55 Jahre bemannte Raumfahrt: Der Griff nach den Sternen

Vor 55 Jahren, am 12. April 1961, flog der Sowjet Jurij Gagarin als erster Mensch ins All. Zwischen den USA und der UdSSR begann der Wettlauf zur Eroberung des Weltraums. Heute sind aus den Konkurrenten Partner geworden und ins All können schon bald auch Touristen reisen.

"Die Eroberer des Weltalls" von Alexander Dejneka. Foto: Ria Novosti

Heute vor 55 Jahren startete die erste sowjetische bemannte Raumfahrtmission. Jurij Gagarin war nicht nur der erste Russe, sondern der erste Mensch überhaupt im All. Die sowjetische Raumfahrt feierte ihren bis dahin größten Erfolg. Die ganze Welt verfolgte atemlos Gagarins Reise zu den Sternen.

Die USA dagegen betrachteten die Entwicklung mit Sorge, war doch die R-7-Trägerrakete für Gagarins Raumschiff Vostok-1 ursprünglich als Interkontinentalrakete entwickelt worden, um Ziele in den Staaten zu treffen.  

Zwischen den Supermächten herrschte der Kalte Krieg. In der Raumfahrt ließen sowohl die USA als auch die Sowjetunion die Muskeln spielen und zeigten, wozu sie imstande waren. Die Eroberung des Weltalls wurde zu einer Art Kriegsschauplatz, ohne sich militärisch auseinandersetzen zu müssen. In der UdSSR wurde die Raumfahrt aktiv propagiert, viele Plakate zum Thema stammen aus dieser Zeit. Generationen sowjetischer Bürger wuchsen mit dem Traum auf, Kosmonaut zu werden und vielleicht einen Beitrag zu leisten, zur „Chronik der Eroberung des Weltalls“.  

Von Rivalen zu Kooperationspartnern

Eine Szene aus dem Dokumentarfilm über Jurij Gagarin "Die erste Fahrt zu den Sternen". Foto: Ria Novosti

Zu Beginn der 70er-Jahre versetzte die Entwicklung der US-amerikanischen Space Shuttles sowjetische Regierungskreise in Aufruhr. Die USA hatten die mehrfach einsetzbaren Raumschiffe für militärische Zwecke konzipiert. Moskau fürchtete, dass sie zum Transport von Nuklearwaffen oder mit dem Ziel, sowjetische Satelliten zu stehlen, eingesetzt werden könnten.

Die Staatsführung initiierte daraufhin das Raumfahrtprogramm „Buran“, ein milliardenschweres Projekt. Auch die USA investierten enorme Summen in die Entwicklung der Raumfahrt. Alleine das Space-Shuttle-Programm verschlang etwa 200 Milliarden US-Dollar.

Die Perestroika, das Ende der Sowjetunion und der wirtschaftliche Niedergang in den 1990er-Jahren markierten einen Wendepunkt. Russland konzentrierte sich statt auf Raumfähren auf den Bau der Raumstation Mir-2. Diese sollte die in die Jahre gekommene Mir ersetzen.

1992 vereinbarten Russland und die USA die Zusammenarbeit in der Weltraumforschung. Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos bot der Nasa eine Beteiligung am Bau der Internationalen Raumstation ISS an. Seit der Inbetriebnahme nutzen nicht nur die russischen Kosmonauten, sondern auch Astronauten aus der ganzen Welt für ihre Anreise die Sojus-Raumschiffe aus Russland.

Doch vielleicht wird sich das bald ändern: Im vergangenen Jahr bekamen die US-Unternehmen SpaceX und Boeing eine Finanzspritze von fast sechs Milliarden Euro für die Entwicklung eines neuen Raumtransporters bis Ende 2017.

