Tommy aus Irland: Wie Russen mein Leben veränderten

Ekaterina Kozukhova
Russia-Beyond-Autoren aus aller Welt erzählen, wie die russische Mentalität ihre Weltsicht verändert hat. Tommy O'Callaghan aus Irland rät, die gesamte Erfahrung nicht zu unterschätzen und alles einfach auf einen zukommen zu lassen.

Das Leben in Russland ist immer für eine Überraschung gut. Es steckt voller seltsamer Dinge und Herausforderungen, denen man sich stellen muss. Sträuben Sie sich nicht dagegen und machen Sie das Beste daraus, denn alles, was Ihnen dort zustößt, hat am Ende einen Sinn und Zweck.

Man lernt sich zu entspannen

Auf den ersten Blick steht Moskau, die futuristische, russische Hauptstadt voller Geld, Träume und Chancen, immer unter Strom. Niemand geht dorthin, um sich zu entspannen oder eine Pause einzulegen.

Der russische Umgang mit Belastungen durch die weltlichen Einflüsse besteht darin, jeden Stress zu vermeiden. Jeder Russe, den ich kenne, sieht Leid und Depressionen als ein nebensächliches und vorübergehend unvermeidbares Gebrechen an; der entscheidende Punkt am Ende ist jedoch, seine Angst unter Kontrolle zu haben.

Die russische Anti-Angst-Einstellung untergräbt die Idee, dass man sich um Geld übermäßig Sorgen machen müsste oder dass man allein durch seine Arbeit oder seinen Status definiert wird. Gewiss ist das eine radikale Denkweise, wenn man sie im Alltag einer Großstadt praktiziert, doch sie lehrte mich, unter der Last von Deadlines, dem ständigen Lärm und ewigem Pendeln nicht den Verstand zu verlieren und brachte mich sogar dazu, mehr als zwei Monate lang kein Handy zu benutzen.

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Wenn man diese Haltung einnimmt, stellt man fest, dass man beginnt, für die eigenen Grenzen viel mehr Respekt zu haben. Ein gewisser Grad an Negativität mag zwar unvermeidlich sein, doch man hat immer die Möglichkeit, etwas abzulehnen und das Beste aus seiner momentanen Situation zu machen. Schließlich sind Russen Leute, die es schaffen, „Chruschtschowkas“ in Schlösser umzuwandeln.

Am Strand zu liegen ist zwar schön, doch kann man sich wirklich entspannen, wenn man nicht die Finger vom Handy lassen kann und die ganze Zeit darüber nachdenkt, dass man bald wieder zur Arbeit muss? Die Welt mag sich zwar mit 160 Stundenkilometern bewegen, dennoch sollte man immer noch in der Lage sein, sich zu erden und ein Gefühl der inneren Ruhe zu finden. Für mich ist das die beste Art der Entspannung.

Die Gesetzlosigkeit kann einen in Don Quijote verwandeln

In einem Moment unverblümter Ehrlichkeit, dass ich nie nach Hause zurückgehen würde, fasste eine russische Freundin meine Gründe nach Moskau zu kommen folgendermaßen zusammen: „Du bist nur ein verlorener Junge, der nach einem Abenteuer sucht, nicht wahr?“

Nach meiner anfänglichen Empörung „wie kannst du es wagen, ich bin ein Profi“ begriff ich jedoch, dass sie nicht falsch lag. Mein Leben in Russland und mit Russen hat mich tatsächlich abenteuerlustiger gemacht. Während ein „Nein“ einem hier viel hilft, bekommt man auch gelegentlich ein verblüffendes Angebot, zu dem man nur, wie es Jim Carrey ausdrücken würde, „ja“ sagen kann. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich beispielsweise von dem Vorschlag, am „Roofing“, also dem ungesicherten Klettern auf Dächern, teilzunehmen, nicht sehr begeistert war. Meine erste Reaktion auf die Idee war nur „Was, ich? Aber ich habe Höhenangst!“

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Man muss es nur schaffen, diesem Drang zu widerstehen und der Stimme zu folgen, die einem sagt, dass man sich auf das Abenteuer einlassen sollte, ohne lange darüber nachzudenken – egal, ob es darum geht, den Samstag im Wald zu verbringen oder eine Woche lang bei minus 50 Grad Celsius zu rodeln. Und so habe ich mit Russland ein Land gefunden, in dem alles möglich ist und in dem man sich nur langweilen kann, wenn man sich nicht auf Abenteuer einlässt und sich nicht traut „ja“ zu sagen und spontan zu sein.

In dem Moment, in dem ich merkte, dass ich es geschafft hatte, ein „Ehrenbürger Moskaus“ zu werden, stand ich an der Spitze eines 30-stöckigen Gebäudes und mein Freund rief dem Stadtzentrum mit seiner typischen russischen Offenheit zu: „Hier steht ein Ire, der einst ein Feigling war.“ Noch nie zuvor hatte sich ein zweifelhaftes Kompliment für mich so erlösend angefühlt.

Man lebt und atmet Geschichte

Ich habe bisher in sechs verschiedenen Wohnungen in Moskau gelebt und jede hatte ihre eigene Geschichte. Ich zog zunächst in eine typische „Großmutter“-Wohnung. Die Vermieterin war buchstäblich eine achtzigjährige Frau, die jeden Samstagnachmittag zu mir kam und nach mir sah. „Seit der Stalinära haben sich die Dinge sehr verändert“, erklärte sie mir einst im ernsten Ton.

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Obwohl diese Frau in Russland als gewöhnlich gelten mochte, war sie für mich, da sie alle russischen Regierungsphasen, von der Stalin- bis hin zur Putinära, miterlebt hatte, nichtsdestotrotz ein außergewöhnlicher Mensch. Denn Russland ist ein Land, in dem die Pracht und die extreme Not nicht bloß als Lesestoff in den Lehrbüchern zu finden sind, sondern hautnah mit den dazugehörigen politischen Antworten an jeder Straßenecke erfahren werden können. Oder, wenn sie Ihnen von einer alten Frau bei einer Tasse Tee erzählt werden.

Egal wo oder wann man in Russland lebt, fällt es einem vermutlich schwer, sich nicht als Teil eines großen Ganzen zu sehen. Das fühlen zumindest meine russischen Freunde, wenn sie Poesie oder Computerprogramme schreiben und dabei auf die Moskauer Skyline blicken. Genau so stelle ich mir auch die ehemaligen Bewohner meiner jetzigen Stalinka im 16. Stock vor, die in den 1930er Jahren in diesem Raum mit seinen hohen Decken und seiner urbanen Omnipräsenz konfrontiert waren.

Für mich ist das genau die Energie, die ich als 22-Jähriger brauche. Manchmal habe ich auch Momente, in denen ich verzweifle, beispielsweise wenn ich mitten im März knietief im Schnee stecke, doch letztendlich bin ich immer noch hier.

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