Aufarbeitung der Geschichte: Was wurde aus den sowjetischen Gulag-Lagern? (FOTOS)

Geschichte
ALEXANDRA GUSEWA
Solowki, Workuta, Kolyma: Diese Namen stehen noch immer für die Schrecken der sowjetischen Straflager. Wie sieht es dort heute aus?

1. Solowezki Speziallager (Solowki)

Die Bolschewiki machten aus dem himmlischen Solowezki-Kloster eine Hölle. In den Kirchen wurden hölzerne Kojen für die Internierten gebaut. Die Altare und Ikonostasen wurden zerstört, alle Kostbarkeiten beschlagnahmt. 

Die Unterkünfte für die Einsiedlermönche wurden zu Kasernen und Isolationszellen umgebaut. Heute ist das Kloster wieder in Betrieb, wird aber noch immer restauriert. 

Viele Erinnerungen an das Lager sind geblieben. In dem verlassenen Gebäude neben dem Kloster befand sich beispielsweise die Lagerverwaltung.

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2. Zwangsarbeitslager Weißes Meer-Ostsee (Belbaltlag)

Die Gefangenen in diesem Lager hatten vor allem eine Aufgabe: den Bau des Weißes Meer-Ostsee-Kanals. 60.000-100.000 Menschen arbeiteten gleichzeitig auf der Baustelle.

Der 227 km lange Kanal, der sich mit 19 Schleusen vom Weißen Meer bis zum Onegasee erstreckt, wurde in Rekordzeit gebaut - in weniger als zwei Jahren. Während des Baus starben rund 12.000 Arbeiter.

Der Weißmeerkanal ist heute noch in Betrieb und wurde mehrfach umgebaut. Entlang des Kanals befinden sich mehrere Denkmäler für die toten Arbeiter. Zudem wurde zum Andenken an die Gefangenen der historisch-kulturelle Komplex des Weißmeer-Ostsee-Kanals geschaffen. 

3. Norilsk

Das Lager in Norilsk bestand von 1935 bis 1956 (in den frühen 1950er Jahren waren dort die meisten Gefangenen in einem Straflager untergebracht: bis zu 72.000).

Die Aufgaben waren sehr breit gefächert. Inhaftierte arbeiteten in der Kupfer-Nickel-Fabrik und in den Bergwerken bei extremer Kälte. Sie mussten am Bau der Eisenbahn mitwirken und beim Entladen von Lastkähnen. Norilsk ist im Wesentlichen eine Stadt, die von Zwangsarbeitern erbaut wurde.

Heute ist es ein großes Industriezentrum mit rund 180.000 Einwohnern (lesen Sie hier mehr über das moderne Norilsk). 

In den 1990er Jahren wurde das Norilsker Golgatha-Denkmal an der Stelle eines Massengrabes errichtet. Es erinnert an die verschiedenen Nationalitäten der Opfer, darunter Russen, Polen, Litauer, Esten und Juden. Der Museums- und Ausstellungskomplex auf dem früheren Gulag-Gelände zeigt eine ständige Ausstellung von persönlichen Gegenständen und Erinnerungen von Gefangenen.  

4. Perm-36

Das Lager in Perm bestand von 1946 bis 1988. Die Insassen waren hauptsächlich im Holzeinschlag beschäftigt. Die Mehrheit der Gefangenen waren Intellektuelle, Schriftsteller und Führer von Religions- und Menschenrechtsorganisationen sowie Dissidenten, die wegen antisowjetischer Propaganda angeklagt wurden. 

In den 1990er Jahren, nicht lange nach seiner Schließung, wurde auf dem Gelände das Perm-36 Museum für politische Repressionen eröffnet. Ein Teil der Ausstellung befindet sich direkt in der ehemaligen Gefängniskaserne. Dies ist einer der wenigen Orte in Russland, der einen echten Einblick in das tatsächliche Leben im Straflager bietet.

5. Workuta

In den 1930er Jahren wurden nach der Entdeckung von Kohlevorkommen in der Region Brigaden von Gefangenen entsandt, um sie abzubauen. Es entstand eines der größten und berüchtigtsten Lager in der UdSSR. Die Gefangenen bauten Eisenbahnen und Minen und förderten Kohle unter den unmenschlichen Bedingungen des hohen russischen Nordens.

1989 wurde das Workuta-Ausstellungszentrum eröffnet, eines der ersten, das sich der Geschichte der Gulags in der Sowjetunion widmete. Heutzutage können Sie auf dem „Workuta Minenpfad“ wandeln und bekommen dank einer eigens entwickelten App mit Augmented Reality eine Vorstellung vom Leben der Lagerinsassen. 

Die Stadt Workuta selbst, eine der größten am Polarkreis, wurde ebenfalls hauptsächlich durch Zwangsarbeiter geschaffen. Bis heute ist es eine Kohlebergbau-Metropole. Unweit von Workuta liegt die Geisterstadt Jur-Schor, Schauplatz eines der größten Lageraufstände in der Geschichte der Sowjetunion, sowie ein Friedhof zum Gedenken an die Bergleute, die in Workuta ums Leben kamen.

6. Kolyma

Die Kolyma-Region erstreckt sich entlang des gleichnamigen Flusses im russischen Fernen Osten. Sie ist bekannt für ihre Goldminen und die Schrecken, von denen Warlam Schalamow in seinen „Erzählungen aus Kolyma“ berichtet. 

Darüber hinaus wurden in Jakutien, Kamtschatka und der Region Magadan wertvolle Erze sowie radioaktives Uran abgebaut. Die Gefangenen hier arbeiteten mit bloßen Händen im Permafrost. Sie erbauten die Stadt Magadan. 

Mehrere Gefängniskasernen und Wachtürme liegen verlassen auf dem Gebiet des heutigen Kolyma, während Magadan heute ein Zentrum des Fischfangs und des Maschinenbaus ist.

>>> Kolyma: Vom Goldenen Land zum Vorort der Hölle

7. Tschukotka-Lager

Die Erschließung Tschukotkas und seiner Zinnvorkommen haben sowjetische Zwangsarbeiter vorangetrieben. Um den Bergbaubetrieb entstanden Städte und Infrastruktur.

Die Gefangenen mussten auch radioaktive Stoffe ohne Schutzkleidung abbauen. 

2015 haben Vertreter des Staatlichen Gulag-Museums Tschukotka besucht. Viele der ehemaligen Kasernen liegen verlassen. Ein trostloser Anblick ...

Weitere Fotos und Videos der Expedition finden Sie auf der Website des Museums. Das Museum bietet eine 3D-Tour zu diesen Orten mit VR-Brille an.

8. Baikal-Amur-Arbeitslager (Bamlag)

Bezogen auf die Anzahl der Gefangenen war das „Bamlag“ das größte in der Geschichte der Sowjetunion. 1938 waren dort 200.000 Menschen interniert – ein trauriger Rekord.

Mit der Erschließung des Trans-Baikal-Territoriums im Fernen Osten Russlands beauftragt, waren sie hauptsächlich mit dem Bau der Baikal-Amur-Fernbahn (BAM) befasst. Das Projekt wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg eingestellt und erst in den 1980er Jahren abgeschlossen.

Die einzige Erinnerung an die Lager ist heute die BAM selbst, eine der längsten Eisenbahnen der Welt. In der Stadt Swobodni in der Region Amur wurde ein Gedenkstein für die Toten aufgestellt.  

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