Auf nach Osten: Drei Wege für einen Umzug nach Russland

Woman unpacking boxes in attic

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Ein Umzug nach Russland will wohl überlegt und vor allem gut geplant sein. Nicht jeder bekommt, wie Gerard Depardieu, von Präsident Putin höchst persönlich die Staatsbürgerschaft verliehen. Aber mit diesen Tipps, lässt Sie die Migrationsbürokratie trotzdem völlig kalt.

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Weg 1: Studentenvisum und Umzug auf Zeit

Der einfachste Weg, um wenigstens für eine Weile nach Russland zu ziehen, ist über eine Hochschule zum Studium. Viele Unis haben auch Ausländer-Quoten, die über die Botschaft vergeben werden: Mit etwas Glück kann man dann kostenfrei studieren und bekommt auch noch die Unterkunft im Wohnheim gestellt. Ist der Studienplatz sicher, gibt es auch ein gebührenfreies Studentenvisum.

So wie Jijun Jhve aus Korea, der an der Sankt Petersburger Geistlichen Akademie studiert. Er möchte einmal als Pastor nach Seoul zurückkehren, um dann für die dorthin reisenden Russen Gottesdienste abhalten zu können. Russisch kann er schon gut: Erstens lernt er zielstrebig, zweitens ist er in ein Wohnheim mit russischen Kommilitonen gekommen. Und trotz seiner seltenen Fachrichtung gelten für ihn dieselben Visa-Regeln wie für alle anderen ausländischen Studenten: 

Erst gibt es ein einmaliges Visum zur Einreise, welches dann auf bis zu einem Jahr verlängert wird. Das kann dann verlängert werden, wenn man weiterstudiert.

Plus:

- Leben in Russland bis zu vier Jahren (Standard-Bachelor)

- Verstehen, ob man hier bleiben möchte, ob es in Russland gefällt

- der Studentenausweis berechtigt zum kostenfreien oder stark ermäßigten Besuchs der meisten russischen Museen und Kultureinrichtungen

Minus:

- mit einem Studentenvisum darf man offiziell nicht arbeiten

Einreise-Statistik 2016

Im Jahr 2016 sind 9,5 Millionen neue russische Pässe ausgegeben worden. Außerdem: 1,5 Millionen Arbeitspatente, 323 000 vorläufige Aufenthaltserlaubnisse und 185 000 Aufenthaltstitel. Die meisten Immigranten kommen aus Mittelasien, der Ukraine, Weißrussland. Aber immer wieder sind auch andere Nationalitäten darunter.

Weg 2: Arbeit finden, Arbeitsvertrag unterschreiben

Um als Arbeitsmensch nach Russland zu kommen, gibt es zwei Varianten:

1 Arbeitserlaubnis und Arbeitsvisum

Diese Option ist etwas für diejenigen, die sich nicht einfach irgendwo anstellen lassen wollen, sondern eine besondere Stelle wollen: Denn um einen Ausländer fest anzustellen, muss der Arbeitgeber den Bewerber unbedingt willen. Das Unternehmen muss eine  Ausländerquote beantragen, eine Art Konto beim Migrationsamt des Innenministeriums anlegen. Die Firma muss dafür extra akkreditiert werden, um dann eine auch noch gebührenpflichtige Einladung für den künftigen Mitarbeiter ausstellen zu können.

All das kann nur umgangen werden, wenn eine „hochqualifizierte Fachkraft“ angestellt wird, die im Monat über zwei Millionen Rubel verdienen wird (umgerechnet etwa 30.000 Euro). Diese Arbeitsstelle jedoch muss vor dem Umzug gefunden werden, dann gibt es die Einladung vom Arbeitgeber. Der Pass muss übersetzt und beglaubigt werden, durchaus gute Kenntnisse der russischen Sprache bestätigt und die Gesundheit gecheckt werden.

