Was macht Russlands rhythmische Sportgymnastinnen so erfolgreich?

Margarita Mamun

Margarita Mamun

Reuters
Bei der WM der Rhythmischen Sportgymnastik in Stuttgart zählen die Russinnen Jana Kudrjawtsewa und Margarita Mamun zu den Top-Favoritinnen. Sie treten in die Fußstapfen legendärer Gymnastinnen wie Alina Kabajewa, Irina Tschaschtschina und Jewgenija Kanajewa. Was macht Russlands Grazien so erfolgreich?

1. Konkurrenz aus den eigenen Reihen

Im russischen Team gab es immer eine gute Ersatzbank mit Aussicht auf Gold. Die Konkurrenz aus den eigenen Reihen ist hart. Selbst die beste Sportlerin des Teams kann jederzeit ersetzt werden. Das zeigte sich etwa bei den Olympischen Spielen 2000 im australischen Sydney: Alina Kabajewa, Goldmedaillen-Favoritin im Mehrkampf, rutschte der Reifen aus der Hand und es reichte nur für Bronze. Dennoch gab es eine Goldmedaille für Russland. Am Ende gewann Julia Barsukowa.

Irina Viner, Präsidentin des russischen Verbandes der Rhythmischen Sportgymnasten und Chef-Nationaltrainerin, hat klare Regeln: „Wenn eine Sportlerin zum Opfer ihrer eigenen Eitelkeit wird und Starallüren bekommt, dann leidet darunter das ganze Team, aber auch sie selbst“, erklärte Viner in der Zeitung „Rossijskaja Gaseta“. „In solch einem Fall gibt es weder Fortschritte noch eine professionelle Entwicklung“, betont sie. Sie warnt auch davor, sich auf den Lorbeeren vergangener Erfolge auszuruhen: „Es gilt: Ein Platz auf dem Podium ist wundervoll, ein wahres Märchen. Doch vergiss deinen Ruhm, sobald du es verlässt, und mach dich wieder an die Arbeit - mit doppelt so viel Einsatz.“

2. Dein härtester Gegner bist Du selbst

Alina Kabajewa. Quelle: Reuters

Die russischen Sportlerinnen haben Hochachtung vor ihren internationalen Mitstreiterinnen. Doch als Trainings-Maxime gilt nicht die Auseinandersetzung mit der Konkurrenz, sondern zunächst die Arbeit an sich selbst, am eigenen Erfolg.

Die mehrfache Weltmeisterin Amina Saripowa betreut die rhythmische Sportgymnastin Margarita Mamun, die bei der gerade laufenden WM in Stuttgart vom 7. bis 13. September bereits Gold mit dem Reifen holte und beim Weltcup 2014 im russischen Kasan gleich in fünf Disziplinen gewann.  

„Mir gefiel Margaritas Auftritt beim Weltcup in Kasan, insbesondere ihre mentale Einstellung“, zitiert die Agentur „Ves Sport“ Saripowa. „Ihr stärkster Gegner ist sie selbst. Sie muss lernen, ihre Ängste und vor allem ihre Schüchternheit zu überwinden. Sie soll nicht besser sein als Jana Kudrjawtsewa oder ihre anderen Konkurrentinnen. Sie soll noch besser sein, als sie selbst es im Augenblick ist.“

3. Höchstes Niveau 

Russische Sportgymnastinnen stehen unter großem Druck, von ihnen wird durchgehend hohes Niveau erwartet. Sie sind das dominierende Team und sowohl in den Einzel- als auch in den Mannschaftswettkämpfen geben sie stets den Ton an.

Dabei spielt es auch keine Rolle, dass das Team neu zusammengesetzt wurde. In Stuttgart wird Russland im Mannschaftswettbewerb durch Anastasija Maksimowa, Diana Borisowa, Darja Kleschtschowa, Marija Tolkatschewa, Sofja Skomoroch und Anastasija Tatarewa vertreten. Lediglich Anastasija Maksimowa kann Erfahrung und Medaillen vorweisen: Sie ist bereits dreifache Weltmeisterin. Dennoch tritt auch dieses junge Team mit einem hochkomplizierten und rasend schnellen Programm der bulgarischen Choreographin Ljusi Dimitrowa an. Mannschaftstrainerin Tatjana Sergajewa erklärt: „Wir gehen nie den einfachen Weg. Das russische Team ist führend und daher müssen wir den anderen immer drei Schritte voraus sein. Wir müssen so arbeiten und auftreten, dass alle Gegner sagen:  ,Die Russinnen sind für uns so unerreichbar wie die Sterne. Niemals werden wir sie einholen können.‘“

4. Der Trainer als Psychologe 

Die Trainerin Irina Viner: "Jede einzelne Übung soll sauber und mit viel Liebe ausgeführt werden." 

Bei den Europaspielen 2015 in Baku wurde Jana Kudrjawtsewa nach dem Erfolgsgeheimnis der russischen Sportgymnastinnen gefragt. „Wir haben die beste Schule der Rhythmischen Sportgymnastik, wo alle notwendigen Voraussetzungen dafür geschaffen worden sind, dass wir siegen und uns qualifizieren können. Wir werden in Russland rundum versorgt - mit Wohnungen und Trainingshallen. Man kümmert sich um unsere Ernährung.“ Margarita Mamun betonte, dass dies vor allem Irina Viner zu verdanken sei: „Sie findet einen Draht zu jeder Sportlerin“.

Viner versteht sich vor allem als mentale Stütze ihrer Schützlinge: „Zu 70 Prozent besteht meine Tätigkeit aus psychologischer Arbeit“, erklärt sie. „Diese Arbeit kann weder durch körperliche Belastungen noch durch perfekte Auftritte ersetzt werden. Ich versuche an Beispielen zu erklären, was es heißt, die Höchststufe der Kunstfertigkeit zu erreichen.“ Dabei sei vor allem die richtige Einstellung entscheidend, sie müsse aufrichtig und positiv sein. „Jede einzelne Übung soll sauber und mit viel Liebe ausgeführt werden. Nur so kommt man in den sogenannten „Flow“, in dem die Zeit keine Bedeutung mehr hat und die Technik ganz automatisch umgesetzt wird.“  

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