Die Menschen Dagestans: Ehrlich, offen, sehr direkt

Kommersant
Die südlichste Region Russlands ist immer wieder in den Nachrichten, gilt sie doch als Brutstätte des islamischen Terrorismus in Russland. Wer sich aber in die Bergwelt Dagestans und in seine Hauptstadt Machatschkala verirrt, stellt schnell fest, dass es sich hier sehr gut leben lässt.

Die Einwohner Dagestans haben ein Problem: Menschen fürchten sich davor, sie zu besuchen. Wenn man den Nachrichten glaubt, dann gibt es nichts Positives zu erleben und Besucher geraten beinahe zwingend in Schwierigkeiten. Sie werden sich also sicherlich wundern, dass in Dagestan der tiefste Graben der Welt und eine der ältesten menschlichen Siedlungen zu finden sind und die Region einzigartige Natur und unbeschreibliche Gastfreundschaft bietet. „Wir wollen der Welt immer beweisen, dass wir die besten sind“, sagen die Menschen Dagestan hinter vorgehaltener Hand. Die Phrase beschreibt die sehr lange Geschichte Dagestans bestens.

Ein Volk wie kein anderes

Tatsächlich gibt es in Dagestan aber keine klassisch dagestanische ethnische Gruppe. Mehr als 40 Volksgruppen, von denen 14 Ureinwohner der Region sind, leben in dem Gebiet, das vom nordöstlichsten Kaukasus bis in die südwestlichste kaspische Ebene reicht. Drei Millionen Menschen sind es insgesamt, und sie alle sind Dagestanis. Die größte Volksgruppe sind die Awars, gefolgt von den Dargins, den Kumiks, Lesgis, Russen, Laks, und so weiter.

Früher einmal führte auch die Seidenstraße durch Dagestan. Das Gebiet grenzte an die Türkei und den Iran, später wurde es von den Mongolen eingenommen, die zuvor bereits China, die alte Rus, Indien und Zentralasien erobert hatten. Immer jedoch kämpften die Menschen Dagestans um ihre Unabhängigkeit, mit einer solchen Vehemenz, dass sie auch einige der blutrünstigsten Invasoren vertreiben konnten. Einmal, wenn auch nur für kurze Zeit, schafften sie sich sogar wirklich ein unabhängiges Reich: das Emirat Derbent.

„Wir im Kaukasus sind alle Nomaden. Dennoch hat es immer eine gewisse Rivalität um den Titel der einheimischsten Nation gegeben“, sagt Muslim Alimirsaew, ein Einwohner Dagestans und Gründer des Projekts Unknown Caucasus (Unbekannter Kaukasus). In den Bergen herrsche ein endloser Kampf um die Weiden und jedes Dorf habe seine eigene Sprache, eigenen Legenden und Besonderheiten. In Dagestan sage man, die Dargins wüssten, wie man zu Geld komme, während die Awars am liebsten entspannten und das Leben genössen. „Wir sind aber immer vereint gewesen, wegen unserer Religion, 95 Prozent sind Muslime, oder einem gemeinsamen Gegner“, schließt Alimirsaew. Einst wollte der iranische Herrscher Tamerlane Dagestan niederwerfen, doch eine Miliz unter der Führung der dagestanischen Joan Arc Partu Patima vertrieb ihn wieder.

Frag mich wer ich bin

Nach dem Verlassen des Flughafens in Machatschkala fällt einem als erstes der Triumphbogen zu Ehren des 200-jährigen Jubiläums der Vereinigung Dagestans mit Russland auf. Zueinander fanden die beiden erstmals 1722, als Peter der Große Dagestan eroberte. Derbent war damals eine zentrale Macht in der kaspischen Region und wurde zur Basis der ersten zaristischen Expedition nach Persien. Diese Verbindung aber hielt nur 13 Jahre, bis Dagestan als Zeichen des guten Willens vom Zaren an den Iran abgetreten wurde. Die endgültige Rückkehr fand dann im frühen 19. Jahrhundert statt, nachdem der Russisch-Persische Krieg geendet hatte.