Ein Arbeitsvisum kann auf bis zu drei Jahre ausgestellt werden. Wollen Sie dann jedoch den Arbeitsplatz wechseln, muss die gesamte Prozedur von Anfang an neu durchlaufen werden.

„Ich habe versucht, offiziell einen Job in Sankt Petersburg zu finden“, erzählt beispielsweise Anna aus Litauen. „Die Chefin war einverstanden. Aber als sie erfuhr, wie viel sie für mich die Instanzen abklappern müsste, bot sie mir an, entweder schwarz zu arbeiten, oder mir doch besser eine andere Arbeit zu suchen. Ich entschied mich für Ersteres.“

2    Arbeitspatent

Diese Option steht nur Ausländern frei, für die keine Visumpflicht besteht - und auch auch noch weitere Einschränkungen. Gearbeitet werden darf dann nämlich nur in der Fachrichtung, die auf dem Patent angegeben ist. Außerdem ist das Dokument lokal beschränkt: Sie können kein Arbeitspatent in einer kleinen Provinzstadt erhalten und dann in Moskau arbeiten wollen. Im Notfall kann man für beide Orte Patente beantragen.

Klingt anstrengend? Aber dafür ist so ein Arbeitspatent leicht zu bekommen: Es kostet rund 20 000 Euro im Monat, dafür muss man dann aber wenigstens keine Steuern zahlen. 

Andrej zum Beispiel kam aus der Ukraine nach Russland und hat innerhalb von zehn Tagen ohne Probleme sein Arbeitspatent bekommen. Aber: „Die Probleme begannen, als ich es verlängern wollte. Ich kam genau zehn Tage vor Ablauf der Gültigkeit, aber man sagte mir: ‚Zu spät!‘ Also musste ich wieder ausreisen und neu einreisen.“

Plus:

- Verbindung nach Hause erhalten

Minus:

- Ausreise bei Arbeitsverlust

- neue Arbeitsstelle, neues Prozedere

Weg 3: Von vorläufiger Aufenthaltsgenehmigung zum Aufenthaltstitel

„Wenn ich gewusst hätte, wie schwierig das wird, dann hätte ich lieber vier Mal im Jahr ein neues Visum beantragt“, erzählt Anastassija, eine Aussiedlerin aus Lettland. „Mit einem Jahresvisum darf ich mich jeweils 90 von 180 Tagen in Russland aufhalten und hin und her fahren. Und inoffiziell arbeiten. Und jetzt muss ich trotzdem ein halbes Jahr ohne Arbeitsrecht warten, und dass auch noch ohne Aufgabe vor Ort, bis man mir dann den Aufenthaltstitel gibt.“

Und da hat Anastassija offenbar auch noch Glück: Denn sie bekommt den Aufenthaltstitel außerhalb der bestehenden Quoten, weil sie als Aussiedler gilt. Ähnliche Privilegien gibt es außerdem für:

- in der UdSSR Geborene

- Eheleute und Eltern russischer Staatsbürger

- Minderjährige

- Teilnehmer des Programms zur freiwilligen Umsiedlung von Landsleuten

Die Quotenvergabe aber startet mit jedem neuen Jahr und ist meist schon nach wenigen Tagen abgeschlossen. In der kalten Jahreszeit stehen viele Menschen teils tagelang in langen Warteschlangen in der Hoffnung, am Ende doch den lang ersehnten Stempel in den Pass zu bekommen. Garantien gibt es keine. Und wenn Sie Flyer sehen, wo Ihnen die Quote für 200 000 Rubel (umgerechnet immerhin über 3000 Euro) versprochen wird, können Sie sicher sein, dass da Betrüger dahinterstecken. Wirklich helfen können Ihnen beim Erhalt einer Quote nur:

- nahe Verwandte in Russland

- Kauf einer Immobilie in Russland

- große Ersparnisse auf einem russischen Konto

- Wahl einer Region: eine Quote in der Großstadt zu bekommen, ist viel schwerer als in der Provinz

- Empfehlungsschreiben eines Unternehmens, einer Organisation, Gemeinde, National-kultureller Autonomie usw.

