Deutsche Pharmakonzerne schlagen Wurzeln in Russland

Ramil Sitdikow/RIA Nowosti
Lokalisierung ist der Schlüssel für die russische Pharmabranche, denn der Staat hat ambitionierte Ziele gesetzt. Protektionismus sorgt für steigende Investitionen internationaler Medikamentenhersteller.

Auf das Wort „Krise“ reagiert Jürgen König mit einem Lächeln. In Moskau, wo die Flaute in fast allen Chefetagen zu spüren ist, gehört der Russland-Chef des Pharmakonzerns Merck zu jenen, die unentwegt Optimismus verbreiten: „Während andere weinen, arbeiten wir.“ Tatsächlich herrscht bei Merck derzeit Aufbruchstimmung. Wöchentlich begrüßt der Niederlassungsleiter neue Mitarbeiter im schicken Bürogebäude am Moskauer Gartenring.

Seit der deutschstämmige Brasilianer vor zwei Jahren die Führung in Moskau übernahm, hat sich die Mitarbeiterzahl auf etwa 250 verdoppelt und soll schon bald die Marke von 300 Mitarbeitern erreichen. „Wir haben in Russland einiges versäumt und müssen nun schneller wachsen“, erklärt König. Vor zwei Jahren habe der Konzern eine neue Russland-Strategie beschlossen, zu der nicht nur eine Reorganisation des Russland-
Geschäfts gehörte, sondern auch eine stärkere Lokalisierung. „Natürlich gibt es eine Krise in Russland, aber unser Unternehmen plant langfristig“, sagt der Manager, der überzeugt ist: Realistisch betrachtet habe die GUS-Region noch immer beste Entwicklungs-
perspektiven. 

Dabei ist die Geschichte von Merck keineswegs ein Einzelfall in Russland. In den vergangenen Jahren haben fast alle namhaften internationalen Pharmakonzerne eigene Produktionskapazitäten in Russland aufgebaut. Vor wenigen Monaten erst hat Novartis eine eigene Fabrik in Sankt Petersburg eröffnet, in die etwa 100 Millionen Euro investiert worden sind. Auch Berlin-Chemie startete bereits 2014 eine Produktion in Kaluga. Gleich nebenan will AstraZeneca bis 2017 etwa 200 Millionen Euro investieren. Andere Konzerne wie Stada sind schon seit 2006 mit dem Werk der Tochtergesellschaft Hemofarm vertreten. Wer keine eigene Fabrik besitzt, arbeitet mit russischen Produktionspartern zusammen. Laut einer Umfrage des Beratungsunternehmens Ernst & Young wollen trotz Krise und Sanktionen 
80 Prozent der Konzerne an ihren Russland-Plänen festhalten.

Umsatz der Pharmabranche

Foto: Alyona RepkinaAuch im Krisenjahr 2015 wuchs der Umsatz der Pharmabranche, in Rubel gerechnet, um zwölf Prozent. Nach Umrechnung in US-Dollar bleibt wegen der Rubelschwäche aber ein Minus von etwa 
18 Prozent. Foto: Alyona Repkina

Forcierte Lokalisierung

Das Interesse an der russischen Pharmabranche, so sagen Insider einstimmig, lässt sich einfach erklären. Schon seit 2009, lange bevor das Wort Importsubstitution zur Mode wurde, setzte die Regierung auf Lokalisierung im Medikamentenbereich. Die Ziele, formuliert im Regierungsprogramm „Pharma 2020“, sehen vor, dass der Marktanteil von in Russland hergestellten Medikamenten bis 2020 auf 50 Prozent steigen soll. Bei lebenswichtigen Präparaten gibt die Regierung sogar die Messlatte von 90 Prozent vor. Damit diese Werte kein Wunschtraum der Politik bleiben, sollen Importpräparate von staatlichen Ausschreibungen ausgeschlossen werden. Seit 2013 bekommen einheimische Präparate auch dann den Zuschlag, wenn ihr Preis bis zu 15 Prozent höher ist als der der ausländischen Kon-
kurrenz. 

Doch es ist nicht nur der Protektionismus, der die internationalen Konzerne nach Russland treibt. „Verglichen mit anderen Wirtschaftsbereichen wurde die pharmazeutische Industrie nicht so stark vom negativen Wirtschaftstrend erfasst“, sagt Niels Hessmann, Niederlassungsleiter des Branchenriesen Bayer in Russland. Eine signifikante Veränderung der Nachfrage nach Medikamenten habe es nicht gegeben. Tatsächlich scheint die Pharmabranche stabiler zu sein als der Rest der russischen Wirtschaft. So erwartet der Branchendienst DSM 2015 ein Umsatzplus bei Medikamenten von etwa zwölf Prozent, in Rubel gerechnet. Zwar ist das Plus allein der hohen Inflation geschuldet, die derzeit um die 16 Prozentschwankt. Gemessen am Einzelhan-
del, dessen Umsatz nominell nur um sechs Prozent zulegte, kann sich der Medikamentenverkauf aber durchaus sehen lassen.

