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Der deutsche Konzern Bosch ist vor der Wirtschaftskrise in Russland nicht zurückgewichen: Trotz der Rezession in den letzten drei Jahren hat das Unternehmen einen neuen Stammsitz und ein weiteres Werk in Russland eröffnet. 2016 wuchs das Russland-Geschäft der Stuttgarter im Vergleich zum Vorjahr um 4,3 Prozent und betrug mehr als eine Milliarde Euro. Über Pläne, Erwartungen und heutigen Herausforderungen des Unternehmens in Russland hat RBTH mit Uwe Raschke, Mitglied der Geschäftsführung der Bosch GmbH, gesprochen. Raschke koordiniert das Geschäft des Unternehmens in West- und Mittelosteuropa, Russland, Nahost und Afrika.

Uwe Raschke, Bosch Group / Press Photo Uwe Raschke, Bosch Group / Press Photo

RBTH: Vor der Krise in Russland hatten viele internationale Unternehmen enorme Erwartungen an den russischen Markt. Doch wegen der Krise haben viele Unternehmen ihre Hoffnungen aufgeben und ihre Pläne neu bewerten müssen. Ist es Ihrer Meinung nach wieder an der Zeit, große Ziele in Russland zu verfolgen?

Uwe Raschke: Wissen Sie, Bosch engagiert sich in sehr unterschiedlichen Geschäftsfeldern. Die erste positive Nachricht ist: Wir glauben, Russland wächst nach drei Jahren Abschwung langsam wieder. Ich rede nicht vom Bruttoinlandsprodukt insgesamt, sondern von unseren Geschäftszweigen.

Wenn Sie sich die Autoproduktion und -zulassung anschauen: Dieser Markt hat sich seit 2013 fast halbiert. Auch der Markt für Haushaltsgeräte ist immer noch sehr viel kleiner als noch vor fünf Jahren. Also wird die Erholung auf einigen Märkten vielleicht bis 2022 dauern, bis sie zurück bei den hohen Werten von 2013 und 2014 sind. Andere Märkte werden sich schneller erholen.

Ihre allgemeine Schlussfolgerung können wir bislang nicht bestätigen, aber ich glaube, wir dürfen bei unseren Erwartungen vorsichtig von einem fortlaufenden Wachstum ausgehen. Jedenfalls sehen wir das im Moment und hoffen, dass es anhalten wird. Aber in der Welt von heute weiß man nie, was morgen passieren wird. Dennoch sieht es so aus, als könnte das Schlimmste schon vorbei sein – also sind wir vorsichtig optimistisch.

Hat Bosch Projekte in Russland auf Eis gelegt, die vor der Krise geplant waren?

Sie meinen, ob wir Investitionen abgezogen haben? Die größte Investition, die wir in den letzten fünf Jahren getätigt haben, ist unser Hauptsitz in Moskau, den wir vor zwei Jahren eröffnen konnten. Momentan ist er noch ein wenig zu groß, also bin ich mir sicher, dass er für die nächsten zehn bis 15 Jahre reichen wird. Die zweite Investition ist das Werk für Autokomponenten in Samara. Natürlich haben wir mehr Aufträge für dieses Werk erwartet, aber wir haben keine Investitionen abgezogen. Wir haben mehr oder weniger das umgesetzt, was wir vor der Krise geplant hatten.

Das neue Bosch-Werk in Samara

Das Werk wurde im Juli 2015 eröffnet und produziert Elektronikteile für den Fahrzeugbau in Russland: hauptsächlich ABS- und ESP-Systeme. Der Großteil der Produkte geht an den größten russischen Autobauer AvtoVAZ, dessen Werk in der Samara-Region angesiedelt ist, genauer in der Wolga-Stadt Togliatti. Zudem liefert Bosch Komponenten an Fahrzeugwerke in Moskau, Sankt Petersburg und Ischewsk. In den Bau des Werkareals mit einer Fläche von 22 000 Quadratmetern wurden insgesamt 50 Millionen Euro investiert – plus Ausrüstung und Produktion.

Es ist eine sehr bedeutsame Entscheidung, ein Werk während einer Wirtschaftskrise zu eröffnen. Also glauben Sie an dessen Wachstumspotenzial?

Das Werk selbst hat natürlich noch Raum für Wachstum und genug Kapazität für mehr Produktion. Es wird also in den nächsten Jahren weiteres Wachstum erleben.

In einem früheren Interview mit russischen Medien sagten sie, Bosch könne die Vorteile des schwachen Rubels trotz des neuen Werkes in Samara nicht nutzen. Es sei schwer, Zulieferer in Russland zu finden, weshalb der Lokalisationsgrad bei weiterhin hohen Kosten niedrig bleibe. Stehen Sie noch immer vor diesem Problem?

Das ist wahr. Vor zwei Jahren haben wir eine Initiative gestartet, um unsere lokale Lieferkette zu stärken. Und wir hatten auch einen gewissen Erfolg: Unseren Lokalisationsgrad haben wir gesteigert – auf 30 bis 40 Prozent gegenüber 20 bis 30 Prozent vor zwei Jahren. Aber wir sind noch nicht dort, wo wir sein sollten.

Wir suchen weiterhin mittelständische Firmen, die für uns Komponenten entwickeln und herstellen, damit wir diese in unsere Systeme integrieren können. Nur mit einem hohen Lokalisationsgrad von 80 bis 90 Prozent werden wir Synergien hier in Russland nutzen können. Ich bin jedenfalls froh über die Initiative der russischen Regierung, Lokalisation zu fördern. Ich hoffe, dass bald konkrete Maßnahmen folgen, und nicht nur Ideen – einfache Kredite für die Industrie zum Beispiel.

In Deutschland haben Bosch und Mercedes eine Kooperation angekündigt, um bis 2021 ein fahrerloses Fahrzeug zu präsentieren. Der russische Internetriese Yandex und der Lastwagenbauer KamAZ arbeiten ebenfalls an unterschiedlichen Projekten fürs fahrerlose Fahren. Haben Sie vor, Ihre Hightech-Projekte auf Russland auszuweiten oder vielleicht mit russischen Unternehmen zusammenzuarbeiten?

Eins vorweg: Wir sind an einer Kooperation mit unseren russischen Partnern bei dieser Technologie interessiert.

Wir werden sie aber nicht in vielen Teilen der Welt geichzeitig entwickeln, weil wir unser Wissen konzentrieren müssen. