Belagerung Leningrads: Wie die Menschen die Schrecken überlebten

Boris Kudojarow/Sputnik
Am 27. Januar jährt sich das Ende der Belagerung Leningrads zum 75. Mal. Wie schafften es die Einwohner der Stadt, diese 872 schrecklichen Tage zu überstehen?

Lebensmittelmarken

Mit Lebensmittelmarken konnten die Bürger Nahrung zu staatlich festgelegten Preisen kaufen. Auf jeder Marke stand die maximale Menge, die gekauft werden konnte. Brot gab es jeden Tag, andere Produkte nur alle zehn Tage, doch manchmal gab es einfach Engpässe, vor allem bei Fleisch.

Eine Brotmarke für den Dezember 1941

Die Mengen wurden immer kleiner, vor allem in den härtesten Monaten im November und Dezember 1941. Arbeitern standen zwar 150-250 Gramm Brot zu, doch für öffentliche Angestellte, Kinder und andere Abhängige wurde die Ration auf 125 Gramm begrenzt.

Im Monat standen einem Arbeiter oder Techniker 1,5 Kilogramm  Fleisch, zwei Kilogramm Nudeln, 800 Gramm Fett (pflanzlich oder Schmalz) und etwa 1,5 Kilogramm Zucker zu. Beamte mussten sich mit 800 Gramm Fleisch, 1,5 Kilogramm Nudeln, 400 Gramm Fett und rund 1,2 Kilogramm Zucker zufriedengeben. Die Lebensmittelmarken wurden gut gehütet – ihr Verlust bedeutete Hunger oder sogar den Tod.

Reflektoren

Während der Belagerung wurde regelmäßig der Strom abgeschaltet. In der Nacht wurden alle Lichter ausgemacht, so dass die feindliche Luftwaffe keine Ziele ausmachen konnte. Also befestigten die Menschen Reflektoren an ihrer Kleidung, so dass sie sich gegenseitig nachts auf der Straße sehen konnten. „Glühwürmchen“, wie die Reflektoren damals auch genannt wurden, bestanden aus Draht und Plastik und waren mit einer Substanz aus Radium-226 überzogen, die im Dunkeln leuchtete.

Schlitten

Dieses Kinderspielzeug war das meistgenutzte Transportmittel während der Belagerung und zugleich ein trauriges Symbol. Besonders schwer hatten es die Menschen im belagerten Leningrad im Winter. Der öffentliche Verkehr war wegen der Haushaltskürzungen zum Erliegen gekommen, daher nutzten die Stadtbewohner Schlitten, um ihre persönliche Habe zu transportieren, aber auch, um die Körper der Toten zu den Begräbnisstätten zu bringen.   

Die Lehrerin Sofia Sagowskaja erinnert sich: „Wie seltsame Fabelwesen aus einem Traum sahen die vom Eis bedeckten Straßenbahnen aus. Abgerissene Kabel hingen an ihnen herunter. Im Morgengrauen sah man lange Prozessionen von Schlitten mit Leichen darauf, die in weiße Laken gewickelt waren…“. Für viele der Überlebenden weckte der Anblick von Schlitten auch später noch unangenehme Erinnerungen an den schrecklichen Krieg.

Knochenleim

Leim, Cellulose, Tannennadeln, Schuhsohlen, Ledergürtel und vieles, vieles mehr – alles was ein bisschen organisches Material enthielt, wurde während der Belagerung verzehrt.

Die Produkte kamen zunächst aus den Fabriken der Stadt: Schmalz und Vaseline, um die Hellinge für die Schiffe einzufetten, Knochenleim und Knochenmehl, selbst organische Schuhcreme – die Menschen fanden Wege, es zu kochen.

Der Leim wurde stundenlang auf kleiner Flamme gekocht, der Geruch war unerträglich. Dann kamen Pfeffer, Salz, jegliche Gewürze, Essig und Senf dazu, um den Gestank zu überdecken.

Eimer

Bei dem Versuch Leningrad zu erobern, zerbombten die Deutschen zunächst die Wasserleitungen der Stadt. Seit 1942 gab es keine Fließwasserversorgung mehr, so dass Wasser aus den Kanälen und dem Fluss geholt werden musste.  

„Wir knieten neben einem Loch im Eis und schöpften daraus Wasser in einem Eimer… Auf dem Weg nach Hause gefror das Wasser. Zu Hause tauten wir es wieder auf und kochten es, weil es schmutzig war“, erinnert sich ein Überlebender der Belagerung. „Etwas zum Kochen, etwas zum Waschen. Wir mussten sehr oft Wasser holen. Es war sehr rutschig und der Weg zum Eisloch schwierig. Wir waren vom Hunger geschwächt und konnten zwar den Eimer runterlassen, aber ihn nicht wieder hochholen. Wir halfen uns dabei gegenseitig.“

Öffentliche Lautsprecher

Während der Belagerungshölle wurden 1 500 Lautsprecher in den Straßen Leningrads installiert. Die Radionachrichten wurden übertragen und vor Luftangriffen und Bombardements gewarnt. 3 740 Warnungen gab es während der Belagerung. Zudem wurde das Ticken eines Metronoms übertragen. Tickte es langsam, bedeutete dies, dass es ruhig war. Ein schnelles Ticken hieß, dass ein Bombenangriff bevorstand und die Menschen Schutz suchen sollten.

Doch es wurde auch Musik gespielt und Dichter wie Olga Berggoltz und Anna Achmatowa lasen aus ihren Werken, um die Moral zu stärken. Noch heute steht ein Denkmal für einen Lautsprecher am Newski Prospekt 54.

Zigaretten

Als die Lebensmittelrationierung begann, wurden Zigaretten wertvoll. Rauchen unterdrückte das Hungergefühl und man glaubte, dass es gegen Skorbut, einer durch Vitamin C-Mangel verursachten Krankheit, helfen könnte. Da es keine großen Tabakvorräte in der Stadt gab, mischten die örtlichen Fabriken getrocknete Blätter und Hopfen unter den Tabak. 1942 war eine Packung Zigaretten so viel wert wie zwei bis drei Tagesrationen Brot. Die Tabakfabrik produzierte auch während der Belagerung.

Zigaretten konnten gegen Kleidung, Schuhe oder Gemüse getauscht werden. Sie waren mehr wert als Geld. Schon die Kinder begannen mit dem Rauchen, um das Hungergefühl und die Schwäche zu bekämpfen. Die meisten Überlebenden behielten das Rauchen später aus Gewohnheit bei.

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