Leben in der Mangelwirtschaft: Fünf Träume der Sowjetbürger

Glaubte man der sowjetischen Propaganda, so lebten die Menschen in der UdSSR in einem Land des Überflusses. In Wirklichkeit jedoch konnten viele Familien nur davon träumen, ein Auto zu fahren, eine moderne Wohnung zu haben oder sich schöne Kleidung zu kaufen.

Die Sowjetbürger waren es gewohnt, mit Engpässen im Leben klarzukommen. Die Propagierung der kommunistischen Ideologie „Gleichheit für alle“ hatte zur Folge, dass jeder zwar seine Grundbedürfnisse befriedigen konnte, aber Luxus oder ein gehobener Lebensstil nicht zum Entwurf einer neuen Gesellschaftsordnung passten. Aus diesem Grund wurde alles qualitativ Hochwertige, vor allem ausländische Markenartikel, als etwas besonders Erstrebenswertes angesehen und die Menschen taten viel dafür, an sie heranzukommen.  

1 Eine eigene Wohnung

Seit den 1920er Jahren lebten viele Menschen in Gemeinschaftswohnungen, Privathäusern auf dem Land und sogar in Kasernen. In Moskau, der am meisten überbevölkerten Stadt des Landes, wurde der Bau von Wohnhäusern ab den 1940er Jahren vorangetrieben und in den 1960er Jahren begann Nikita Chruschtschow mit der massenweisen Errichtung von Häusern, die bezahlbar waren und später im ganzen Land unter dem Namen „Chruschtschowkas“ bekannt wurden.

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Dennoch konnte man nicht einfach eine Wohnung kaufen, da es keinen legalen Markt für sie gab. Natürlich sorgte der Staat dafür, dass die meisten Menschen eine Wohnung bekamen, schließlich wurden während der Urbanisierung viele Menschen in Großstädte umgesiedelt und waren für jede Wohnung dankbar. Aber wie sah es aus, wenn Sie ein wenig Geld hatten und eine anständige Wohnung haben wollten?

Arbeiter, die einer Institution, beispielsweise einer Fabrik oder einem Forschungsinstitut angehörten, konnten eine Genossenschaft bilden, der der Staat ein Darlehen für den Bau eines Wohnhauses gewährte. Die Genossenschaftsmitglieder bezahlten monatliche Gebühren, bekamen, sobald das Haus fertig war, ihre Wohnungen und zahlten, ähnlich wie bei einer Hypothek, nur ohne Zinsen, solange, bis die Kreditsumme abbezahlt war. Die Wohnung blieb weiterhin das Eigentum der Genossenschaft und konnte nur an ein anderes Mitglied verkauft werden. Allerdings besaßen die Genossenschaften weniger als zehn Prozent aller Wohnungen, so dass die meisten Sowjetbürger „Schlange" standen, um vom Staat eine Wohnung zu erhalten.

In Großstädten gab es für Wohnungen enorme Warteschlangen und die Menschen mussten sich viele Jahre gedulden, bis sie an der Reihe waren. Darüber hinaus war es für viele möglich, in der Warteschlange weiter „vorzurücken“, wenn sie ihre privaten Verbindungen spielen ließen – es ging vorwiegend um Vetternwirtschaft und darum, dass man Freunde in Wohnungsbaukommissionen oder in höheren Sphären hatte. Ebenso konnte man versuchen, Beamte zu bestechen, um schneller an eine Wohnung zu kommen.

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2 Ein Auto

Ein eigenes Auto bot einem eine zuvor noch nie gesehene Freiheit – eine eigene Privatsphäre auf vier Rädern. Schließlich war der sowjetische Mann selten allein: Meist lebte er in einer Wohngemeinschaft, in der es viele Kinder und Verwandte gab. Der Besitz eines Autos erlaubte es ihm, sich mit anderen Autobesitzern vor der Garage zu treffen oder irgendwohin zu fahren, ohne Eintrittskarten kaufen zu müssen und so weiter.

Die Kosten für ein Auto betrugen in den 1970er Jahren etwa 5 000 Rubel, während ein durchschnittliches Monatsgehalt aus etwa 100 bis 150 Rubeln bestand. Eine Familie mit zwei arbeitenden Personen musste also vier bis sechs Jahre sparen, um ein Auto zu kaufen. Ausstellungsräume dafür gab es jedoch nicht. Zuerst musste man sich in einer Gewerkschaft bei der Arbeit in eine Warteliste eintragen.

Als man dann an der Reihe war, erhielt man einen Gutschein, der das Automodell und die Farbe anzeigte; sein Auto konnte der Käufer jedoch nur im Lager sehen. Die Reihenfolge konnte zudem von den Organisatoren manipuliert werden. Verwaltungsangestellte, die die örtliche Gewerkschaft verwalteten, konnten eine wohlhabende Person gegen Bestechung auf der Warteliste vorrücken lassen.