Gute Beziehungen im All

Die Teilnehmer der internationalen ISS-Expedition 42 im Johnson Space Center von NASA während des Trainings. V.l.n.r.: Die russische Kosmonautin Jelena Serowa, der NASA-Astronaut und Leiter der Expedition Barry Wilmore, zwei russische Kosmonauten Alexander Samukutajew und Anton Schkaplerow, der US-amerikanische Flugingenieur Terry Virts und die Astronautin aus der Europäischen Weltraumorganisation ESA Samantha Cristoforetti. Foto: Bill Stafford/NASA

Im Gegensatz zur angespannten Lage auf der Erde seien die Beziehungen extraterrestrisch gut und von gegenseitigem Verständnis geprägt, sagt der Roskosmos-Vorsitzende Igor Komarow: „Auf der ISS werden die Anlagen gemeinsam genutzt und Forschungsergebnisse ausgetauscht.“ Der Kreis der Staaten, die sich in der Raumfahrt engagieren, wird weiter wachsen, meint Komarow: „Einige Länder haben erst jetzt damit begonnen. Für sie steht die Türe offen.“

Ende März gab die russische Regierung das Raumfahrtprogramm für die Jahre 2016 bis 2025 frei. Eine der Prioritäten ist demnach der Ausbau des russischen ISS-Segments. Der Betrieb der Raumstation soll bis 2024 verlängert werden.

Roskosmos arbeitet im Rahmen des „ExoMars“-Projektes mit der Nasa und der Europäischen Weltraumagentur ESA gemeinsam daran, den Roten Planeten zu erobern. In den nächsten zehn Jahren liegt der russische Schwerpunkt jedoch auf der Erforschung der Erdumlaufbahn, der kosmischen Strahlungen und der Sonnenaktivität sowie auf den Vorbereitungen für eine Mondmission, wie Komarow erklärt. Der erste Russe soll 2030 auf dem Mond landen.

Auf den ersten Blick wirken Russlands Pläne nicht sonderlich ambitioniert. Das Zehn-Jahres-Programm umfasst nicht einmal die Entwicklung einer neuen, superschweren Trägerrakete. „Mit der Fenix-Rakete ist Russland auf einem guten Weg. Warum also sollten wir jetzt schon einen Schritt weiter gehen?“, sagt der Roskosmos-Vorsitzende dazu. „Nur um sagen zu können, dass wir die Ersten waren?“ Über dieses Stadium sei die Raumfahrt schon längst hinaus. „Wer der Erste im Weltall oder auf dem Mond war, das spielt schon längst keine Rolle mehr. Wir sind den Kinderschuhen entwachsen. Auf uns warten neue Herausforderungen“, sagt der Experte.

Ran an die Sterne

Pawel Popowitsch war der erste sowjetische Kosmonaut, der am Gruppenflug im Weltall teilnahm. Auf dem Bild sitzt er im Cockpit eines Raumschiffs im Film "Star brothers". Foto: D. Gasjuck/RIA Novosti

In den vergangenen Jahren sind in Russland einige private Raumfahrtunternehmen gegründet worden. Dauria Aerospace und Sputnix zum Beispiel entwickeln, montieren und starten kleinere Raumfahrzeuge. Aber auch Amateure greifen nach den Sternen. So sammelten Anfang des Jahres Weltraumenthusiasten und Blogger rund 25 000 Euro über die Crowdfunding-Plattform Boomstarter. Sie wollen selbst eine Weltraumsonde zum Mond schicken, um die Plätze zu fotografieren, an denen das US-amerikanische Apollo-Raumschiff und die sowjetischen Mondrover Luna und Lunochod gelandet sind.   

Ebenfalls über einen Spendenaufruf im Internet wird der Start des Kleinsatelliten Majak finanziert. Dahinter stecken Wissenschaftler der Moskauer Staatlichen Universität für Maschinenbau. Sie wollen zeigen, dass das Weltall gar nicht so weit weg ist und zudem Technologien zur Entsorgung von Weltraumschrott testen.

Mitte März erteilte Roskosmos dem privaten Unternehmen Kosmokurs die Erlaubnis zur  Entwicklung einer Raumfähre für Touristen. Hauptgeschäftsführer Pawel Puschkin verspricht, dass die Hürden für eine Reise ins Weltall nicht zu hoch sein werden: „Die Weltraumtouristen werden medizinisch untersucht und müssen einen Test in der Zentrifuge überstehen.“ Die erste touristische Raumfahrt plant das Unternehmen für 2020. Zwischen 180 000 und 220 000 Euro müssen dafür hingeblättert werden. Das All rückt also tatsächlich näher, aber nur für die, die es sich leisten können.

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