7 Gemälde der Tretjakow-Galerie, die zu ihrer Zeit für Skandale sorgten

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Heute kann man kaum glauben, dass diese klassischen Werke der russischen Kunst einst bei ihren Zeitgenossen Kontroversen ausgelöst haben könnten.

Diese Gemälde wurden von Galerie-Gründer Pawel Tretjakow gekauft, der sich ausschließlich von seinem eigenen Geschmack leiten ließ. Da seine Galerie öffentlich war, musste Tretjakow die strengen Richtlinien der Zensoren berücksichtigen – einige Gemälde wurden nicht nur abgelehnt, sondern auch komplett verboten. Dank Tretjakows Bemühungen überlebten sie jedoch und zählen heute zu den berühmtesten Werken russischer Kunst des 19. Jahrhunderts.

  1. „Osterprozession in einem Dorf“ von Wassili Perow (1861)

Wassili Perow war einer der Gründer der Künstlergruppe der sogenannten „Peredwischniki“ (zu Deutsch die Wanderer), deren Vertreter das wirkliche Leben gewöhnlicher Menschen zeigen wollten. Deswegen verzichtete Perow auf Herrschaftsthemen und zeigte stattdessen den Alltag der einfachen Leute. 

Sein bekanntes Gemälde „Troika“ zeigt arme Kinder, die ein Wasserfass ziehen. Perow war ein anerkannter Künstler, aber sein Werk „Osterprozession in einem Dorf“ sorgte für Aufruhr. Vor allem ärgerte sich das Publikum darüber, dass der Perow das Osterfest als eine Prozession betrunkener Menschen darstellte – die Bauern schlossen die betrunkenen Augen halb, der angeheiterte Priester, der ein Osterei unter seinem Fuß zerquetschte, und weitere Leute lagen neben den Kirchentüren herum. 

In St. Petersburg wurde das Gemälde aus der Ausstellung genommen und dem Künstler wurde Unmoral vorgeworfen. Pawel Tretjakow erwarb Perows Werk jedoch trotz aller Versuche, ihn davon abzuraten.

  1. „Die Apotheose des Krieges“ von Wassili Wereschtschagin (1871)

Wereschtschagin bereiste Zentralasien und malte viele Leinwände. Dieses Gemälde wurde jedoch sein berühmtestes. Ursprünglich „Der Triumph von Tamerlane“ benannt, bezog sich das Werk auf eine Legende über die Soldaten des berühmten mongolischen Militärführers, die Pyramiden aus den Schädeln enthaupteter Feinde bauten. Der Anblick der Schädel sowie der Wüste und der in Trümmern liegenden Stadt im Hintergrund schockierte das Publikum. Wereschtschagin widmete dieses Gemälde „allen großen Eroberern: Den vergangenen, den gegenwärtigen und den zukünftigen“. 

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  1. „Christus in der Wüste“ von Iwan Kramskoi (1872)

Das Leben Christi war ein beliebtes Thema bei Künstlern des 19. Jahrhunderts, aber Jesus wurde normalerweise als gelassen und inspirierend dargestellt und nie als abgemagert und einsam mitten in der Wildnis. Kramskois Gemälde zeigt die Versuchung Jesu durch den Teufel während seines 40-tägigen Fastens nach seiner Taufe. Sein Bild ist äußerst menschlich, sein Gesichtsausdruck ist angespannt. Augenzeugen erinnerten sich daran, wie das Gemälde in der Ausstellung die öffentliche Meinung spaltete. Einige waren beeindruckt von der Tiefe und der Darstellung des Leidens, während andere ihre Empörung über die „Blasphemie“ und die Schändung von etwas Heiligem ausdrückten.

Kramskoi selbst erinnerte sich, dass die Leute ihn ansprachen und fragten, warum er das Aussehen und Verhalten von Jesu auf diese Weise darstellte. Verzweifelt erwiderte der Künstler trotzig, dass sie ihn auch nicht gesehen hätten. Pawel Tretjakow erwarb das umstrittene Gemälde sofort und betrachtete es als eines der stärksten Kunstwerke seiner Sammlung.

  1. „Iwan der Schreckliche und sein Sohn Iwan am 16. November 1581“ von Ilja Repin (1883-1885)

Dieses Gemälde löst immer noch große Emotionen aus. 2018 beschädigte ein Vandale, der seinen „verlogenen“ Inhalt nicht mochte, das Bild. 

Repins Werk war eines der ersten derart blutigen Gemälde, die auf einer pseudo-historischen Geschichte basieren. Der Künstler schuf es unter Erinnerung an die Ermordung von Alexander II. Sein Sohn und Thronnachfolger Alexander III. gefiel das Gemälde jedoch nicht. Das Bild wurde von Tretjakow gekauft, aber die zaristische Zensur verbot, es auszustellen. Das Verbot wurde später aufgehoben.

