Lapti: Traditionelles bäuerliches Schuhwerk und Zaubermittel in einem

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GEORGI MANAJEW
Lapti sind traditionelle russische Schuhe aus Birkenbast. Zu wissen, wie man diese Schuhe herstellt, war wichtig für jeden Russen. Waren sie ausgelatscht, wurden sie zur Abwehr böser Kräfte eingesetzt oder zum Transport von Hausgeistern von einer Behausung zur anderen.

Alte, zerfledderte und ausgelatschte Lapti (Singular im Russischen: Lapto) hängen auf Zäunen und stehen in Häusern, so dass sie dem Besucher als erstes ins Auge fallen, wenn er eintritt. Lapti dienten als Zaubermittel, das die bösen Gedanken, die ein Besucher ins Haus bringen könnte, abwehren sollte.

Außerdem wurde in alten Lapti der Domowoj, der russische Hausgeist, bei einem Umzug von einem Haus ins anderen getragen.

Lapti waren bäuerliches Schuhwerk. Ein gutes Paar kostete etwa drei Kopeken, während die günstigsten Lederstiefel schon mindestens fünf Rubel kosteten. Russland wurde sogar „Land der Lapti“ genannt, sollte heißen: Land des armen Bauernvolkes.

Prähistorische Schuhe

Schuhe aus Pflanzenfasern wurden von vielen Völkern und Kulturen gefertigt. Die Polynesier stellten Schuhe aus den Fasern der Kokospalme her, um damit beim Fischen auf dem Meeresboden laufen zu können. Das schützte sie vor Verletzungen durch Steine oder Muscheln. In einer Höhle in Missouri wurde eine ganze Menge solcher Schuhe gefunden, die von indigenen amerikanischen Völkern gefertigt worden waren. Die japanischen Waraji sind Sandalen aus Reisstroh.

Erstmals wurden Lapti in Russland, dem Land der Wälder und Forste, im 12. Jahrhundert erwähnt. Archäologen haben jedoch herausgefunden, dass die Schuhe noch älter sind. Wie werden sie gemacht? Baumrinde wird zusammen mit dem Bastgewebe vom Stamm abgezogen (von Birke, Linde, Eiche, Ulme usw.) und gelagert. Vor der Herstellung der Lapti wurde die Rinde in Wasser getränkt, der Bast abgelöst und in Streifen geschnitten – fertig zum Weben.

Weben mit dem Waldgeist

In russischen Volksmärchen wird oft beschrieben, wie Leschij, der „Hüter des Waldes“, selbst Lapti herstellt oder einen Mann mit der Gabe Fußbekleidung zu weben, beschenkte.

„Großvater Michail hatte einmal harte Zeiten und bat den Leschij um Hilfe. Als junger Mann brachte er seine Ahle in den Wald und legte sie mit etwas Tabak und Brot auf einen Baumstumpf, als Gabe für den Leschij. In der Nacht stellte der Leschij mit der Ahle Lapti für sich selbst her. Am nächsten Tag holte Großvater seine Ahle zurück und seitdem schuf er außergewöhnliche Lapti, die sehr weich waren und nicht kaputt gingen“, berichtete eine Bauersfrau einem Ethnologen.

Bei einem Erwachsenen hielt ein Paar guter Lapti rund zehn Tage. Während der Erntezeit konnte es sein, dass sie nur vier Tage hielten. Alte Lapti wurden niemals weggeworfen, oh nein. Sie wurden an Zäunen, im Schuppen oder im Haus aufgehangen. Sie wurden als Abwehrzauber eingesetzt, da sie auf eine spezielle Weise kreuzförmig gewebt waren. Natürlich bewahrten die russischen Bauern nicht alle alten Lapti auf, aber sie verbrannten sie, da die Überlieferung sagte, dass es verboten sei, sie wegzuwerfen.

Lapti in ganz Russland

In verschiedenen Regionen gibt es unterschiedliche Methoden, Lapti zu weben. In Zentralrussland wurde der Bast diagonal gelegt und mit dem Weben vom Absatz aus begonnen. In westlicheren Teilen wurde am Zeh mit dem Weben angefangen und der Bast quer verwebt. In Moskau reichten die Lapti bis zum Knöchel, während sie im Norden flach und spitz waren. Winter-Lapti wurden doppellagig gewebt und hatten manchmal eine Ledersohle. Es gab auch Lapti für das Wochenende, dünn, geschmückt mit Ornamenten und mit einer Schleife aus Wolle zusammengebunden.

Jeder konnte Lapti herstellen. Es gibt ein altes russisches Sprichwort über einen betrunkenen Mann. Das sei jemand „der keinen Bast weben kann“, was heißt, dass dieser Mann gar nichts kann.

Dies veranschaulicht, wie bedeutend das Weben für die Russen war. Wenn ein Junge oder ein Mädchen sein erstes Paar Lapti vollendet hatte, wurden diese im Ofen verbrannt und der junge Weber schluckte die Asche (mit etwas Wasser oder Brot) herunter. Nach dieser so geschmackvollen Köstlichkeit würde man nie wieder vergessen, wie Lapti gemacht werden, glaubten die Russen.

Lapti waren Alltagsfußbekleidung bis zu den Anfängen der Sowjetunion. Während des Bürgerkrieges trugen die Soldaten der Roten Armee überwiegend Lapti. Es gab sogar eine staatliche Kommission, Tschekwalap, zu Deutsch etwa „Außerordentliche Kommission für Walenki und Lapti“, die für den Lapti-Nachschub der Armee verantwortlich war.

Nachdem in der UdSSR die Produktion von Schuhen aus Leder und Gummi begann, wurden Lapti langsam überflüssig. Obwohl sie auch heutzutage in ländlichen Gebieten noch getragen werden, ist dies auch für russische Bauern und die Landbevölkerung eher exotisch.

Doch wie gelang es den Russen, über Jahrhunderte Lapti herzustellen, ohne alle Bäume zu zerstören? Nun, das bleibt ein Geheimnis. Wir können nur vermuten, dass sie eine Methode beherrschten, die es erlaubte, die Rinde ein- und desselben Baumes mehrere Jahre lang zu nutzen.

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