Wintershall-Chef Mehren: "North Stream 2 steht im Einklang mit EU-Recht"

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Die BASF-Tochter Wintershall hat trotz Ölpreiskrise und Asset-Tausch mit Gazprom im letzten Jahr einen großen Gewinn verbuchen können. Im Interview mit der Zeitung „Kommersant“ spricht Vorstand Mario Mehren über russische Kooperationsprojekte des Unternehmens.

2014 wurde der vereinbarte Asset-Tausch mit Gazprom aufgrund der politischen Entwicklungen ausgesetzt. Im vergangenen Jahr wurde der Tausch dann doch vollzogen. Mehr noch: Sie haben mit der Pipeline „North Stream 2“ gemeinsam mit dem russischen Energiekonzern Gazprom ein Großprojekt gestartet. Haben Sie sich mit der Bundesregierung beraten?   

Wie Sie sicherlich wissen, begann im November und Dezember 2014 die Sanktionsspirale.  Es bestand die Gefahr, dass sich die Beziehungen zwischen Russland und Europa weiter verschlechtern. Daher konnte damals niemand sagen, wie es weitergehen würde. Das war ein Risiko, das keiner von uns – weder Wintershall noch Gazprom – auf sich nehmen wollte. Es hätte auch soweit kommen können, dass der Besitz von Gas-Aktiva aus Russland verboten wird und umgekehrt. Deshalb haben wir den Tausch damals auf Eis gelegt und nicht etwa, weil die Bundesregierung uns davon abgeraten hätte. Die Entwicklungen haben uns einfach beunruhigt. Die Situation erschien uns unkontrollierbar. Nicht einmal die Bundesregierung hätte Einfluss gehabt, denn die Sanktionen wurden von der EU verhängt. 

Wieso kam das Geschäft dann doch noch zustande?

Ich denke, Mitte 2015 war klar, dass zumindest die Spirale einen Stillstand erreicht hatte. Wir haben gesehen, dass der Minsker Prozess mit Beteiligung zweier sehr wichtiger europäischer Mächte wie auch Russlands und der Ukraine gestartet war. Und dann haben wir gemeinsam mit Gazprom beschlossen, dass das unsere Chance ist, den Deal zu vollziehen.

Haben wir das mit der Bundesregierung besprochen? Ja, dazu waren wir verpflichtet. Denn als wir den Tausch im Jahr 2012 geplant haben, mussten Genehmigungen deutscher und europäischer Regulierungsbehörden eingeholt werden, die uns auch erteilt wurden. Wir haben später beim Bundeswirtschaftsministerium und der EU-Wettbewerbsbehörde nachgefragt, ob wir die Genehmigung erneuern lassen müssen, nachdem wir den Tausch ausgesetzt hatten. Das war nicht der Fall. 

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Die größten Bedenken gegenüber dem Projekt „North Stream 2“ und die größten Risiken bei der Umsetzung liegen im rechtlichen Bereich. In vielen europäischen Ländern herrscht die Ansicht, die Pipeline stehe im Widerspruch zum Dritten EU-Energiepaket? Was sagen Sie dazu? 

Ich habe eine klare Meinung dazu. Das Dritte Energiepaket der EU enthält klare Regeln und Normen. Laut diesen Normen ist „North Stream 2“ als Unterwasser-Pipeline, die zwischen einem EU-Mitgliedsstaat und einem EU-Nichtmitglied verläuft, nicht vom Dritten EU-Energiepaket betroffen. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern sie wird vom Juristischen Dienst der EU-Kommission geteilt.

Die Generaldirektion Energie der Europäischen Kommission ist anderer Meinung in dieser Frage.

Sie dürfen eine andere Meinung haben. Dies bedeutet aber, dass sie die Entscheidung der deutschen Regulierungsbehörde anzweifeln und das Gutachten des eigenen Juristischen Dienstes widerlegen müssen. Ich habe nicht vor, jede Meinung hinsichtlich dieser Frage zu diskutieren. Ich ziehe es vor, mich an Fakten zu halten.

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Verstehe ich es richtig, dass Sie momentan keine Gaslieferverträge mit Gazprom haben?

Wir haben eine ganze Reihe an Verträgen über Gaskäufe bei Gazprom hinsichtlich unserer Gemeinschaftsunternehmen in Russland. Doch wir haben keine Verträge mit Gazprom über Gaslieferungen aus Russland nach Europa an Wintershall. Im Gashandel sind wir nicht mehr aktiv.

Das heißt, über „North Stream 2“ wird kein zusätzliches russisches Gas an Wintershall geliefert? 

Nein.

Sind Sie nicht an einer Ausweitung des Gasportfolios interessiert?

Ich bin daran interessiert, wenn von Förderung die Rede ist. Wir als Unternehmen haben beschlossen, uns vom Gashandel zu trennen, weil er nicht zu uns passt. Meiner Ansicht nach wären die richtigen Eigentümer des Gashandels Gasgiganten mit einem riesigen Portfolio, die über Positionen bei Flüssiggas, bei Pipelinegas, über starke Handelsteams und dergleichen mehr verfügen. Wir haben das nicht und haben das auch nicht vor.

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Also ist auch ihr Mutterkonzern BASF an einer Zunahme von Lieferungen aus Russland nicht interessiert?

BASF kauft Gas bei Wingas. Zudem gibt es direkte Lieferungen von uns und es gibt ein bestimmtes Portfolio weiterer Lieferanten. Doch ich spreche davon, dass uns die Beteiligung am Gasverkauf nicht interessiert. Wir beteiligen uns am „North Stream 2“, weil wir in Russland Gas fördern, wo wir es direkt am Gasfeld an Gazprom verkaufen. Wir wissen aber, dass Gazprom dieses Gas auch im Export absetzen will und muss. Daher investieren wir in diese Pipeline, um einen direkten und sehr günstigen Weg zu schaffen, das Gas auf den europäischen Markt zu liefern. Was danach mit diesem Gas geschieht – wer es verkauft und kauft– ist nicht unsere Sache. Das ist eine Frage des Handels.

Daher würde ich es mir wünschen, dass es alle in Russland und Europa richtig verstehen: Der Bau der Transportinfrastruktur steht in keinerlei Zusammenhang mit der Eroberung von Marktanteilen. Alle Akteure im Gashandel werden miteinander konkurrieren müssen. Daher können die Europäer unbesorgt sein: Wenn sie Flüssiggas von den USA kaufen wollen, dann können sie es kaufen.

Wie hat sich der Ölpreisverfall auf das Geschäft des Unternehmens Wintershall ausgewirkt?

Letztes Jahr ist der Ölpreis im Vergleich zu 2014 um 47 Prozent gefallen. Natürlich hat sich das auf unsere Kennzahlen ausgewirkt. Unser operatives Ergebnis fiel um ein Drittel geringer aus, doch insgesamt haben wir 2015 meiner Ansicht nach gut gearbeitet. Trotz aller Herausforderungen haben wir eine Milliarde Euro Reingewinn erzielt. Doch für dieses Jahr sehe ich größere Schwierigkeiten voraus. Wir gehen von niedrigem Ertrag aus, weil wir einen Ölpreis noch unter dem Durchschnittspreis des letzten Jahres von 52 US-Dollar pro Barrel erwarten. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir den Asset-Tausch mit Gazprom im vergangenen September vollzogen haben, sodass wir keinerlei Gewinne aus dem Gashandel und dem Speichergeschäft erzielen. 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kommersant

 

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