Russland und die Türkei: Was bedeuten Putins Sanktionen für beide Länder?

Kooperationsvorhaben werden wohl auf Eis gelegt.

Kooperationsvorhaben werden wohl auf Eis gelegt.

AP
Russlands Präsident Wladimir Putin kündigte harte Sanktionen gegen die Türkei an. Über die Details herrscht an einigen Stellen noch Unklarheit. Russlands Ausfuhren – vorrangig Weizen und Gas – bleiben aber wohl von Einschränkungen unberührt und dominieren auch weiterhin den Handel zwischen beiden Ländern.

Die Visafreiheit zwischen Russland und der Türkei wird ab dem 1. Januar 2016 aufgehoben. Auch werden russische Firmen keine türkischen Staatsbürger mehr beschäftigen dürfen. Das Land hat Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei verhängt. Russlands Präsident Wladimir Putin habe einen entsprechenden Erlass am Samstag unterzeichnet, teilte sein Pressedienst mit. Das Verbot, türkische Subunternehmer an der Durchführung von Staatsaufträgen zu beteiligen, soll bald folgen. Welche Branchen davon betroffen sein werden, entscheidet die Regierung demnächst.

Nach offiziellen Angaben des Föderalen Statistikamtes Rosstat ist die Türkei Russlands fünftgrößter Handelspartner. Das Handelsvolumen beider Länder betrug 2014 rund 28,1 Milliarden Euro, bis September des laufenden Jahres handelten beide Länder Waren im Wert von 16,45 Milliarden Euro. Der Anteil türkischer Produkte am Warenverkehr fällt mit 2,7 Milliarden Euro in diesem Jahr deutlich geringer aus als zuvor. Für das gesamte Jahr 2015 werde ein Handelsvolumen von 20 bis 22 Milliarden Euro erwartet, sagt Alexander Knobel, Direktor des Forschungsinstituts für Internationalen Handel an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst, einer regierungsnahen Einrichtung für Wirtschaftsforschung. Auch in diesem Jahr werde der russische Export mit rund 18 Milliarden Euro das Gros des Handels stellen – bei Importen in Höhe von 3,5 bis 4,5 Milliarden Euro.

Bleibt alles beim Alten? 

Den Löwenanteil am russischen Export machen Weizen und Erdgas aus. Bislang sind für diese Güter keine Exportbeschränkungen vorgesehen. Im vergangenen Jahr lieferte der russische Gasmonopolist Gazprom 27,3 Milliarden Kubikmeter Erdgas an die Türkei: Bei Gaskäufen wird das Land nur noch von Deutschland übertroffen. Die Türken ihrerseits lieferten vor allem Lebensmittel nach Russland – im September erreichte der Warenwert rund 900 Millionen Euro. Tomaten und Zitrusfrüchte sind mit mehr als der Hälfte türkischer Lieferungen der größte Ausfuhrposten. Dass die Obst- und Gemüseeinfuhren im Vorfeld der Feiertage eingeschränkt werden, hält Knobel für unwahrscheinlich. Vielmehr sei mit härteren Lebensmittelkontrollen zu rechnen.

Textilien sind ein weiteres Zugpferd türkischer Exporte: Zahlreiche russische Bekleidungsketten beziehen ihr Sortiment von Produzenten aus der Türkei. Laut Rosstat-Angaben wurden bis einschließlich September 2015 Stoffe und Textilerzeugnisse für 467,2 Millionen Euro sowie Schuhe im Wert von 43,6 Millionen nach Russland eingeführt. Sollten diese Branchen mit Sanktionen belegt werden, würde Russland über Belarus mit türkischen Waren beliefert werden, schätzt Olga Schilzowa, Hauptgeschäftsführerin des Marktforschungsunternehmens Marketolog.

Vertrauensbasis zerstört

Russlands Bauminister Michail Men erklärte in einem Interview mit der russischen Wirtschaftszeitung „RBC“, dass auch türkische Baufirmen aufgrund der Einführung russischer Sanktionen den Markt verlassen müssten: „Im Immobiliensegment, vorrangig bei Gewerbeimmobilien, sind zahlreiche türkische Firmen aktiv. Wir schließen nicht aus, dass sich ein Teil von ihnen aus Großprojekten zurückziehen wird. Die Vertrauensbasis zu ihnen als Partnern ist zerstört.“

Indes schätzen Experten, dass der Handel zwischen Russland und der Türkei kaum mehr als um die Hälfte einbrechen werde. „Ich denke nicht, dass das Handelsvolumen in 2016 um ganze 50 Prozent einstürzt“, sagt Knobel. Deutlicher – so seine Einschätzung – könnten die Verluste ausfallen, wenn zukünftige Vorhaben aufgegeben würden. Wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan früher bereits erklärte, hätte der Handel seines Landes mit Russland im Jahr 2020 auf über 90 Milliarden Euro ansteigen können. Solche Einschätzungen wären durch die Umsetzung zwischenstaatlicher Mammutprojekte, wie den Bau der Gas-Pipeline Turkish Stream und des Atomkraftwerkes Akkuyu, realistisch. „In der heutigen Situation werden beide Länder darauf wohl verzichten“, fügt Knobel hinzu.

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