Warum Stalins Leichnam in einer Halloween-Nacht aus dem Lenin-Mausoleum verschwand

Geschichte
GEORGI MANAJEW
Sieben Jahre lang lagen Lenin und Stalin Seite an Seite im Mausoleum – im Tode vereint. Warum wurde Stalin dann umgebettet? Und war es ein Zufall, dass dies an Halloween geschah?

Lenins Mausoleum ist größtenteils Stalins Schöpfung. Als Lenin starb, pilgerten tausende Mitglieder der Kommunistischen Partei aus dem ganzen Land zum Roten Platz nach Moskau, wo er aufgebahrt war, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Die Menschenmassen nahmen kein Ende, während am Leichnam bereits der Verwesungsprozess einsetzte. Stalin befahl, den Körper Lenins zu konservieren und ein Mausoleum zu errichten.

Lenin selbst war ein Gegner des Personenkultes und auch seine Witwe Nadeschda Krupskaja war entschieden gegen Stalins Pläne. 

Das Mausoleum war zunächst ein Holzbau, der später durch einen Bau aus Granit ersetzt wurde. Beide Entwürfe stammten vom Architekten Alexei Schtschussew.  

Ein hochdekorierter Toter  

Stalin starb im März 1953. Sein Begräbnis wurde eine pompöse und traurige Veranstaltung. Die Stadt stand still. Unzählige Menschen wollten am Begräbnis teilnehmen und es kam zu einer Tragödie mit zahlreichen Toten.  

Stalins einbalsamierter Leichnam wurde schließlich neben Lenin im Mausoleum beigesetzt. Auf dem 48 Tonnen schweren schwarzen Monolithen aus Labradorit stand in großen Lettern Lenin. Die Buchstaben wurden rasch mit schwarzer Farbe übermalt und es wurde Stalin darunter geschrieben.

Doch die strengen Winter setzten der Farbe zu und der Schriftzug Lenin kam wieder zum Vorschein, fast so als wolle er zeigen, wer der wahre Boss sei.

1961 wurde ein neuer Monolith gesetzt, auf dem beide Namen standen. Das Original sollte vernichtet werden, doch obwohl ihm bei Entdeckung die Hinrichtung gedroht hätte, bewahrte Mausoleums-Kommandant Konstantin Moschkow den Stein auf und wurde dafür schließlich noch zum Volkshelden.  

Nun standen zwei Sarkophage im Mausoleum, so dass mehr Personal gebraucht wurde.

Stalins Leichnam wirkte viel beeindruckender als Lenins. Er trug die Uniform eines hohen Generals mit goldenen Knöpfen und Schulterklappen und war geschmückt mit Auszeichnungen. Lenin trug einen schlichten schwarzen Straßenanzug. Der Schüler Stalin schien im Leben erfolgreicher gewesen zu sein als sein Lehrer. 

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Unbemerkte Umbettung 

Nach Stalins Tod und der Machtübernahme durch Nikita Chruschtschow wollten sich die Sowjets von der düsteren Vergangenheit lossagen. Auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Jahr 1956 hielt Chruschtschow seine berühmte Rede, in der er den Personenkult um Stalin und dessen Diktatur kritisierte. 

In der gesamten UdSSR wurden die Denkmäler für Stalin abgebaut. Und er sollte auch aus dem Mausoleum verschwinden, weil er Lenins Ideale verraten habe.

Die endgültige Entscheidung darüber fiel auf dem 22. Parteitag der Kommunistischen Partei. Man stellte es öffentlich so dar, als sei es der Wunsch von Arbeitern aus Leningrad gewesen. Verkündet wurde die Entscheidung am 30. Oktober 1961 vom Parteifunktionär Iwan Spiridonow. 

Es wurde noch absurder. Die 80-jährige Dora Lasurkina, eine bekannte Bolschewikin und treue Lenin-Anhängerin erklärte, sich am Vortag mit Lenin beraten zu haben. „Er stand vor mir wie zu Lebzeiten und sagte, es sei ihm unangenehm, neben Stalin zu liegen, der der Partei so viel Ärger bereitet hat.”

Die Entscheidung sollte sofort umgesetzt werden. Man fürchtete Gegenwehr und sogar Unruhen von Stalinanhängern. 

Am 31. Oktober wurde Stalins Leichnam im Schutz der Dunkelheit zunächst vom Mausoleum in ein danebenliegendes Labor gebracht. Schließlich wurde er in der Nähe der Kremlmauer begraben. Warum am 31. Oktober, dem Halloween-Tag? Das halten die meisten für einen puren Zufall. 

Doch am Tag zuvor war die größte jemals gebaute Wasserstoffbombe, die Zar-Bombe, auf dem Archipel von Nowaja Semlja im Arktischen Ozean gezündet worden. Dieses Ereignis beherrschte am folgenden Tag die Schlagzeilen, so dass die Entfernung von Stalins Leichnam aus dem Mausoleum weitgehend unbemerkt blieb. Proteste blieben aus, dennoch unterlag die Operation der Geheimhaltung.

Begraben und vergessen

Am 31. Oktober wurde der Rote Platz wegen der Vorbereitungen für die Parade zum Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November gesperrt. Die Sicht auf das Mausoleum verhinderte eine große Pappe. Nicht einmal die Soldaten, die auf dem Roten Platz marschierten, konnten einen Blick erhaschen. Von Stalins Uniformjacke wurden alle Ehrenabzeichen entfernt, sogar die Goldknöpfe und die Schulterklappen. 

An der Umbettung des Leichnams waren rund 30 der als besonders zuverlässig und verschwiegen geltenden KGB- und Militäroffiziere beteiligt. Stalins Verwandtschaft war nicht anwesend. 

Der Körper wurde in einen hölzernen Sarg gelegt, der Deckel zugenagelt. Das Grab bekam eine Betonplatte. Beim Begräbnis Nahe der Kremlmauer gab es keinen Trauermarsch, keine Rede, keine Musik. 

Bereits am nächsten Tag öffnete das Mausoleum wieder, in dem nun nur noch Lenin lag. Noch in der Nacht wurde der alte Monolith mit den Lettern Lenin wieder angebracht, den Kommandant Moschkow so vorausschauend vor der Vernichtung bewahrt hatte. 

Ein Jahr später veröffentlichte der sowjetische Dichter Jewgeni Jewtuschenko, der dem Regime stets treu verbunden war, in der Zeitung „Prawda” das Gedicht „Die Erben Stalins”, in dem er das sowjetische Volk aufforderte, sich für immer von dem Tyrannen zu verabschieden:

„Und ich appelliere an unsere Regierung, die Wachen am Grab zu verdoppeln und zu verdreifachen, auf das Stalin und mit ihm die Vergangenheit nie wieder auferstehen mögen.”  

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