Die Evolution russischer Weltraumanzüge – von Juri Gagarin bis heute (FOTOS)

Alexei Filippow/Sputnik
Juri Gagarin war der erste Mensch im All. Vor dem Start gab es eine scheinbar einfache Frage zu klären: Was sollte er anziehen? Vor 60 Jahren hätten die sowjetischen Raumfahrtspezialisten Gagarin beinahe in einem einfachen Thermo-Anzug ins Weltall geschickt.

Das hat Sergei Koroljow, Chefkonstrukteur des sowjetischen Raumfahrtprogramms, verhindert. So wurde der erste Weltraumanzug entwickelt. Die Raumfahrtmode hat seitdem viele Veränderungen erfahren.

Das erste Modell 

Die sowjetischen Ingenieure hatten zwar Erfahrung mit Weltraumanzügen für Hunde, die seit den 1950er Jahren sehr oft ins All geschickt wurden. Doch an einen Anzug für Menschen mussten andere Anforderungen gestellt werden. 

Der Workuta-Anzug der Su-9-Düsenjägerpiloten wurde zum Prototyp des weltweit ersten Kosmonautenanzugs. Er hieß SK-1 und Gagarin trug ihn bei seiner Reise ins All. 

Der Helm musste jedoch komplett überarbeitet werden: Es wurden Drucksensoren angebracht, damit bei einem starken Druckabfall sofort das Visier herunterging.

SK-1-Kosmonautenanzug

Der Raumanzug war eine Art Notfall- und Rettungsanzug, den die Kosmonauten beim Start und beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre trugen. Er war in der Lage, einem Kosmonauten bei unvorhergesehenen Komplikationen das Leben zu retten.

Die ersten Raumanzüge wurden nach Maß für Gagarin und zwei Reservekosmonauten gefertigt. Bis zu fünf Stunden hätte ein solcher Anzug Druckveränderungen ausgleichen können. Zudem verfügten schon diese ersten Modelle über ein Abfallsammelsystem für die Ausscheidungen der Kosmonauten. 

Der UdSSR war bewusst, dass sich die Raumfahrttechnik nicht nur auf den Bau und die Ausstattung von Raumschiffen konzentrieren durfte, sondern dem Weltraumanzug ebensolche Aufmerksamkeit gewidmet werden musste. Ziel war ein autonomer Anzug, der bei Weltraumspaziergängen getragen werden konnte und gewissermaßen wie ein kleines Raumschiff funktionierte. Ein Anzug, der diese Anforderungen erfüllte, war der Berkut. 

Gut gekleidet beim Spaziergang im All  

Berkut-Kosmonautenanzug

Im Gegensatz zum SK-1 hatte der Berkut-Raumanzug eine zweite Kammer, hermetisch abgeschlossen und Vorrichtungen für Sauerstoffflaschen. Auch dieser Anzug war eine Maßanfertigung. Sein Nachteil war, dass er sehr steif war. Als der Kosmonaut Alexej Leonow seinen historischen, ersten Weltraumspaziergang machte, verlor sein Raumanzug aufgrund von Druckdifferenzen jede Geschmeidigkeit und dehnte sich derart aus, dass die Handschuhe von seinen Händen zu rutschen drohten.

Um zurück ins Raumschiff gelangen zu können, musste der Sauerstoffdruck im Anzug gesenkt werden. Es bestand die Gefahr der Dekompression. Schon vor dem Beginn von Leonows Weltraumspaziergang war sein Anzug durch Schweiß und Kondenswasser im Inneren völlig durchnässt gewesen. Eine nennenswerte Temperatursteuerung gab es noch nicht.

Kosmonaut Leonow im Berkut-Raumanzug

Für geplante Mond-Missionen wurde der Anzug Kretschet entworfen. Es war ein halbstarrer Raumanzug mit einem Einstieg von hinten. Der Kosmonaut musste den Anzug buchstäblich betreten. Das unterschied Kretschet vom für die Apollo-16-Mission entworfenen US-amerikanischen WWU-Raumanzug.