Zahlen

5,2 Millionen Packungen an Medikamenten wurden in Russland im vergangenen Jahr verkauft oder in Krankenhäusern an Patienten ausgegeben.

130 Euro jährlich gibt jeder Russe im Durchschnitt für Medikamente aus. In Deutschland sind es 450 Euro.

70% Der Medikamente in Russland sind importiert oder auf Basis importierter Substanzen hergestellt.

Experten zweifeln

Dennoch, die wichtige Rolle des Staates will Bayer-Chef Hessmann nicht abstreiten. „Importsubstitution und Lokalisierung sind seit 2014 die neuen Trends in der Wirtschaft und werden für die kommenden Jahre wichtig bleiben“, erklärt der Manager. Das jüngste Expansionsprogramm von Bayer erfolgte im Einklang mit dem Pharma-2020-Programm, auch wenn es nicht der einzige Grund gewesen sei. Das Unternehmen hat bereits zwei Kooperationsvereinbarungen mit den russischen Unternehmen Polysan und Medsintez unterschrieben. Im laufenden Jahr haben Bayer und Polysan die Produktion des Antibiotikum Avelox aufgenommen. 

Derweil zweifeln Experten am tatsächlichen Erfolg des Regierungsprogramms. Wesentlicher Kritikpunkt ist, dass die Lokalisierung ausländischer Produkte sich haupt-
sächlich auf Verpackung und Qualitätskontrolle beschränkt. Zwar ist die Produktion pharmazeutischer Erzeugnisse im ersten Halbjahr 2015 um 10,7 Prozent gestiegen. „Gleichzeitig stieg aberauch zumindest mengenmäßig der Import pharmazeutischer Erzeug-nisse um drei Prozent, während der Geldwert in US-Dollar um 
32 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum lag“, analysiert Elena 
Balaschowa, Wirtschaftswissenschaftlerin an der renommierten Moskauer Higher School of Economics. Diese Differenz weise darauf hin, dass Hersteller zunehmend Vorprodukte importierten. 

Merck-Chef König will keine vorschnelle Kritik an der Lokalisierungsstrategie üben. „Wir halten uns ganz klar an die Spielregeln des Marktes. Lokalisierung ist dennoch ein langsamer Prozess, der auch einen Technologietransfer erfordert“, sagt der Manager. Merck kooperiert ebenfalls mit rus-
sischen Herstellern. „Durch solche Lokalisierungsprojekte wird erst die Nachfrage nach Substanzen geschaffen, was wiederum Möglichkeiten für Investitionen bietet“, ist er überzeugt. Ohnehin sei Russland für sein Unternehmen nicht nur im Pharmabereich interessant. Erst kürzlich eröffne-te der Konzern ein sogenanntes Life-Science-Labor in Russland, das Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen zur Verfügung steht –eine Art Beleg dafür, dass es das Unternehmen ernst meint mit seiner Russland-Strate-gie. Denn Pharma soll nicht der ein-
zige Wachstumsmotor sein. Auch die russische Industrie soll neue Aufträge bringen, etwa bei der Qualitätskontrolle in der Lebensmittelbranche. „Natürlich ist die Krise jetzt da, aber sie wird auch wieder verschwinden“, sagt König.

Russland lockt mit „Pharma 2020“

Bereits im Jahr 2009 wurde die erste Fassung des Programms „Pharma 2020“ beschlossen. Ausgangspunkt war eine beinahe allumfassende Abhängigkeit des Landes von importierten Medikamenten. Das neue Strategiepapier setzt zum Ziel, den Anteil russischer Arzneimittel auf 50 Prozent zu erhöhen, bei lebenswichtigen Präparaten auf 90 Prozent. Präferenzen einheimischer Hersteller sowie Ausschlusskriterien für importierte Arzneien bei staatlichen Ausschreibungen sollen die Lokalisierung in Russland schmackhaft machen. Nach Angaben der Regierung produzieren bereits 72 ausländische Pharmaunternehmen in Russland. In den kommenden Jahren soll zudem der Anteil lokaler Vorprodukte im Herstellungsprozess steigen.

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