Sankt-Georg-Band: Wie eine Graswurzel-Initiative zum nationalen Symbol wurde

Das Sankt-Georg-Band ist heute ein relativ universelles Symbol des Gedenkens der Gefallenen im Zweiten Weltkrieg. Vor wenigen Jahren noch begann das alles als lokale Initiative. Wie das Band es zu einem landesweiten Symbol schaffte? Das erläutert Ihnen Russia Beyond hier.

„Das Sankt-Georg-Band wurde von Journalisten erfunden. Sicher aber ist das kein Zufall, denn so fühlen wir mit unseren Fingerspitzen die Zeitgeschichte und den Zustand der Gesellschaft."  

So will die russische Journalistin Natalja Losewa in einem Interview die große Popularität der orange-schwarzen Bändern erklären, die mittlerweile zum Symbol für Russland und auch für Russlands Aktivitäten in EU-Staaten wurden.

Bewegung von unten

Das orange-schwarze Band ist beliebt: Jedes Jahr am Vorabend des Tages des Sieges, des 8. bzw. 9. Mai, werden Millionen von Sankt-Georg-Bändern in Russland und Dutzenden anderen Ländern der Welt verteilt, wo dem Ende des Großen Vaterländischen Kriegs gedacht wird. In Russland werden die Bänder selbst von den höchsten Beamten getragen - auch von Präsident Putin.

Doch noch vor 13 Jahren begann alles als lokale Initiative einer Gruppe von Journalisten der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Nowosti, die damals die persönlichen Geschichten von Menschen sammelten, deren Schicksale eng mit dem Krieg verwoben waren. Daraus entstand das Internet-Projekt „Unser Sieg“. Erst als die Aktion selbst in Schwung kam, habe sie Unterstützung von den Behörden bekommen, so Losewa. Ihrer Meinung nach ist die Popularität des Bandes eine Reaktion auf den Nihilismus der vorangegangenen Epoche, die nach dem Zerfall der Sowjetunion folgte.

"Eine Zeitlang erlebten wir eine Zeit der Ablehnung, des Grolls gegenüber der sowjetischen Vergangenheit. Die Gesellschaft wollte den Ausgang des Großen Vaterländischen Krieges und des Zweiten Weltkriegs zusammen mit der Last der sowjetischen Vergangenheit, zusammen mit der Stagnation, dem Eisernen Vorhang und der Armut abschreiben. Aber es ist schwierig für eine Gesellschaft, ohne emotionale und historische Säulen, auf die sie sich stützen können, gesund zu bleiben. (...) Die Bänder wurden darum unter dem Slogan ‚Ich erinnere mich‘ verteilt. Ich bin stolz."

Orange-Schwarz ist das neue Rot?

Die Popularität des Symbols rief natürlich auch die Kritiker auf den Plan, die eine politische Agenda hinter der Initiative sahen. Einige Mitglieder der Kommunistischen Partei, die in Russland immer noch beliebt ist, begannen, das Projekt zu tadeln, weil es angeblich die eigentlichen Symbole des Sieges verleugne, die eben mit dem Kommunismus verbunden seien, wie beispielsweise der rote Banner, unter dem der Krieg gewonnen wurde. Angeblich sei die Initiative gegen die Kommunisten gerichtet gewesen:

"Das Sankt-Georg-Band hat weder mit dem Großen Vaterländischen Krieg noch mit der Sowjetzeit etwas zu tun.“

Ursprünglich gehörte das Sankt-Georg-Band dem Orden des Heiligen Georg, der höchsten militärischen Auszeichnung, die einst die Zarin Katharina die Große im 18. Jahrhundert eingeführt hatte. Die Farben standen für Schießpulver und Feuer. Nach der Revolution 1917 wurde die Auszeichnung abgeschafft.  Formal betrachtet, gab es das Sankt-Georg-Band während des Zweiten Weltkrieges also nicht.  Es wurde erst im Jahr 2000 wiederbelebt, als der Orden selbst in Russland wieder eingeführt wurde.

Ein Doppelgänger zu Kriegszeiten

Aber nicht ganz so einfach ist es auch nicht. Während des Krieges gab es ab 1942 ein Band mit den gleichen Farben, das als Garde-Band bezeichnet wurde. Außerdem wurden diese Farben auch für den für den Ehrenorden verwendet, der 1943 eingeführt und später an mehr als eine Million Soldaten vergeben wurde. So verband sich die sowjetische Ordnung als solche mit den Farben in direkt mit dem einstigen Zaren-Orden des Heiligen Georg. Das ist insofern nicht verwunderlich, dass die sowjetischen Behörden im Laufe des Krieges insgesamt immer mehr symbolische Elemente aus der früheren zaristischen Armee wiedereinführten. Die Medaille, die fast alle Soldaten erhalten hatte - "Für den Sieg über Deutschland" - besaß dann eben auch die Streifen in den Farben des Heiligen Georgs. Nach dem Krieg waren das Band und seine Farben beliebte Elemente auf sowjetischen Postern und Postkarten. 

Gedenkband vs. Revolution

Andere Kritiker meinten, die russischen Behörden hätten das Sankt-Georgs-Band als Reaktion auf die Orangene Revolution 2004 in der Ukraine aus den Geschichtsbüchern zurückgeholt. "Die orangefarbene Revolution hatte ein orangefarbenes Band, das Sankt-Georgs-Band ist schwarz und orange. Wir haben es hier eindeutig mit PR-Plagiaten zu tun."

Das schrieb damals ein Kolumnist, obwohl einen richtigen Beweis auch die Washington Post nicht finden konnte, die ja nun kaum für die übermäßige Loyalität gegenüber dem Kreml bekannt ist. Später im Zuge des Maidans und der Ukraine-Krise wurde das Band von denjenigen gewählt, die sich gegen die neue Kiewer Regierung stellten. Mittlerweile ist das  Sankt-Georgs-Band in der Ukraine offiziell verboten.

Die Band-Erfinder erinnern nun immer wieder daran, dass das Projekt doch eigentlich "unpolitisch" sei und auf historisches Gedenken ausgerichtet sei. 

„Wenn schon so eine lokale Aktion zur Massenbewegung wird, wäre es wünschenswert, dass ihr ursprünglicher Zweck nicht verloren geht und dass sie im Kontext des Zweiten Weltkriegs und der persönlichen Familiengeschichten bleibt."

Übrigens hat einmal sogar Papst Franziskus das Band selbst angelegt. Aber später hieß es aus dem Vatikan, er habe nicht gewusst, was es war.

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