Verhasstes Zentrum: Warum die russische Provinz Moskau nicht leiden kann

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Russen, die nicht aus Moskau kommen, sind überzeugt, dass in der Hauptstadt unsympathische, arrogante Menschen leben. Russia Beyond hat versucht, die Gründe dafür ausfindig zu machen.

Unersättlich

Über die Moskauer, die "Ur-Einwohner" der russischen Hauptstadt, wird außerhalb der Metropole viel gemeckert, viel gelacht. Oft heißt es:

„Wie Sklaven leben sie in Hypothekenwohnungen. Alles wurde auf Kredit gekauft: Autos, iPhones, Urlaubsreisen, Kleidung. Sie stolzieren herum und geben damit an. Sie führen millionenschwere Renovierungen durch. Ihr Essen ist super ökologisch. Alles ist maßgeschneidert. Die Frisörsalons, die Kosmetiker ... Sie verdienen 100 000 Rubel (etwa 1 370 Euro) und sagen, sie kämen damit über die Runden. Sie haben keine Ahnung vom Leben!“*

Das heikelste Thema für Russen aus den anderen Landesteilen sind die Gehälter und Ausgaben der Moskauer. Für viele ist schon diese „eklatante Ungerechtigkeit“ Grund genug, sie zu hassen. Zum Beispiel betrug im Jahr 2017 das Durchschnittsgehalt eines Moskauers 63 000 Rubel oder 890 Euro, im Jahr 2018 dann 67 000 Rubel oder 956 Euro, während das Durchschnittsgehalt in Pskow, einer Stadt 730 Kilometer nordwestlich von Moskau, bei 21 669 Rubel oder 309 Euro lag. In Wolgograd, einer Stadt 970 Kilometer südöstlich von Moskau, war das Durchschnittsgehalt um 1000 Rubel, beziehungsweise 15 Euro, höher als in Pskow.

Die Moskauer antworten für gewöhnlich darauf, dass das Leben in der Hauptstadt teurer sei – die Kosten für Unterkunft, Essen und Verkehrsmittel seien mit den anderen Städten nicht zu vergleichen. Es trifft jedoch ebenfalls zu, dass es in Moskau üblich ist, in einem Fitnessstudio ein Jahresabonnement im Wert von 50 000 Rubel, beziehungsweise 725 Euro, abzuschließen und das zwei Monate später zu vergessen. In einem Land, in dem laut staatlichen Statistiken 22 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben, kann eine Person aus der Provinz diese Geldverschwendung schwer nachvollziehen. Genauso schwer fällt es ihr, Menschen zu verstehen, die ein glutenfreies Brot für 549 Rubel, umgerechnet acht Euro, kaufen, wenn ein normales Brot auf dem Land etwa 35 Rubel oder 50 Cent kostet.

Hochmütig und arrogant

„Ich bin nicht aus der Hauptstadt. Ich bin in der Peripherie aufgewachsen und dort glaubt jeder, dass die Moskauer furchtbar sind. Sie sind unausstehlich und können nicht Auto fahren. Außerdem macht es den Eindruck, als ob ihnen jeder aufgrund ihres Herkunft etwas schulden würde. Sie sind geizig, arrogant und hochmütig.“*

Die persönlichen Eigenschaften sind ein weiterer Grund, warum manche Menschen die Moskauer am liebsten „umbringen“ würden. Es scheint, als ob in der Hauptstadt skrupellose Leute lebten, die für Geld ihr Gegenüber, ihre Freunde und ihre Mutter verkaufen würden. Darüber hinaus haben die Moskauer den Ruf, Snobs zu sein und sich selbst als die „höchste Kaste“ anzusehen. Es gibt in den sozialen Medien ganze Foren, Diskussionen und öffentliche Vorträge, die der Bosheit und Unwirtlichkeit der Moskauer gewidmet sind. Unter den beliebtesten Gründen wird beispielsweise aufgeführt, dass sie unersättlich seien und niemanden mögen, der ihnen unähnlich ist, erst recht keine Neulinge.   

Unterdessen beschreiben sich die Moskauer selbst als „einfache, ruhige und selbstbewusste Menschen“. Aus ihrer Sicht sind es die Zugezogenen, die provokativ und unausstehlich sind.

„Sobald sie eine Wohnung kaufen, werden sie zu eingefleischten Moskauern: Sie kritisieren den Bürgermeister, nutzen Carsharing-Dienste – und wie sie fahren, sie folgen keinen Regeln –, alles bei ihnen ist exquisit und sie haben diese harten Gesichter.“*

„Sie leben von unserem Geld"

„Moskau ist für den Rest des Landes wie ein Parasit– es saugt den Regionen das Blut aus.“*

In gewisser Hinsicht lebt Moskau tatsächlich auf Kosten des gesamten Landes. Hier bündeln sich die finanziellen, menschlichen und intellektuellen Ressourcen. Zudem profitiert die Hauptstadt von Steuern, die eigentlich dem Bundeshaushalt zugutekommen sollen und nicht Moskau allein.

Und obwohl der Lebensstandard eines durchschnittlichen Moskauers höher ist, als der eines Einwohners aus der Provinz, verstehen sie immer noch nicht: „Was die Moskauer damit zu tun haben? Inwiefern stehlen wir euer Geld?“

Ein separater Staat?  

Diejenigen, die danach streben, in die Hauptstadt zu ziehen und dort lange zu leben, sind oft über die Wohnungskosten entsetzt. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis in Moskau liegt je nach Stadtteil zwischen 1 690 und 5 235 Euro. Der Preis ist damit doppelt so hoch wie in Sankt Petersburg und fast sechsmal so hoch wie in den anderen russischen Städten, die mindestens eine Million Einwohner haben. Ein weiterer Punkt, der zum Hass beiträgt, ist die Tatsache, dass einige Moskauer Wohnungen erben und somit automatisch zu „ziemlich reichen Leuten“ werden. Jemand aus der Provinz hingegen kann nur davon träumen, in Moskau Eigentum kaufen zu können.

„Es handelt sich um einen Staat in einem Staat.“*

Ferner glauben manche, dass die Moskauer auf diese Weise versuchen, sich von den Menschen aus den anderen Landesteilen abzuschotten, über deren Leben die Moskauer nur wenig wissen. In manchen Fällen stimmt diese Annahme tatsächlich: „Übrigens, stelle ich mir bis heute, wenn ich mich an den Schulatlas erinnere, den Ural als eine riesige Felswand vor, die, wie bei „Game of Thrones“, in der Mitte des Landes in den Himmel ragt und hinter der Barbaren leben“, so ein Moskauer in einem Onlineforum.

* Meinungen, Kommentare und Behauptungen aus dem russischsprachigen Internet, aus Foren und sozialen Netzwerken zusammengetragen von der Autorin des Artikels. 

Wenn Sie daran interessiert sind zu erfahren, wie die Bewohner von Moskau leben, können Sie das in unserem Artikel über das Profil eines typischen Moskauers nachlesen.

>>> Survial Guide: Wie Sie einen echten Moskauer erkennen

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