Rubel runter, Schulden rauf: Wut auf Währungskredite

Mikhail Voskresenskiy / RIA Novosti
Wer Darlehen in Dollar oder Euro aufgenommen hat, steht mit dem sinkenden Rubel unerwartet vor einem stürmisch wachsenden Schuldenberg. Viele Schuldner sehen die Banken in der Pflicht, die Kredite nach einem günstigeren Rubelkurs umzurechnen. Die Geldhäuser reagieren verhalten. Nun haben sich die russische Regierung und die Zentralbank des Landes eingeschaltet.

Zum Jahreswechsel ließ die russische Währung gegenüber dem US-Dollar und Euro um weitere acht Prozent nach. Vielen Kreditnehmern zieht diese Entwicklung den Boden unter den Füßen weg. Wer ein Darlehen in fremder Währung bedienen muss, steht angesichts ausufernder Rückzahlungsraten mit dem Rücken zur Wand.

So manchen Darlehensnehmer trieb die verzweifelte Lage auf die Straße. So haben sich Ende Januar einige Dutzend Menschen zu wütenden Protesten gegen die österreichische Raiffeisenbank in Moskau versammelt. „Sieg des Wuchers über die Vernunft“ schimpften Flugblätter, in einem hieß es gar, die Raiffeisenbank sei eine „Gaskammer für den russischen Schuldner“. Die Kreditkunden forderten die Umrechnung ihrer Kredite nach dem Wechselkurs von 40 Rubel je Dollar – bei momentanen 79 Rubel für einen US-Dollar.

Die Debitoren der Deltacredit, einer russischen Tochter der französischen Société Genérale, brachten den größten Protestzug auf die Beine. Rund 300 Menschen haben die Reaktion des Bankvorstands auf ihre Forderungen nicht mehr abwarten wollen und die Twerskaja-Straße, eine zentrale Verkehrsader in Moskau, gesperrt. Die Polizei musste durchgreifen, es kam zu Festnahmen. Letztlich mussten einige der Bankkunden dennoch Insolvenz anmelden.

Auf sich allein gestellt

Mit ihren Aktionen wollen die Kreditnehmer auf ihr Problem aufmerksam machen. Doch die öffentliche Meinung haben die Protestierenden größtenteils gegen sich. Sie seien für ihre Schieflage selbst verantwortlich, weil sie die Wechselkursschwankungen bei der Kreditaufnahme außer Acht gelassen hätten. Sie hätten ins Blaue hinein oder einfach aus Profitgier gehandelt, lauten die Vorwürfe.

Indes steht den Betroffenen das Wasser bis zum Hals. Die Monatsraten sind wegen des Rubelsturzes im vergangenen Jahr nahezu um das Doppelte hochgeschossen, die Rubel-Einkommen hinken dieser Entwicklung weit hinterher. Die landesweite Bewegung der Fremdwährungsdebitoren schätzt, dass es inzwischen für 70 000 Menschen problematisch ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Nach Angaben der Agentur für Hypothekenfinanzierung leben die meisten Fremdwährungsdebitoren in Moskau und Sankt Petersburg. Die Höhe eines Kredits beträgt im Durchschnitt 10,9 Millionen Rubel (130 000 Euro). Mit durchschnittlich 19 Millionen Rubel (rund 225 000 Euro) stehen die Moskauer Schuldner in der Kreide – das 6,4-Fache einer durchschnittlichen Rubel-Hypothek. Insgesamt wurden Fremdwährungs-Hypotheken im Wert von 136 Millionen Rubel aufgenommen. 5 000 Menschen sind zahlungssäumig: Jedes fünfte Darlehen ist also ein Problem.

Warum Währungskredite?

Die Debitoren der Deltacredit, einer russischen Tochter der französischen Société Genérale, brachten den größten Protestzug auf die Beine. Foto: Alexander Shcherbak/TASS

Um eine Eigentumswohnung zu finanzieren, hat Wadim L., Angestellter in der Finanzabteilung eines großen russischen Unternehmens, 2007 einen Währungskredit bei der VTB, einer der größten russischen Staatsbanken, aufgenommen. Seine Entscheidung begründet er nicht nur mit den deutlichen Zinsvorteilen – 18 Prozent per anno wären für einen Rubelkredit fällig gewesen, zehn Prozent habe die Bank für eine Hypothek in Fremdwährung geboten. Die hartnäckige Position des Kreditinstituts habe ihn ebenfalls zu dieser Entscheidung bewogen.

