Buch mit sieben Siegeln: Die undurchschaubaren Seiten eines Russen

Oleg Soloto/Sputnik
Wollen Sie, dass man Sie für einen Russen hält? Oder dieses Volk einfach nur besser verstehen? Hier erfahren Sie, was einen Russen zum Russen macht.

1.  Warten Sie bis zur letzten Minute! 

Bo Andersson, der erste nicht-russische Vorstandsvorsitzende im VAZ-Automobilwerk (2013 - 2016), sagte (rus) einmal: „Ich liebe Russen, denn was in Europa eine Woche dauert, würde in Russland nur einen Tag dauern. Und wenn du einem Russen eine Woche gibst, fängt er trotzdem erst am letzten Tag an.“ 

Lange dauerte die Liebe nicht, denn Andersson stand nur kurz und ohne Erfolg an der Spitze von VAZ. Aber er hatte eines richtig erkannt: Russen neigen dazu, erst kurz vor Toresschluss eine Aufgabe zu beginnen. Schließlich können sich bis zum Ende noch Änderungen ergeben, zum Beispiel könnte eine Bestellung wieder storniert werden. Wartet man bis zum letzten Moment, spart man sich gegebenenfalls überflüssige Arbeit. 

Ein Russe erledigt lieber alles auf einmal in kurzer Zeit, als sich seine Arbeit aufzuteilen. Schon in der russischen Geschichte finden sich dafür prominente Beispiele, etwa der Bogatyr Ilja Muromez, der bis zu seinem 30. Lebensjahr bewegungsunfähig war und dann in kurzer Zeit zahllose Heldentaten vollbrachte. 

Dies Aufschieberitis führt dazu, dass Russen im Vergleich zu den Europäern laut einer aktuellen Studie (eng) mehr Wochenenden und Nächte arbeiten. Ein Nachteil ist jedoch die Qualität. Die leidet unter dem Zeitdruck. Schauen Sie sich mal ein VAZ-Fahrzeug an… 

2. Seien Sie schlagfertig! 

Die Kunst des Wortgefechts wurde in Russland von jeher geschätzt. Eine schlagfertige Antwort auf einen witzigen Ausspruch gilt als Zeichen von Stärke, insbesondere, wenn man eine Demütigung oder Beleidigung gekonnt mit gleicher Münze heimzahlt. Mit Wortgewandtheit verschafft man sich Respekt und eine lustige Antwort kann eine hitzige Auseinandersetzung in einen humorvollen verbalen Schlagabtausch verwandeln. 

Insbesondere aus russischen Gefängnissen gibt es viele Beispiele für spitze Antworten, mit denen man seine Würde wahrt. Ein harmloses Beispiel dafür ist etwa: Man drückt Ihnen einen Besen in die Hand und sagt: „Spiele etwas auf dieser Gitarre!“ Wenn Sie nun die „Gitarre“ nehmen und Sie mit den Worten: „Die muss zuerst gestimmt werden!“, zurückgeben, haben Sie gewonnen. 

3. Kritisieren Sie Russland und die Russen! 

Warum kritisiert man das Land, in dem man lebt und seine eigenen Landsleute? Vielleicht aus dem gleichen Grund, wie Polarforscher oder Extrembergsteiger von ihren Abenteuern berichten: „Es ist furchtbar und gefährlich, es gibt nur begrenzte Vorräte und niemandem kann man trauen. Doch ich meistere diese Herausforderung wie ein Profi.“ 

4. Seien Sie ehrlich!  

Russen sind auf Ehrlichkeit fixiert. Ehrlich zu sein (oder andere dazu zu bringen, zumindest zu glauben, dass Sie aufrichtig sind) wird als eine der höchsten Tugenden angesehen. Das ist in vielen Kulturen der Fall. Doch für die Russen ist es entscheidend, dass man stets zu seinen Gefühlen steht.

Wenn es jemandem schlecht geht, so hat dies einen Grund (Krankheit in der Familie, finanzielle Schwierigkeiten, Pech usw.). Also sollte man dazu stehen und zumindest ein wenig geknickt sein, ansonsten erweckt man den Verdacht, etwas verbergen zu wollen oder gar ein Lügner zu sein.

Ebenso sollten Sie auch einen Grund für gute Laune haben. Denn „Lachen ohne Grund ist ein Zeichen für einen törichten Menschen“, heißt es in Russland. Deshalb lächeln die Russen wohl auch so selten, wie ein Vorurteil besagt.  

>>> Das Land des Nichtlächelns: Warum Russen nie die Zähne zeigen

5. Haben Sie stets einen guten Grund!  

Russen mögen Komplexität nicht. Paradoxerweise ist dies der Grund, warum sie so gut darin sind, Rätsel zu lösen, Programmcodes zu schreiben oder komplexe bürokratische Strukturen aufzubauen. Russen wollen den Dingen auf den Grund gehen. „Auch eine Krähe fliegt nicht ohne Grund“, sagen sie.

Sie sollten daher immer gut begründen können, warum Sie zum Beispiel zu spät kommen. Dann wird man Ihnen wohl verzeihen. Behalten Sie den Grund nicht für sich, weil Sie sich schämen. Erfinden Sie wenigstens eine Ausrede, denn sonst werden Sie als Schwächling gelten. Und schwache Menschen sind in der russischen Gesellschaft nicht beliebt. 

6. Seien Sie mutig!  

Nehmen wir an, Sie und einige andere Leute warten in einem Geschäftsgebäude auf einen Aufzug. Drei von ihnen funktionieren, und der vierte funktioniert nicht. Obwohl kein Wartungsschild vorhanden ist, versucht niemand, den nicht mehr funktionierenden Aufzug zu holen. Plötzlich kommt eine Person, wartet ein bisschen und drückt dann die Knöpfe des vierten Aufzuges. Nur für alle Fälle. Sie können darauf wetten, dass dies ein Russe ist. Er hat keine Angst, sich lächerlich zu machen. Ihm ist sicher aufgefallen, dass niemand vor dem vierten Aufzug gewartet hat. Aber, was, wenn er schon längst wieder funktioniert? 

Russen sind immer mutig. Sie wagen stets etwas. Auch, unbeaufsichtigte Sachen an sich zu nehmen. Wenn sich herausstellt, dass sie doch jemandem gehören, legt man sie einfach zurück. Sie wagen auch, was nie zuvor jemand gewagt hat, auch wenn es gefährlich oder gar lebensgefährlich sein sollte. Wenn sie nicht dabei scheitern, wird es gut ausgehen. 

>>> Sieben Gründe, warum die Russen so robust sind

7. Streben Sie nach Großartigkeit!  

Es ist wahr, Sie können nicht gleichzeitig etwas schnell und perfekt machen. Das heißt aber nicht, dass Sie nicht danach streben können. Zum russischen Traum gehört es, auf jeden Fall nach Höherem zu streben. Deshalb beweisen sie Mut, deshalb brechen sie Regeln, wagen sie sich an Unbekanntes und erfinden seltsame Fahrzeuge mit acht Reifen. Sie machen etwas, was nie zuvor jemand getan hat oder versuchen es zumindest.  

Was aber ist mit all den Russen, die ihr Leben lieber auf dem heimischen Sofa verbringen? Solche Leute gibt es in jeder Nation, könnte man sagen. Doch bei einem Russen verhält es sich anders. Er hat große Pläne, wird sich an Ilja Muromez erinnern und sagen: „Er hat auch erst spät angefangen, ein Held zu werden.” 

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