Der Raumanzug hatte ein spezielles Kabelsystem, mit dem der Kosmonaut die Einstiegsluke hinter sich schließen konnte. Und obwohl der Kretschet es nie bis zum Mond geschafft hat, wurde er Vorbild für zukünftige Raumanzüge für den extravehikulären Einsatz (EVA, Außenbordeinsatz).

Kretschet-Kosmonautenanzug

Die nächste Raumanzug-Generation hieß Jastreb. Er war ebenfalls für Weltraumspaziergänge gedacht und dem Berkut sehr ähnlich. Er wurde auf dem neuen Sojus-Raumschiff eingesetzt, das 1967 seinen ersten Flug absolvierte. Er kam nur einmal in der Praxis zum Einsatz. 

Tatsache war, dass die Sowjetunion für kurze Zeit noch Kosmonauten ohne Rettungsanzüge zur Orbitalstation schickte. Der SK-1 wurde bereits seit 1964 nicht mehr eingesetzt. Der Jastreb war nicht für die Start- und den Wiedereintrittsphase geeignet. Die Konstruktion der Sojus-Raumschiffe sah zu dieser Zeit keine Raumanzüge für die Besatzung vor. 

Jastreb-Kosmonautenanzug

1971 führte dies zu einer Tragödie: Als die Raumkapsel wieder in Richtung Erde kam, wurde sie dekomprimiert. Alle drei Kosmonauten an Bord, die keine Raumanzüge trugen, starben. 

So wurde sehr deutlich, dass Rettungsanzüge zwingend notwendig waren. Der Sokol-Raumanzug wurde daraufhin entwickelt. Seit 1973 und bis heute tragen Kosmonauten immer Sokol-Raumanzüge, wenn sie mit Sojus-Raumschiffen ins All starten. 

Hohe Anforderungen  

Sokol-Kosmonautenanzug

Alle Versionen des Sokol mussten strengen Anforderungen genügen. Zum Beispiel wurde der Druckregler so konstruiert, dass der Kosmonaut den Druck immer leicht selbst senken und damit auch seine Mobilität verbessern konnte. 

Der zugehörige Helm besteht aus Metall (worauf die russischen Konstrukteure immer noch sehr stolz sind, da sie überzeugt sind, dass der neue SpaceX-Kunststoffhelm, der auf einem 3D-Drucker hergestellt wird, nicht mit einem Metallhelm mithalten könne). 

Die zahlreichen Riemen und Kabel des Raumanzugs sollen sicherstellen, dass im Falle eines Druckabfalls kein Ballon aus dem Anzug wird, sich der Ärmel nicht ausdehnt und die Handschuhe weiter fest an den Händen des Kosmonauten bleiben (was bei Leonow das Problem war). 

Der Jastreb, der nur einmal für einen EVA verwendet wurde, wurde ebenfalls durch ein verbessertes Modell ersetzt - den Orlan-Raumanzug.

Ein Anzug wiegt 115 Kilogramm 

Orlan-Kosmonautenanzug

Der Orlan ist der massivste und beeindruckendste aller derzeit existierenden russischen Raumanzüge. Seine Hauptaufgabe ist es, Kosmonauten während EVAs vor Mikrometeoriten und Strahlung zu schützen. Der Orlan ist stark und vielschichtig, aber sehr schwer - er wiegt ungefähr 115 Kilogramm! 

Natürlich soll man damit auch nicht spazieren gehen. Außerhalb der Raumstation arbeiten die Kosmonauten normalerweise nur mit ihren Händen. Trotzdem ist auch das nicht einfach. 

Das Design des halbstarren Raumanzugs basiert auf dem Modell Kretschet. Deshalb ist sein Rücken wie ein Rucksack gestaltet. Man öffnet den Anzug wie eine Kühlschranktüre. Im Gegensatz zum Kretschet sind die Orlan-Raumanzüge jedoch universell - die Hosenbeine und -ärmel können angepasst werden. Die Temperatur im Raumanzug wird ebenfalls reguliert. Wenn ein Kosmonaut ihn trägt, ist er bis zu sieben Stunden autonom und nicht auf die Gerätschaften in der Internationalen Raumstation (ISS) angewiesen. 

Der Orlan wurde 1977 zum ersten Mal für einen EVA genutzt und seine verschiedenen Versionen werden noch immer auf der ISS verwendet.

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