Was Sie schon immer mal über Sex wissen wollten. Teil 1

Bild: Waleri Barykin

Bild: Waleri Barykin

Es gab keinen Sex im Sozialismus. Oder doch?

Oft und gern wird im neuen Russland der Spruch wiederholt, dass es in der Sowjetunion keinen Sex gegeben habe. Richtiger wäre jedoch zu sagen, dass es offiziell keinen geben durfte. Nach dem Oktoberaufstand machte sich sehr bald neben der überlieferten religiös bedingten Prüderie die neue, kommunistische, breit, die genau so doppelbödig und verlogen war wie die Alte.

Besonders in Filmen, aber auch auf den Theaterbühnen oder in der Literatur merzte die allmächtige Zensur gnadenlos alle Anzeichen auf Sex aus. Filme, wo entblößte Körperteile oder erotische Szenen zu sehen waren, riskierten den Weg in die Giftschränke, die erst nach Gorbatschows Machtantritt geöffnet wurden. Dass sich die alten Herren der Führungsriege heimlich auf ihren Staatsdatschas mit Vergnügen nackte Tatsachen ansahen, ist ja inzwischen auch kein Geheimnis mehr.

Noch in den 70er Jahren war es vor allem in ländlichen Gegenden und in den Provinzstädten für die Mädchen üblich, jungfräulich in den Stand der Ehe zu treten. Für die Jungs galt das ganz und gar nicht. Eine russische Mitstudentin aus der Zeit meines Kalugaer Teilstudiums ließ sich freiwillig nach Magadan, was weit im Osten liegt und wegen der Lager zu Stalins Zeiten verschrieen war, versetzen, weil sie befürchtete, keinen anständigen Mann mehr abzukriegen. Sie hatte sich einem jungen Mann vor seiner Einberufung zur Armee hingegeben, weil sie beide verliebt waren und aufeinander warten wollten. Er hatte es sich dann aber anders überlegt.

Aber woher holten sich dann die Jungs ihre Erfahrungen? Von verheirateten und frisch geschiedenen jungen Frauen. Und von den leichten Mädchen. Davon gab es mehrere Kategorien: die es kostenlos taten, die für Rubel und die für Valuta. Letztere kontrollierte der Geheimdienst, wie überall im Sozialismus. Denken wir doch nur einmal an den Ausritt der Valutahuren der DDR zur Leipziger Messe, zweimal im Jahr standen westliche Geschäftsleute und Politiker im Zentrum massiver horizontaler Aufklärung.

Leider ließ und lässt die sexuelle Aufklärung viel zu wünschen übrig. Und jetzt, wo die russische orthodoxe Kirche wieder massiv im Vormarsch ist, wird Aufklärung völlig unterbleiben. Empfängnisverhütung, Schutz vor Geschlechtskrankheiten, Sexualkunde – all das waren Bücher mit sieben Siegeln. Es mangelte parallel dazu auch noch an Verhütungsmitteln, Präservativen und sogar an unabdingbaren Mitteln der Damenhygiene. Es ist wirklich unglaublich, was die jungen Leute alles anstellten, um halbwegs über die Runden zu kommen.

Aber gegen die Natur kommt nichts und niemand an, so kam es trotz Prüderie und beengter Wohnverhältnisse, wo Kinder und Eltern sehr lange Zeit in einem Zimmer zusammen wohnen mussten, zu vielen ungewollten Schwangerschaften. Die Abtreibung wurde und wird zum Teil immer noch als eine Art Verhütung angesehen und ist weit verbreitet.

Halbtot und kreidebleich kletterten die Frauen zu Sowjetzeiten vom Stuhl, froh, wenn sie eine Narkose während des Eingriffs bekommen hatten, wankten nach Hause und gingen nach wenigen Tagen wieder arbeiten. Um dann wieder ungeschützt den ehelichen Pflichten nachzukommen. Mehr als eine Pflichtveranstaltung war es ja in vielen Fällen auch wirklich nicht.

Mitte der achtziger Jahre, als die Perestroika einsetzte und viele alte Zöpfe abgeschnitten wurden, kam es zu einer regelrechten sexuellen Revolution. Die Leute erstanden Videorekorder und sahen kollektiv allerhand unbekannte Filme, auch Pornos. Gemeinsames Ansehen eines Pornofilms hat was, das können Sie mir glauben. Entweder Totenstille und schweres Atmen oder alberne Bemerkungen, um die Unsicherheit zu überspielen. Komischerweise liefen sehr oft deutsche Billigpornos mit total drögen Texten.

In Spielfilme wie „Die kleine Vera" und „Die Valutahure", mit der netten Bezeichnung im Original „Interdewotschka" strömten die neugierigen Zuschauermassen in den 80er Jahren. Den Film „Die Legende von Paul und Paula" sahen sich die Angehörigen der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR mehrmals an, nur wegen der paar freizügigen Szenen.

Die Menschen konnten nun reisen, sich die Welt ansehen und das Land öffnete sich etwas mehr, so dass mehr und mehr Touristen und Geschäftsreisende nach Russland, vor allem natürlich nach Moskau, Petersburg und die großen sibirischen Städte, kamen.

In kürzester Zeit boomte das horizontale Gewerbe. Junge Mädchen und Frauen aus der Provinz eroberten das Nachtleben der Metropolen. Und weil in Russland alles extrem ist, so auch dies.

 

Was Sie schon immer mal über Sex wissen wollten. Teil 2

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