Überleben überm Polarkreis: Russen überstehen unmenschlichste Bedingungen

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"Samstag, 13. September. Ein Flugzeug gesehen, noch 220 Hartkekse." Atempausen im Schlaf, ewige Kälte und keine Heizung bei -80°C: klingt wie ein Todesurteil. Ist es aber nicht zwangsläufig.

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Das Leben in einer Nacht, die 133 Tage im Jahr andauert. Das völlige Fehlen von Sommer. Nein, das sind keine Meme über die Trostlosigkeit der ersten Herbsttage im September. Für Russlands fünf aktive Antarktisstationen und deren Mitarbeiter ist das eisiger Alltag. "Wostok" ist die einzige Station auf dem Festland und hat mit den schwierigsten Bedingungen zu kämpfen: Sie befindet sich am Südpol auf einem Eisschild, unter dem sich der alte See "Wostok" verbirgt. Neun Monate im Jahr ist die Station gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Die Temperaturen sinken auf bis zu -60 bis -80 °C. Zu den Mitarbeitern können nicht einmal Flugzeuge fliegen: Denn selbst wenn es erfolgreich landen würde, würde es sofort festfrieren.

Die erste große Herausforderung ist aber die Bergkrankheit: Denn der Sauerstoffgehalt der Luft am Südpol ist in etwa so niedrig wie auf dem Elbrus (dem höchsten Berg Russlands im Kaukasus). 

Die Symptome können sehr unterschiedlich sein. Manch einer bekommt Depressionen, oder weint einfach los. Manch einem wird schwindelig und er fällt in Ohnmacht. Bei wieder anderen setzt die Atmung im Schlaf aus. 

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"Gewöhnlich verlieren die Leute im ersten Monat auf der 'Wostok' fünf bis zehn Kilogramm. Ich hab auch schon gesehen, dass jemandem schon wenige Minuten nach der Ankunft schlecht wurde", erzählt Sergej Buschmanow, Mitglied der Antarktis-Expeditionen. Dabei rieche es in der gesamten kontinentalen Antarktis nach "karamelisierter Vanille", meint er. Diesen Duft könne man auch noch bei -82°C wahrnehmen.

Die Regisseurin Jekaterina Jeremenko war einen Monat auf der Station. Sie sagt, sie habe sich gefühlt, als hätte sie immer unter Wasser geatmet - immer gegen Widerstand. "Und worauf ich überhaupt nicht vorbereitete war, das waren die Höhlen unterm Schnee, in denen die Menschen leben. Der Schnee hält zwar warm, aber du lebst da wie in einem U-Boot", erzählt die Filmemacherin. "Die Räume sind sehr klein, es gibt kein Tageslicht. Um rauszugehen, muss man sich warm anziehen. Ich habe mich eingecremt, Masken angezogen, mich lange eingemummelt. So ein Anziehen kann dann schonmal eine halbe Stunde dauern. Und das ist der Normalzustand. Manchmal aber gibt es auch Notfälle.

Sechs Monate Antarktis ohne Licht und Wärme

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1982 gab es beispielsweise einen solchen Zwischenfall. Direkt am Anfang der Wintersaison explodierte die Diesel-Elektrostation. Feuerlöscher funktionieren bei Frost nicht, auch  mit Schnee konnte das Feuer nicht völlig gelöscht werden, weil es an Rauchmasken mangelte. Eine Person starb. Und zwanzig mussten auf der "Wostok" ohne Licht und Wärme überwintern. Messgeräte wurden genauso unbrauchbar wie Heizungen und Kochplatten. Einfrieren konnten nicht nur Lebensmittel, sondern auch das Wasser, das aus Schnee aufgetaut und gefiltert wurde. Aber eben auch mit Strom.

Zum Glück aber erinnerte sich jemand auf der Station an einen alte, eigentlich schon ausrangierten Dieselgenerator. Nach einigen Stunden war der zum Funktionieren gebracht. So gab es wenigstens eine Mahlzeit und Kontakt nach Moskau. Dennoch überlebten die Polarforscher letztlich bis zum Ende völlig selbstständig.

Da eine Heizquelle natürlich zu wenig für eine ganze Mannschaft ist, bauten sich die Forscher aus dGasballons noch fünf weitere. Letztlich erreichten sie um die Öfen herum Temperaturen von 25 bis 30°C plus. Zwei Meter weiter aber schon nur noch null, und danach folte nur noch Frost. 

Lichtquellen schufen sich die Forscher, indem sie selbst begannen Kerzen herzustellen. Geophysiker haben immer genügend Parafin bei sich, ebenso wie Asbestschnur. 

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Allein mit Hund gestrandet

1942, noch während des Zweiten Weltkrieges, versenkte ein russischer Kreuzer einen russischen Eisbrecher. Von 104 Personen an Bord überlebte allein der 33-jährige Heizer Pawel Wawilow. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, auf einem Stück Holz fortzuschwimmen. Erst rettete er sich in ein Rettungsboot, aus dem die Deutschen die überlebenden Gefangenen zusammensuchten. Dann ruderte er noch zwei Meilen bis zur nächsten Insel Belucha. "'Ich sah, da trieb ein Knoten. Den knüpfte ich auf. Darin lagen eine Wattedecke, Filzstiefel, eine Mütze. Dann schaute ich weiter: da treibt ein Köfferchen mit "Sternchen"-Zigaretten und Streichhälzern", erzählte Wawilow später Journalisten. "Dann habe ich einen schlafsack gefunden. Sogar Mehlsäcke treiben mir entgegen. (...) ich schaue mich um, und da sitzt auf einem umgestürzten Boot ein Hund. Den Hund habe ich mitgenommen. Gleich wurde es wärmer. Er war ja kaum mehr am Leben."

Als Trinkwasser fing er den Regen mit Eimern auf und filterte ihn zwischen Steinen. Ein Eimer reichte ihm und dem Hund für drei-vier Tage.

Wawilow führte Tagebuch und beschrieb jeden der insgesamt 34 einsamen Tage auf der Insel: "Samstag, 13. September. Ein Flugzeug gesehen, noch 220 Hartkekse." Lange blieb er unbemerkt, obwohl regelmäßig Schiffe und Flugzeuge vorbeikamen. Und als man ihn dann bemerkte, lief eine Fähre auf Grund. Und ein Flugzeug konnte nicht auf Wasser landen, weil der Wellengang zu stark war. Darum warfen sie ihm letztlich zunächst nur einen Sack mit Kondensmilch, Kakao, Brot, Medikamenten und einem Brief zu, in dem sie ihn baten, doch noch ein bisschen auszuharren, bis besseres Wetter werde.

Als er dann am 28. September gerettet wurde, schrieb er nur in sein Tagebuch: "Aufgelesen."

Die Russen machen es sich am Südpol bequem

 / Dmitrij Malov / Dmitrij Malov

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