Aus eigenen Kräften durch den wilden Osten: Vier Extrem-Reisen durch Sibirien

Maxim Chartschenko
Würden Sie gern einmal völlig unabhängig einen Monat in der wilden Natur Sibiriens verbringen? Diese vier Reisefans haben dieses Abenteuer gewagt – auf ganz unterschiedliche Weise.

Viktor Koschel: Zu Fuß durch die Tundra

Viktor Koschel hat sich statt auf einen schwimmenden Untersatz auf seine zwei gesunden Beine verlassen und hat sich mit einem Wanderrucksack auf einen abenteuerlichen Weg gemacht. Als er noch in einer Goldmine im Norden der Halbinsel Kamtschatka arbeitete, musste er regelmäßig mit seinen Kollegen auf das einzige dort funktionierende Verkehrsmittel warten: den Hubschrauber.

Mit der Zeit reifte dann in ihm die Idee heran: Ob er wohl zu Fuß ganz Kamtschatka durchqueren könnte – von den Rentiernomaden im Norden bis zur Hauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatskij? Er versuchte es: Packte seinen Rucksack, nahm seinen Hund mit – ein in der Wildnis wichtiger und nützlicher Begleiter und Beschützer – und machte sich von einer Rentierzüchtersiedlung an der Tschemurnaut-Küste auf den Fußweg in Richtung Süden.

“Ich ernährte mich von allem, was ich fand – Beeren, Fisch, Pilze und Zapfen. Die Strecke war schwierig und lang, da konnte ich nicht so viel Essen mitnehmen“, erzählte Koschel Tass. „Etwa einen Monat lang lief ich so völlig allein durch die Tundra, ohne auch nur eine Menschenseele  zu treffen.“

Bären dagegen gehörten zu Koschels ständigen “Begleitern”, besonders wenn er und sein Hund zum Fischen gingen. Die Bären wurden vom Geruch angezogen, aber glücklicherweise schlug der Hund immer rechtzeitig an, bevor sie den beiden Wanderern auch nur gefährlich nah kommen konnten.

Natürlich sei das eine gefährliche Tour gewesen, räumt Koschel ein. Aber er habe vor allem positiven Stress verspürt. “Ich hatte kein Satellitentelefon dabei, hatte keinerlei Verbindung zur ‘Außenwelt’; wenn mir etwas passiert wäre, hätte mich niemand je gefunden”, ist Koschel realistisch. „Aber das zwang mich dazu, all meine eigene Kraft zusammenzunehmen.“

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Maxim Chartschenko: 1000 Kilometer Stehpaddeln

Ein Mann, ein Stechpaddel und das weite Meer: Maxim Charkow nennt seiner 70-Tage-Paddeltour im fernöstlichen Primorje-Gebiet an der Pazifikküste „Die Große Primorje SUP-Expedition“. SUP steht dabei für Stand Up Paddeln, die englische Bezeichnung des Stehpaddelns.

“Ich habe mich über ein Jahr lang auch psychologisch auf diese Tour vorbereitet”, erzählte Charkow dem Fernost-Sonderprojekt der russischen Nachrichtenagentur Tass (rus). Wie hart eine Reise auf einem so kleinen schwimmenden Brett im rauen Meeresklima des Fernen Ostens wirklich werden könnte, war im Vorhinein dennoch schwer vorstellbar. Wenn der Wind dann beispielsweise doch zu stark wurde, so Charkow, musste er im Sitzen statt im Stehen paddeln, womit er jedoch mit jedem Zug nur um die 15 bis 20 Zentimeter vorankam. „Wenn das Meer so richtig turbulent wurde, dann sagte ich immer ein Gebet auf, das meine Mutter mir mitgegeben hatte; das stärkte meine Entschlossenheit und gab mir Kraft.“

Der größte Rückschlag war eine Verletzung der Paddelhand: In stürmischer See wurde Charkow gegen einen Stein geworfen. Nachdem er sicher sein konnte, dass seine Hand nicht gebrochen war, paddelte er weiter – obwohl das Paddel schon völlig blutverschmiert war. Regelmäßig hielt er die verwundete Stelle dann ins kalte Salzwasser, um den stechenden Schmerz abzutöten.

