Unbändige Forscherfreude in Fernost - über Riesenskelett einer geheimnisvollen ausgestorbenen Sehkuh

Wissen und Technik
VICTORIA ZAVYALOVA
Vor mehr als 200 Jahren ist die letzte Stellers Sehkuh, ein massiver, aber friedliebender und sozialer Meeressäuger mit dem Gesicht eines Walrosses und der Taille eines Delphins getötet worden. Nun ist das womöglich letzte Skelett dieser mysteriösen Tierart auf einer entlegenen russischen Insel gefunden worden.

Marina Schitowa, wissenschaftliche Assistentin im Komandorskij-Naturreservat auf einer der vielen Inseln in der fernöstlichen Berings-See, hat das Skelett der Stellers Sehkuh etwa 70 Zentimeter tief unter einer Schicht aus Kieselsteinen und Sand gefunden. Das Knochengerüst misst in der Länge 5,2 Meter. Allerdings fehlen auch einige Stücke, sodass die Forscher davon ausgehen, dass das Tier mindestens sechs Meter lang gewesen sein muss.

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Zuletzt war ein Skelett einer Stellers Sehkuh vor 40 Jahren auf der Bering-Insel gefunden worden. Lebend hat das Tier überhaupt jemals nur ein Mensch gesehen: der deutsche Wissenschaftler Georg Steller. Aber 27 Jahre nach der Entdeckung des Tieres war die Art bereits vollkommen ausgerottet.

Der Deutsche Steller war Teil einer vom Russischen Reich finanzierten Expedition unter Leitung des dänischen Forschers Vitus Bering. Eines Tages sah Steller beim Sammeln von Feuerholz am Strand im Wasser einen riesigen, schwarzen Körper, der sich langsam wie ein gekentertes Boot fortbewegte. Aller paar Minuten gab das Etwas einen schnaubenden Ton von sich und zeigte sich kurz.

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Steller beschrieb die Sehkühe als sanfte Giganten, deren einzige Verteidigung gegen die Harpunen der Menschen ihre dicke Haut ist. Sie waren groß, bis zu zehn Meter lang und bis zu fünf Tonnen schwer. Steller beobachtete außerdem eine ungewöhnliche Loyalität bei den Meeressäugern untereinander. Sie empfanden, wie der Forscher später schrieb, „eine ungewöhnliche Liebe zueinander, die sogar so weit ging, dass, wenn ein Tier von einer Harpune getroffen wurde, alle anderen herbei schwimmen, um es zu retten.“ Sie bildeten dann dann einen Kreis um das verletzte Tier, um es vor weiteren Angriffen zu schützen. Wenn ein Weibchen getötet wurde, so Steller weiter, besuchte der Partner den leblosen Körper, der oft noch tagelang am Strand lag, regelmäßig, „als würde er sich nach ihrem Zustand erkundigen“.  

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Gleichzeitig verglich Steller das Fett der Sehkühe mit Holländischer Butter, die „nach dem Abkochen nach Mandelöl“ schmeckt. Diese Qualitäten waren es dann auch, die den „sanften Giganten“ bald, nur wenige Jahrzehnte nach ihrer Entdeckung, schon den sicheren Tod brachten: 1768 wurde das letzte Exemplar von Jägern gesehen.

Die Stellers Sehkuh war eine der letzten Überlebenden des Pleistozän, der Erdzeit, die unserer aktuellen unmittelbar voranging. Es war eine Zeit der Giganten: Mastodons und Säbelzahntiger lebten damals in Nordamerika, während Mammuts und Fellnashörner den eurasischen Kontinent bevölkerten.

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Die meisten dieser Giganten sind vor 4000 Jahren ausgestorben, am Ende der letzten Eiszeit. Die Sehkuh jedoch fand im Meer um die Kommandanten-Inseln Rettung - bis sie von Steller entdeckt wurde.

Das Komandorskij-Reservat ist das größte Meerreservat Russlands und liegt auf den Kommandanteninseln. Zahlreiche seltene Meeressäugetiere, Vogelarten und der berühmte Blaufuchs haben hier ihre Heimat.