Nach Einschätzung der Bank wären die monatlichen Raten bei 18 Prozent Jahreszins für seine Familie untragbar gewesen. Sie würden eine vom Geldhaus festgesetzte Schwelle überschreiten. Ein Kredit in russischer Währung wurde der Familie also verweigert. „Eine andere Möglichkeit blieb uns nicht. Mit zwei Kindern aus einer Mietwohnung in die nächste zu ziehen, ist nicht gerade bequem. Zudem erstarkte der Rubel damals. Allgemein wurde erwartet, dass die Situation in den nächsten Jahren so bleibt“, erklärt Wadim. Bei der Kreditaufnahme kostete der Dollar 24 Rubel. Seitdem sind die monatlichen Raten um das Dreifache gestiegen. Fast das ganze Einkommen gehe inzwischen für die Tilgung drauf, sagt er.

Die VTB habe der Familie eine Karenzzeit angeboten: Einige Monate lang hätten sie nur die Zinsen zahlen müssen, ohne das Darlehen zu tilgen. Auf eine Umrechnung des Kredits nach einem niedrigeren Wechselkurs habe die Bank sich nicht eingelassen, sagt Wadim.

Tatjana P., eine Angestellte bei einem Versicherer, hat ihre Hypothek Mitte 2013 aufgenommen. Der Kredit sei relativ klein gewesen: Vier Millionen Rubel (heute rund 47 000 Euro) für den Kauf einer neuen Wohnung – bei einem hohen Eigenkapitalanteil aus dem Verkauf ihrer alten Immobilie. Der durchschnittliche Zins für eine Rubel-Hypothek betrug damals 13 bis 14 Prozent, der Dollar schwankte bei 30 bis 32 Rubel. Tatjana und ihr Ehemann hätten ein Stressszenario von 60 Rubel je Dollar durchgerechnet. Selbst bei diesem Kurs sei die Dollar-Hypothek günstiger ausgefallen als ein Darlehen in Rubel. Nun erwägen die Beiden eine Refinanzierung in heimischer Währung zu höherem Zins, zahlen die bisherigen Raten in der Hoffnung auf eine baldige Erholung des Rubels jedoch weiter ab.

Kompromisslösung

Die russische Zentralbank und die Regierung des Landes haben Hilfen für die Währungsdebitoren angekündigt. Familien mit Kindern wurden Abschreibungen der Schuldenlast in Höhe von bis zu zehn Prozent oder aber Zahlungsaussätze versprochen – 4,5 Milliarden Rubel (rund 53 Millionen Euro) sind dafür im Haushalt vorgesehen. Die Zentralbank hat den Kreditinstituten die Refinanzierung erleichtert: Sie dürfen die Richtsätze für finanzielle Risiken nach dem Dollar-Stand vom 1. Januar 2016 berechnen (72,9 Rubel).

Ein Teil der Schuldner will die Refinanzierung in Anspruch nehmen. Nach Angaben des Chefs der VTB24, Michail Sadornow, ging die Zahl der Währungsdebitoren im vergangenen Jahr um 30 Prozent zurück: „Von den 5 000 Kunden haben 1 400 durch Fremdwährung refinanziert. Rund 550 bis 600 Kunden haben ihre Währungsdarlehen in Rubel-Kredite umgewandelt.“ Bei der Deltacredit hieß es, im vergangenen Jahr seien 2 500 Kredite refinanziert worden. Die Raiffeisenbank bietet Refinanzierung zum hausinternen Wechselkurs und für 12,7 Prozent per anno an. Für die meisten der Protestierenden vor den Türen der Bank sei diese Lösung jedoch inakzeptabel – sie würde nahezu eine Verdoppelung der Tilgungslast festschreiben und die Zinszahlungen erhöhen.

„Ich schließe nicht aus, dass wir mit den Banken hinsichtlich einer Kompromisslösung für die Debitoren sprechen werden. Dabei kann es sich nicht um Forderungen unsererseits handeln, jedoch haben die Banken nach unserer Ansicht Möglichkeiten, den Schuldnern im gewissen Maß entgegenzukommen“, erklärte Ende Januar der erste stellvertretende Vorsitzende der russischen Zentralbank, Alexej Simanowskij. Dabei werde es in erster Linie um sozialschwache Kreditnehmer gehen, um Menschen, die vor Problemen stehen. „Die Banken sind ja daran interessiert, öffentlich als eine humane Einrichtung wahrgenommen zu werden“, betonte er.

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