Ab und zu traf Charkow auch  Fischer mit großen Kuttern und Camps am Ufer. Dann sprach er viel mit ihnen und fragte nach dem genauen Ort und der Wettervorhersage. So wurde ihm viel geholfen und oft bekam er auch noch Zucker und Lebkuchen geschenkt.

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Nikita Strelnikow: Über 10.000 Pedal-Kilometer durch Sibirien

Nikita Strelnikow und sein Bruder sind schon lange Radfahrfans und als Teilnehmer zahlreicher 80- bis 100-Kilometer-Rennen auch durchaus sattelfest. Mit der Zeit aber suchten sie in ihrem Lieblingssport nach einer neuen Herausforderung – und fanden sie in einer Tour von der Küste der Barentssee durch ganz Sibirien bis ins fernöstliche Jakutien und nach Magadan.

Viereinhalb Monate brauchten sie für die insgesamt rund 10.000 Kilometer. In dieser Zeit sahen sie jede Jahreszeit vom Sattel aus. Die größten Temperaturunterschiede erlebten die Brüder in Jakutien, wo sie in einer einzigen Stunde zwischen +16 und -4°C „kippen“ konnten. Als symbolische Geste nahmen sie etwas Wasser aus dem Arktischen Ozean mit und schütteten es dann am Ende stolz in den Pazifik.

„Erst schwitzten wir am Berg, zogen unsere T-Shirts aus. Dann fing es plötzlich an zu regnen und als wir auf dem Gipfel ankamen, schneite es plötzlich“, erzählt Nikita Strelnikow. „Keiner von uns hätte so etwas an einem 28. August erwartet!“

Manchmal sahen die beiden über bis zu 400 Kilometer lang keinerlei menschliche Siedlungen. In diesen Zeiten aßen sie getrocknetes Fleisch und Kondensmilch, die sie sich als Vorrat für bis zu zehn Tage mitgenommen hatten. Täglich nahmen sie 6000 bis 10.000 Kalorien zu sich und nahmen dennoch mindestens 15 Kilogramm ab.

Obwohl es wenige waren, erinnern sich die Brüder heute doch vor allem an die Menschen, die sie während ihrer Radexpedition trafen. So bot ihnen einer beispielsweise an, sie ein Stück mit dem Auto mitzunehmen, ein anderer Autofahrer leuchtete den beiden Radlern während eines Schneesturms den Weg.

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Sergej Romanenkow: Winter-Tour quer über Kamtschatka

Wie so oft begann auch Sergej Romanenkows Kamtschatka-Tour mit einer Schnapsidee. Romanenkow ist Leiter einer Wandergruppe, die regelmäßig unerforschte Tracking-Routen auskundschaftet. Aber diesmal wollte der Profi-abenteurer etwas wirklich Ausgefallenes unternehmen.

Und so legte er auf seinen Skiern in 33 Wintertagen auf der fernöstlichen Halbinsel Kamtschatka insgesamt über 670 Kilometer zurück – um die 20 Kilometer pro Tag. Immer wieder verließ er auch glattgefahrene Wege und stürzte sich in den tiefen Schnee. Dutzende zugefrorene Flüsse überquerte er dabei.

Romanenkow und seine Gruppe liefen bei -35°C und durch Schneestürme, die sie oft gar störten, ein Zeltlager aufzubauen. Die Angst vor Lawinen ließ ihnen nur einen Ausweg: weitergehen. Immer wieder trafen sie auf Bären, die gerade aus ihrem Winterschlaf erwacht waren und sehr hungrig sein durften. Da die Gruppe keine Waffen dabei hatte, schrien sie so laut, dass die Bären selbst die Flucht ergriffen.

„Kamtschatka hat uns sehr überrascht, es war so ganz anders“, erzählte Romanenko später Tass. „Jeden Tag entdeckten wir neue Landschaften, neue Aussichten auf die wilde Natur. Wir starteten zwischen Vulkanen, dann kamen Taiga, Berge und Täler, Seen und Tundra – jeder Tag brachte etwas Neues. Besonders genossen wir die natürlichen Quellen, in denen wir dann badeten, und aufwärmen und so richtig entspannen konnten.“

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