Kathedrale in Kirow)

Darüber hinaus wollten viele Städte ihre eigenen Kopien der Ikonen haben und die Ikonenmaler fügten ihnen immer etwas von sich selbst hinzu. Der Ruhm des heiligen Wundertäters Nikolaus erreichte schließlich Iwan den Schrecklichen, der zur Verbreitung des Bildes beitrug. 

Der Heilige Nikolaus der Wundertäter (Nikola von Welikorezkoje). Ende des 16. Jahrhunderts, Wologda (Tretjakow-Galerie)

Die Bildnisse des Heiligen Nikolaus Nikola von Welikorezkoje zeigen diesen immer bis zu den Hüften, wobei er mit der einen Hand den Segen erteilt und in der anderen Hand ein Evangelium hält. 

Nikola von Welikorezkoje, 16. Jahrhundert. Vermutlich aus Wologda (Tretjakow-Galerie)

In der Rus war das Fest des Nikola Weschnij (dt.: Frühlings-Nikolaus) weit verbreitet und wurde offiziell als Tag der Ankunft der Reliquien in der Stadt Bari bezeichnet. Das Ereignis fand im 10. Jahrhundert statt, als Kreuzfahrer die wundertätigen Reliquien aus dem Grab des Heiligen Nikolaus aus Myra in Lykien nach Bari (im heutigen Italien) brachten, um sie vor den türkischen Eroberern zu retten. Zahlreiche Ikonen zeigen die Reise des Grabes mit den Reliquien und wie es in Bari begrüßt wird.

Überführung der Reliquien des Heiligen Nikolaus von Myra in Lykien nach Bari. 1847. Palech

Ein anderes Bild des Heiligen, das in Russland verehrt wird, ist der Heilige Nikolaus von Sarájsk, dem in der altrussischen Literatur ein ganzer Zyklus von Romanen gewidmet wurde. 

Der Heiligen Nikolaus von Sarájsk aus der Kathedrale des Heiligen Nikolaus des Wundertäters in Sarájsk

Es gibt zahlreiche Ikonen mit der Darstellung des Nikolaus von Sarájsk. Er ist in voller Größe, mit geschlossenem Evangelium und einer segnenden Geste abgebildet. 

Links im Bild: Nikolaus von Sarájsk. Zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts. Tretjakow-Galerie
Rechte Seite: Nikolaus von Sarájsk. 17. Jahrhundert. Wolga-Region. (Sammlung russischer Ikonen mit Unterstützung der Stiftung des Apostels Andreas)

Gemälde von Nikolaus dem Wundertäter nehmen in der Sammlung der Tretjakow-Galerie einen besonderen Platz ein – und das nicht ohne Grund. Eine andere Version der Darstellung des Nikolaus von Sarájsk ist eng mit Pawel Tretjakow, dem Gründer der Galerie, verbunden. Dieser wurde in einem Haus neben der Kirche Mariä Geburt in Golutwin geboren, wo es eine Kapelle gab, die Nikolaus dem Wundertäter gewidmet war. Es gab eine einzigartige Ikone von Nikolaus von Sarájsk, die vom Kreml-Ikononenmaler Tichon Filatjew geschaffen wurde. Sie zeichnet sich durch die filigran dargestellte byzantinische Landschaft im Hintergrund aus.

Nikolaus der Wundertäter (Nikolaus von Sarájsk, links in der Ikone) und Johannes der Täufer (der Wüstenengel). Ikonenmaler Tichon Filatjew. 1691

Später war Pawel Tretjakow Gemeindemitglied der St.-Nikolaus-Kirche in Tolmatschy, in unmittelbarer Nähe derer er seine Galerie errichtete. Heute gilt die Kirche als Hauskirche der Tretjakow-Galerie und die wichtigsten orthodoxen Ikonen werden hier aufbewahrt – die Heilige Dreifaltigkeit von Andrej Rubljów und die Wladimir-Ikone der Gottesmutter. Natürlich gibt es auch eine Ikone von Nikolaus dem Wundertäter.

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