Worüber lachen die Russen?

Lifestyle
ALEXANDRA GUSEWA
Nein, nicht über den ewigen Winter, Wodka und Matrjoschkas.

Über sich selbst

Die Russen lieben es, über sich selbst zu lachen. Im Netzwerk gibt es ein populäres Meme Dieses Land ist unbesiegbar, das sich über völlig absurde Ergebnisse des russischen Einfallsreichtums amüsiert.  

Als Teslas Rakete Falcon Heavy ins All geschickt wurde, reagierten die Russen mit Ironie und starteten den Flashmob Wie gefällt dir das, Elon Musk?, im Rahmen dessen sie auch unglaubliche Erfindungen veröffentlichten, um die der Millionär die Russen beneiden müsse.

Aber die Ausländer sollten daran denken: Russen lachen zwar sehr gerne über sich selbst, aber sie lassen sich nicht gerne von Außenstehenden verspotten oder kritisieren.

Außerdem reißen Russen KEINE Witze über den Zweiten Weltkrieg – dieses Thema ist sehr sensibel, in fast jeder Familie hat jemand an der Front gekämpft oder ist gar gefallen. Aber es gibt Witze über Hitler und die Nazis. Stalins Repressionen sind ebenso kein Thema für Witze, obwohl Stalin selbst ein unverzichtbarer Held von Anekdoten ist.

Über korrupte Beamte und Verkehrspolizisten

Die Tradition der politischen Anekdote, die hinter vorgehaltener Hand erzählt wird, ist nicht ausgestorben – nur ist sie inzwischen in das Internet umgezogen. Die Russen lachen über die Regierung und vor allem über korrupte Beamten. Im Fernsehen werden Serien und Comedy-Shows darüber gezeigt, wie Korruption und Unterschlagung die Amtsträger in peinliche Situationen bringt oder sie deren gesamtes Vermögen kostet. Mit besonderer Freude lachen die Russen darüber, wie sich die ehemaligen Großkopferten plötzlich in der Lage einfacher Menschen befinden.

Russen haben im Alltag häufig mit Verkehrspolizisten zu tun. In den Witzen über diesen Berufsstand geht es meist darum, dass die Ordnungshüter ein kleines Einkommen haben und sich deshalb an den Verkehrssündern gesundstoßen. Die Russen sind sehr widersprüchlich – die einen sagen: „Ich saß betrunken am Steuer und die Bastards haben mich angehalten. Jetzt wird mir mein Führerschein abgenommen oder ich muss ein Bestechungsgeld zahlen“, die anderen sagen: „Ich saß betrunken am Steuer und die Bastards haben mich nicht einmal angehalten. Wofür werden diese faulen Säcke eigentlich bezahlt?“

Die Comedy-Show Nascha Russia (Unser Russland), die alle Stereotypen über Russen – Homophobie, Oligarchen und viele andere Dinge – verspottet, amüsiert sich auch über den angeblich einzigen ehrlichen Verkehrspolizisten im Land, dessen Familie am Verhungern ist.

Über die Angst vor Putin

Jeden Tag gibt es neue Witze über Putin. Zum Beispiel, dass die Leute, sobald sie den Namen Putin hören, sofort alle anfangen zu arbeiten und Ordnung zu halten.

Sie scherzen auch darüber, dass Putin im Westen gefürchtet wird. Dieser Humor hat zwei Seiten der Medaille: Einerseits ist er eine Reaktion auf die westliche Propaganda, die Russland und Putin als die größten Aggressoren der Welt betrachtet. Auf der anderen Seite ist er eine Reaktion auf die Propaganda im eigenen Land, die der Bevölkerung suggeriert, dass Putin es allen noch zeigen wird!

Satiresendungen im Fernsehen zeigen Russland oft als einen starken Mann, der seine Freundinnen, die ehemaligen Sowjetrepubliken, vor dem ungehobelten NATO-Typen rettet.

Über die Nachbarländer

Besonders gerne wird über Belarus gescherzt. Die Russen lachen über die Tatsache, dass das Land so viele Kartoffeln exportiert und die Belarussen dieses Gemüse als Nationalheiligung verehren. Neben den Kartoffeln lieben die Belarussen nach Ansicht der Russen nur ihren Landesvater Alexander Lukaschenko.

Über Blondinen und Frauen

Blondinen, die sich angeblich durch eine geringe Intelligenz auszeichnen, sind die Helden einer Vielzahl von Witzen. Und im Allgemeinen geht es beim Männerhumor um die „weibliche Logik“ – „Ich bin sauer auf dich, aber weiß eigentlich gar nicht mehr, warum.“ Humoristen geben den Ratschlag, wie man mit Frauen umgeht: Auch wenn du Recht hast, entschuldige dich sicherheitshalber trotzdem!

Vor allem blonde Autofahrerinnen werden auf die Schippe genommen. Angeblich haben sie ihren Führerschein gekauft, das Auto wurde ihnen von einem reichen Liebhaber geschenkt, sie können nicht fahren und wissen überhaupt nicht, wie das Auto funktioniert, lackieren ihre Fingernägel im Stau und biegen nach rechts ab, wenn sie nach links blinken.

Über die Amerikaner

Der Vergleich zwischen Russen und den Amerikanern ist seit Sowjetzeiten ein beliebtes Thema. Der American Way of Life ist eine Messlatte für viele Russen. Die Formulierung „Aber in den USA...“ ist häufig zu hören, wenn sich das Gespräch um Waffen, Mode, Essen und Lebensgewohnheiten dreht.

Der beliebte Stand-up-Comedian Michail Sadornow hat die letzten dreißig Jahre den Amerikanern eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt und war verantwortlich für das Meme Nu tupyje! (Mensch, sind die bescheuert!), da er die Wendung stets in seine Geschichten über seine Reisen in die USA, die mangelnde Allgemeinbildung der Amerikaner und seltsame Gesetze des Landes einbaute.

Nachdem dieser Meme zunehmende Beliebtheit gewonnen hatte, begannen die Leute auf der Straße, Sadornow ihre eigenen Erlebnisse mit Amerikanern zu erzählen, und der Comedian hatte wohl ausreichend Material. So wurde ihm, zum Beispiel, berichtet, wie ein Amerikaner angeblich versucht habe, ein Sandwich im Safe seines Hotelzimmers aufzuwärmen, weil er dachte, es sei eine Mikrowelle.

Sadornow machte jedoch klar, dass dies Satire mit doppelten Boden sei: Er lachte eigentlich über die Russen, die die Amerikaner nicht verstehen. „Wir sind dumm, wenn wir sie darin imitieren, worin sie schlimmer sind als wir“, bemerkte der Komiker.

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