Warum russische Männer zu Pantoffelhelden werden (und das sogar genießen)

Natalya Nosova
Wenn man Männer so reden hört, sind sie alle hart im Nehmen und erledigen die gesamte Hausarbeit. Doch das entpuppt sich als Lüge. In Wirklichkeit haben die Frauen die Hosen an.

Ich hatte in der Schule einen Freund. Sein Vater, Onkel Witja, war ein lauter und zänkischer Mann, der gerne trank und alle um sich herum beschimpfte – die Nachbarn, die Fußballmannschaft, und sogar Leonid Breschnew, den damaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei, allerdings in einem leiseren Ton.  

Onkel Witja machte zu Hause, auf der Straße und auf der Arbeit viel Krach. Bei einer Person im Haushalt jedoch wurde er ruhig – seiner Ehefrau, Tante Larisa. Nein, Sie war weder ein Drachen noch eine Hyäne – sie war eine ganz normale sowjetische Frau und eine tolle dazu. In ihrer Gegenwart wurde Onkel Witja äußerst zahm. Manchmal, nach dem einen oder anderen Getränk, konnte er sehr aufbrausend werden. Tante Larisa sagte in so einem Moment immer: “Witja, beruhige dich!“. Er nörgelte ein bisschen herum, um das Gesicht nicht zu verlieren, wurde dann jedoch tatsächlich ruhig.

Damals hat mich das als Kind sehr beeindruckt: Wie konnte ein Mann mit einem derart aufbrausenden Temperament so sanftmütig werden, sobald er die Stimme seiner Frau hörte. Später habe ich dieses Verhalten auch in anderen Familien beobachtet und fand eine einfache Erklärung dafür: Russische Männer sind in Wahrheit Pantoffelhelden und finden das noch nicht einmal schlimm. Im Gegenteil, sie genießen es sogar, ein Pantoffelheld zu sein, auch wenn sie es nicht offen zugeben und untereinander den harten Kerl mimen, der alle Arbeiten im Haushalt erledigt. Doch sie lügen. In Wirklichkeit haben in Russland die Frauen die Hosen an und sind das starke Geschlecht.

Ein patriarchal geprägtes Land

Doch ganz so einfach ist die Lage nun auch wieder nicht. Russland ist immer noch ein patriarchal geprägtes Land. Das ist sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft spürbar. So stößt beispielsweise eine Frau, die vorhat, Präsidentin zu werden, in der Bevölkerung auf vehementen Widerstand. Eine andere Frau, die wiederum eine erfolgreiche Unternehmerin wurde, hat mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass ihr entweder ihr Ehemann oder ihr Liebhaber dabei geholfen haben.

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Innerhalb einer russischen Familie ist die Situation allerdings genau umgekehrt. Diese Erfahrung machen Millionen von Russen jeden Tag. Die Beziehungen basieren auf der schlauen Formel, dass formal gesehen der Mann das Familienoberhaupt ist und alle Entscheidungen trifft. Die Frau, so scheint es, ist diejenige, die sich unterordnet. Doch in der überwältigenden Mehrheit der Fälle ist in einer russischen Familie genau das Gegenteil der Fall. In Wirklichkeit ist die Frau das Oberhaupt der Familie, die alles – von der Farbe der Tapete bis hin zum nächsten Reiseziel – bestimmt.

Erfahrungen aus zwei Ehen

Ich selbst durfte diese Erfahrung in meinen zwei Ehen machen. In der ersten Ehe versuchte ich es noch, der Chef zu sein. Ich verdiente um einiges mehr als meine Frau und entschied, was wir kauften und wohin wir gingen. Das führte oftmals zu Streit, da meine Frau nicht immer gewillt war, mich bei meinen Beschlüsse zu unterstützen. Schließlich wurde auch ich müde, immer der Chef zu sein. Warum sollte ich mir einen Kopf machen, wenn es jemanden gibt, der in der Lage ist, die Probleme allein zu lösen und dabei sogar erfolgreicher ist.  

In meiner zweiten Ehe änderte ich grundlegend meine Taktik. Nun kümmerte sich meine Frau nahezu um alles, während ich mich im Spaß als Pantoffelhelden bezeichnete und mich in dieser Rolle wohl fühlte. Ich kenne Familien, in denen die Ehemänner erfolgreiche Geschäftsleute sind, die viel Geld verdienen und auf der Arbeit der Chef hunderter Mitarbeiter sind. Sobald sie jedoch nach Hause kommen, werden diese Männer still und ruhig, da dort ist jemand anderes der Chef ist – ihre Ehefrau.

Disfunktionales Familienmodell

Ich habe lange versucht, dieses Phänomen zu verstehen. Warum sind russische Männer bereit, den Pantoffelhelden zu spielen? Und warum steht das nicht im Konflikt mit dem berühmten russischen Temperament? Selbst dann nicht, wenn der Mann es gewöhnt ist, auf Arbeit der Chef zu sein?

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Ich denke, das Problem liegt im dysfunktionalen Familienmodell, das vor langer Zeit in den Jahren des Sozialismus propagiert wurde. Die Männer arbeiteten meist lange und hart und hatten so gut wie keine Zeit, sich um die Kinder zu kümmern. In den sowjetischen Memoiren ist der Mann meist immerfort auf der Arbeit, auf einer Geschäftsreise, an der Front oder im Gefängnis.   

Die Frauen, Mütter oder Großmütter mussten sich demnach um alles andere kümmern. Aus diesem Grund sind die russischen Frauen wohl die stärksten Frauen der Welt – eine Aussage, den ich mit Stolz und Traurigkeit zugleich treffe.

Auch ich wurde von meiner Mutter allein erzogen, da mein Vater Geologe war und sich immer auf aufregenden Expeditionen oder Reisen befand. Er liebte das Jagen und Kajakfahren in Flüssen, während Jungs wie ich unter der Aufsicht von Großmüttern und Müttern aufwuchsen, die hauptsächlich für ihre Erziehung zuständig waren. Wir haben uns also von unserer Kindheit daran gewöhnt, den Frauen zu gehorchen und sie entscheiden zu lassen. Unsere Väter ruhten sich währenddessen abends ungestört aus oder gaben ihren Söhnen für schlechte Schulnoten eine Ohrfeige, um ihrer pädagogische Verantwortung nachzukommen.

Darüber hinaus hatten russische Väter damals oft ein Alkoholproblem und wirken daher nicht besonders sympathisch. Es ist also nur logisch, dass wir bereits in der Kindheit zu akzeptieren lernten, dass die Frau zu Hause die Verantwortung trägt. Es war schon als Jungen normal für uns, einer Frau zu gehorchen – egal, ob es sich nun um seine Ehefrau, seine Mutter oder andere weibliche Familienmitglieder handelt. Das führte oft zu langwierigen innerfamiliären Konflikten unter den Frauen und dazu, dass die Frauen nicht friedlich miteinander leben und sich einen Mann teilen konnten.

In nicht allzu ferner Zukunft könnten sich die russischen Familienstrukturen jedoch ändern, da die Frauen mittlerweile selbst sehr viel arbeiten und bereit sind, viele ihrer Familienpflichten abzugeben. Sie wollen nicht mehr alles allein entscheiden. Aber es scheint mir, dass unsere Männer bisher wenig daran interessiert sind, sich aus ihrer Rolle des Pantoffelhelden zu befreien.

Dieser Artikel spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider und wird von Russia Beyond nicht notwendigerweise geteilt.

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