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  1. „Bojarynja Morosowa“ („Bojarin Morosowa“) von Wassili Surikow (1887)

Surikows monumentales Gemälde beschäftigt sich mit der Spaltung der russisch-orthodoxen Kirche im 17.Jahrhundert. Die reiche Bojarin, die in Fesseln weggebracht wird, zeigt zwei Finger als Symbol dafür, dass ihr alter Glaube nicht gebrochen werden konnte.

Als gelungenes Experiment mit einem Sujet aus der russischen Geschichte hinterließ das Gemälde in der Öffentlichkeit einen starken Eindruck. Viele Leute lobten die Weise, wie authentisch Altrussland dargestellt wurde. Aber das Gemälde hatte auch viele Kritiker, die sich über fehlerhafte Komposition, falsche Proportionen und andere Details beschwerten. Manche sagten sogar, das Bild ähnelte sich eher einem geschmacklosen bunten Teppich als einem Gemälde.

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  1. „Der Birkenhain“ von Archip Kuindschi (1879)

Was könnte an einem Gemälde eines Birkenhains umstritten sein? Tatsächlich war das Bild von Kontroversen umgeben: Kuindschi beendete die Arbeit an diesem Gemälde für eine Ausstellung der Wanderers-Künstlergruppe in St. Petersburg zu spät, wodurch sich die Eröffnung zum Leidwesen der anderen Künstler verzögerte. Am Ende erschien das Werk zwei Tage nach der Eröffnung. 

Die Zuschauer waren voller Bewunderung für das erstaunliche Spiel von Licht und Schatten. Sie vermuteten sogar, dass es ein optischer Trick war und das Bild mit einem Licht von hinten beleuchtet wäre.

Einer der Kritiker unterzog das Gemälde jedoch einer strengen Kritik, indem er schrieb, dass die Farben unnatürlich seien, die Bäume wie Bühnenrequisiten herumständen und unnatürlich angeordnet seien. Es stellte sich heraus, dass der Kritiker einer der Vertreter der Wanderkünstler-Bewegung war, der sich hinter einem Pseudonym versteckte. Kuindschi war so beleidigt, dass er diese Künstler-Gruppe verließ. Somit war „Der Birkenhain“ das letzte Werk, das er in ihren Ausstellungen zeigte. Natürlich wurde es schließlich von Tretjakow gekauft.

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  1. „Prinzessin der Träume“ von Michail Wrubel (1896)

Die Geschichte dieses Gemäldes liest sich wie ein Abenteuerroman. Das Wandbild wurde vom Kunstsammler und Mäzen Sawwa Mamontow für den Kunstpavillon der allrussischen Industrie- und Kunstausstellung in Nischni Nowgorod in Auftrag gegeben. Wrubel war zu diesem Zeitpunkt noch ein unbekannter Künstler. Eine Theaterproduktion, die auf Edmond Rostands Schauspiel „La Princesse Lointaine“, basiert, hatte kürzlich in Russland Premiere.

Mamontow hatte aber seinen Auftrag an Wrubel nicht mit der Akademie der Künste, die den Pavillon betreute, vereinbart. Beim Betrachten des Werkes ordnete eine Jury der Akademie den Abbau an. Es löste einen großen Skandal aus, welcher sogar Nikolaus II. erreichte. Letzterer ordnete an, dass die Wünsche der Akademie respektiert werden müssen, auch wenn der Zar später seine Bewunderung für Wrubel ausdrückte.

Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden und Wrubels Werk wurde vom bekannten Künstler Wassili Polenow vollendet. Auch wenn das Wandbild selbst nicht im Pavillon ausgestellt war, brachte Mamontow eine Vielzahl weiterer Gemälde von Wrubel zur Ausstellung mit. Der Mäzen organisierte auch eine Theateraufführung, für die Wrubel Bühnenbildner schuf.

Einige derjenigen, die „Prinzessin der Träume“ von Wrubel gesehen hatten, bewunderten seine Malerei. Andere kritisierten die Hässlichkeit des „dekadenten Wandbildes“. Schließlich sollte Mamontow in seiner Fabrik eine Majolika-Kopie des Wandbildes anfertigen. Es ziert nun die Fassade des Hotels Metropol im Zentrum Moskaus.

„Prinzessin der Träume“ landete schließlich in Mamontows Privatoper und wurde später ins Bolschoi-Theater überführt, in dessen Lagerräumen das Gemälde Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt und dann in die Tretjakow-Galerie verlegt wurde. Erst 2007 wurde das Wandbild im  Wrubel gewidmeten Raum ausgestellt. Das Gebäude des Museums musste speziell an das riesige Meisterwerk angepasst werden.

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