Skandal in der Tretjakow-Galerie: Museumsführer und Besucher streiten, ob man in Museen reden darf

Kultur
JEKATERINA SINELSCHTSCHIKOWA
Russische Museen sind unter anderem für ihre „KGB-Babuschkas“ bekannt, die Ihnen mit ihren eisigen Blicken das Reden in den Ausstellungsräumen untersagen wollen. Doch ist es wirklich nicht erlaubt?

Keiner sah es kommen: Das Schlachtfeld dieses Kampfes war die renommierte Tretjakow-Galerie und den Streitpunkt bildete das angebliche Redeverbot in ihren Ausstellungsräumen.

Die Diskussion in den sozialen Medien über das absurde Verbot entfachte, nachdem eine Gruppe von Dozenten und Studenten der Staatlichen Universität Moskaus aus der Galerie vertrieben wurde. Daraufhin schrieb die Gruppe einen Brief (rus) an das russische Kulturministerium, in dem sie sich über das Verbot, ihre „Sichtweisen austauschen zu dürfen“, beschwerte. Sofort meldeten sich über die sozialen Medien auch andere Nutzer, die ähnliches erlebt hatten.

„Meine Freunde und ich hatten beschlossen, unserer Lieblingsgalerie einen Besuch abzustatten. Wir waren zu fünft. Wir besprachen die Bilder, deuteten auf die in den Porträts abgebildeten Kleider und Hüte. Doch dann begannen die Aufseher uns zu ermahnen:

„Nur offizielle Museumsführer dürfen bei uns Exkursionen durchführen!“

„Welche Exkursion? Wir unterhalten uns nur ganz normal über die Bilder!“

„Das ist hier nicht erlaubt!!“

„Heißt das, wir sollen schweigend herumlaufen?“

„Sprechen Sie mit der Verwaltung, wenn Ihnen das nicht gefällt.“

Dieser Vorfall in der Tretjakow-Galerie wurde vom Chefredakteur der Zeitschrift „Fashionograph“, Tim Iliasow, auf seiner Facebookseite festgehalten. Tim und seine Freunde setzten ihre Diskussion unbeirrt fort, bis sie von einem Wachmann aus dem Gebäude eskortiert wurden.

Eine Entschuldigung von ganz oben

Das Museum startete daraufhin eine PR-Offensive und erklärte, dass das Reden in den Galerien natürlich nicht verboten sei. Die Tretjakow-Galerie führte außerdem eine obligatorische Akkreditierung für die selbstständigen Führer ein, damit sich die verschiedenen Gruppen frei bewegen können, ohne sich gegenseitig auf die Füße zu treten.

Die Erklärung auf Facebook der leitenden Tretjakow-Galerie-Forscherin Tatiana Gorjatschewa vermischte aber leider die Gegebenheiten des Vorfalls mit emotionalen Ausbrüchen über die Probleme, denen die Museumsmitarbeiter gegenüber stehen würden: Das niedrige Kulturniveau der Besucher, ebenso wie die unautorisierten Führer, wären demnach ein ständiges Problem.

Gorjatschewas Beitrag beklagte ferner, dass die eigenständigen Führer mit ihrer Zuhörerschaft häufig die Sicht auf die „begehrtesten“ Bilder verdecken würden, sodass die offiziellen Führungen Umwege suchen müssten, um diese Bilder auch ihren Gruppen zeigen und ein allgemeines Interesse bei ihnen dafür wecken zu können.

„Offizielle Museumsführer wissen, wie man die Führungen zeitlich einteilt, um Zusammenstöße mit den anderen Gruppen zu vermeiden. Den unautorisierten Führern ist das jedoch egal. Sie machen, was sie wollen und können manchmal ziemlich unhöflich sein“, meinte (rus) sie. Gorjatschewa merkte jedoch an, dass das Reden in der Tretjakow-Galerie trotzdem nicht verboten wäre und niemand dafür der Galerie verwiesen werden dürfe.

Der Beitrag sorgte dennoch bei einigen Nutzern der sozialen Medien für Unmut, auch weil Gorjatschewa die „gewöhnlichen Besucher“ nicht besonders angenehm charakterisierte: „...Wir müssen unsere universitäre Ausbildung mit den Anforderungen der Öffentlichkeit vereinbaren... Die Öffentlichkeit hat jedoch ein weitaus geringeres Interesse, Informationen zu den Barock- und Rokoko-Stilen zu bekommen. Für sie ist nur interessant, wie Iwan der Schreckliche seinen Sohn tötete und wie Fürstin Tarakanowa ums Leben kam.“

Daraufhin löschte Gorjatschewa ihren Beitrag und die Tretjakow-Galerie entschuldigte sich (rus) offiziell für das Missverständnis. Eine positive Auswirkung hatte die Debatte aber letzten Endes doch: Das öffentliche Interesse an Museumsbesuchen an den Wochenenden ist seitdem merklich gestiegen. Und der Eintritt in die Tretjakow-Galerie ist mittwochs sogar frei – Gespräche inklusive!

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