Um einen Aufenthaltstitel per Quote zu bekommen, müssen Sie zuerst ein Gesundheitszertifikat erhalten: Für um die 50 Euro absolvieren Sie dann Untersuchungen beim Psychiater und Narkologen und werden auf HIV, Hepatitis und Tuberkulose getestet. Das dauert drei bis vier Stunden in einer Poliklinik, die Ergebnisse gibt es nach einer Woche.

Als nächstes müssen Sie den Test zur russischen Sprache (mindestens Niveau B1), Geschichte und Gesetzgebung bestehen. Kostenpunkt: etwa 60 Euro. Hilfe zu den Fragen zur Geschichte und Gesetzen finden Sie im Internet, bei russischen Kulturzentren und beim Puschkin-Institut. Freigestellt von der Prüfung sind nur Kinder, Rentner und diejenigen Personen, die einen Studienabschluss aus Russland vorweisen können.

Wenn Sie beide Zertifikate dann erhalten haben, können Sie Ihren Antrag auf einen Aufenthaltstitel stellen: Dafür kommen Sie am besten schon zwei Stunden vor der Öffnung zum zuständigen Migrationsamt. Oft  sind die Schlangennummern schon früh alle – und dann können Sie erst am nächsten Tag wiederkommen. In jedem Fall halten Sie sich den ganzen Tag frei – möglicherweise müssen Sie bis abends warten.

Mitbringen müssen Sie: ihren Pass, eine beglaubigte Übersetzung des Ausweisdokuments und des polizeilichen Führungszeugnisses aus Ihrem Heimatland. Wenn Sie sich beim Ausfüllen der Formulare unsicher sind, drucken Sie sie am besten mehrmals aus und füllen sie dann unterschiedlich aus. Wegen eines auch nur extrem geringen Formfehlers wird man Sie sonst sofort abweisen. Das Migrationsamt bietet zwar auch Hilfe beim Ausfüllen der Dokumente an – aber eben für zusätzliche 3000 Rubel (rund 50 Euro).

Direkt nach Erhalt des Aufenthaltstitels müssen Sie sich dann direkt an ihrem Wohnort registrieren und ein Visum mit mehrmaliger Einreise beantragen, falls Sie das Land mal verlassen möchten. Mit einer vorläufigen Aufenthaltserlaubnis können Sie drei Jahre lang in Russland leben. Aber schon nach einem Jahr können Sie auch einen Aufenthaltstitel beantragen. Wenn Sie die meiste Zeit in Russland verbracht haben, an ihrem Wohnort registriert sind, mehr als das örtliche Existenzminimum für jedes Familienmitglied verdienen und nicht gegen Gesetze verstoßen – dann bekommen sie ihn sicher auch. Der Aufenthaltstitel gilt erstmal fünf Jahre. Dann kann er verlängert werden oder ein Antrag auf russische Staatsbürgerschaft gestellt werden.

Minus:

- Im ersten halben Jahr zahlen Sie 31 statt nur 13 Prozent Einkommenssteuer und müssen dann jedes Jahr eine Steuererklärung machen.

- im Heimatland abmelden: Womöglich verlieren Sie dann dort das Recht auf kostenfreie medizinische Versorgung usw. Und in Russland können Sie auch erst versichert werden, wenn Sie alle Dokumente erhalten haben. Also besser schön gesund bleiben“

- während der Wartezeiten auf den Titel dürfen Sie nicht arbeiten. Wer das nicht aushält, nimmt manchmal inoffizielle Hilfsjobs an.

- Ohne Freunde oder Verwandte werden Sie kaum einen Ort für die vorläufige Registrierung finden. Es sei denn, Sie kaufen sich direkt eine Wohnung oder gar ein Haus..

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