“Wenn ich ins Ausland reise, dann fragen mich die Leute, wer ich bin. Ich antworte: Zunächst mal bin ich Russe und an zweiter Stelle ein Dagestani. Erst an dritter Stelle folgt meine ethnische Zugehörigkeit: Awar“, erzählt Alimirsaew. „Ich bin nicht wegen meines Passes ein Russe. Ich bin Russe, weil ich Teil des gesamten Landes bin. So denken die meisten Menschen in Dagestan heute.”

Wir sind nicht freiwillig hier und freiwillig werden wir auch nicht gehen

Die Menschen Dagestans glauben, dass das Gebiet Russlands bei ihnen beginnt. Es ist der südlichste Fleck des Landes und zudem die Region, die 2017 die meisten staatlichen Zuschüsse erhalten wird. Insgesamt werden es mehr als 52 Milliarden Rubel, rund 767 Millionen Euro, sein. 55 Prozent der Einwohner leben auf dem Land, nur wenige von ihnen jedoch in den Bergen selbst: Junge Menschen ziehen ins Flachland, um zu studieren, und wollen nicht mehr zurück. Die Arbeit als Schäfer ist zudem nicht besonders hoch angesehen, obwohl es die traditionelle Arbeit der Menschen in den Bergen ist. Dagestan führt die Statistiken des Landes bei der Viehhaltung, sowohl für kleine als auch große Nutztiere, an.

Viel höher angesehen sind Karrieren als Athlet, mit dem großen Ziel möglichst auch olympische Medaillen zu gewinnen. Ringer sind das traditionelle „Exportprodukt“ der Region.

Die ländliche Bevölkerung konzentriert sich in den Dörfern im Hochland. Einige erwirtschaften gute Profite mit traditionellen Handwerksarbeiten der einzelnen ethnischen Gruppen. Die Kubaks zum Beispiel produzieren einzigartigen Schmuck und das Dorf Rachata ist der einzige Ort des Landes, an dem Burkas, das traditionelle Gewand der Volksgruppe, hergestellt werden.

Die Hauptstadt Machatschkala ist von ihrem Facettenreichtum geprägt. Internationale Geschäftsnetzwerke konkurrieren mit Kunsthandwerkern und muslimischen Bekleidungsgeschäften wie dem Laden „Mädchen in Hidjab“, das mit dem frechen Slogan „Verhülle dich doch einfach!“ wirbt.

„Vor nicht allzu langer Zeit waren muslimische Boutiquen sehr beliebt und profitabel. Frauen stellten fest, dass der Islam auch seine eigene Mode haben kann. Die Marketingideen waren gut. Instagram wurde mit Bildern überschwemmt, auf denen Frauen zeigten: „Schaut nur, was mein Mann mir kaufen kann““, erinnert sich Alimirsaew.

Alimirsaew selbst lebt zurzeit in Pjatigorsk im Gebiet Stawrapolski, rund 1 570 Kilometer von Moskau entfernt. Wie alle anderen auch verängstigen ihn die Nachrichten von den ständigen Anti-Terror-Operationen in der Republik. In Machatschkala selbst spürt man davon aber nichts. Die Stadt ist ruhig und die atemberaubende Natur macht sie zu einem Ort der Entspannung.

„Klischees haben hier nicht lange Bestand“, glaubt Alimirsaew. Dennoch fühlen sich Dagestanis durchaus als wären sie die besten Menschen der Welt. Wenn man sie jedoch danach fragt, ob sie zu Russland gehören oder doch unabhängig sind, sollte man keine klare Antwort erwarten: „Wir sind nicht freiwillig hier und freiwillig werden wir auch nicht gehen“, hört man oft. Es ist ein Zitat des Dichters Rasul Gamsatow, der ebenfalls aus Dagestan stammt. Und die Antwort ist typisch für Dagestan: so ehrlich wie möglich.

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