3 Urlaubsgutscheine

Jeder Arbeiter in der UdSSR bekam 28 Urlaubstage im Jahr und wollte sie am Meer verbringen. Sowjetische Kurorte und Sanatorien hatten jährlich etwa 850 000 Plätze. In einem Land mit über 120 Millionen Einwohnern hatten jedoch weniger als zehn Prozent die Möglichkeit, sich unter der südlichen Sonne zu wärmen. Die begehrten Urlaubsgutscheine wurden für gewöhnlich über das Gewerkschaftsbüro verteilt. Mit der eigenen Familie auf eigene Kosten ans Meer zu fahren, kostete zwei bis drei Monatsgehälter und war damit ein bisschen zu teuer.  

Raisa Semnuchowa, eine 86-jährige ehemalige Beamtin des sowjetischen Ministeriums für Chemie- und Ölindustrie, sagte Russia Beyond, dass man bis zu zwei oder drei Jahren warten musste, um an eine anständige Kur zu kommen, bei der die Gäste einen Zeitplan mit Übungen, Entspannungsbädern, Inhalationen, Sonnenbädern und so weiter bekamen. In den Kurorten wurden auch Aufführungen mit sowjetischen Filmstars und Sängern gezeigt. Zudem war die Ernährung viel besser, als selbst die Lebensmittelgeschäfte in Moskau sie hätten bieten können.

Der Staat zahlte 70 Prozent der Gutscheinkosten. Man konnte sich auch für einen Urlaub in einem vorstädtischen Sanatorium bewerben, das weniger kostete, aber durchschnittliche Bedingungen aufwies. Und wie stand es mit den Reisen ins Ausland?

4 Reisen ins Ausland

Die Mehrheit der Sowjetbürger konnte von einer Auslandsreise nur träumen. Erstens war sie für die meisten zu teuer. Zweitens hat der KGB oft genau diejenigen, die ins Ausland reisen wollten, überwacht, für den Fall, dass sie ausländische Agenten oder Spione waren. Daher wurden die Anträge auf Auslandsreisen, sofern man kein Staatsbeamter war, meistens abgelehnt.

„Mein Mann hatte sehr gute Beziehungen in der Partei“, sagte Raisa Semnuchowa, „und so konnte er immer jemanden finden, der ihm half, eine geschäftliche Auslandsreise zu organisieren. Wir haben ein paar Jahre in Myanmar gelebt und sind später mehrmals in Finnland gewesen.“

Arbeiteten die Sowjetbürger im Ausland, wurden sie nicht in ausländischer Währung bezahlt, da der Staat gegen die Zirkulation ausländischer Gelder in der UdSSR war, sondern in „Schecks“, die in Höhe einer bestimmten Geldsumme ausgestellt wurden. Zurück in Moskau konnten diese „Schecks“ dann für seltene und nicht verfügbare Waren in speziellen Geschäften mit dem Namen „Berjoska“ eingetauscht werden.

Sehr wenige Leute kamen deshalb ins Ausland. Dennoch wollten viele ein gutes Paar Stiefel, einen Wintermantel oder ein schönes Möbelstück ihr eigen nennen.

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5 Seltene Waren

Für gewöhnliche Menschen war es fast unmöglich, Gegenstände wie einen Fernseher, einen Staubsauger oder moderne Möbel zu ergattern. Man musste sich auf die Warteliste der Gewerkschaft eintragen und monatelang warten, um in einen Laden zu gehen und eine Kommode oder ein chinesisches Teeservice zu bestellen. Flohmärkte oder Zeitungsanzeigen galten als Spekulation und waren somit verboten.

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Bei Waren für den täglichen Gebrauch konnten die Menschen daher nicht auf Räumungsverkäufe hoffen, sondern nur darauf, dass es irgendwo in den Geschäften doch einmal etwas Besonderes gab. Im staatlichen Warenhaus GUM auf dem Roten Platz konnten sich beispielsweise die Warteschlangen für Damen-Winterstiefel oder Pelzmützen vom Erdgeschoss bis in den zweiten Stock hinziehen. Lange Schlangen konnten sich darüber hinaus tagelang halten. Die Leute zerstreuten sich in der Abenddämmerung und kehrten am Morgen mit einer Zahl, die ihren Platz in der Reihe angab und in das Notizbuch eines „Freiwilligen“ eingetragen wurde, der die Bestellungen in der Schlange kontrollierte, auf dem Handgelenk zurück. Aus diesem Grund war der Erwerb eines seltenen oder hochwertigen Stückes ein feierlicher Augenblick.

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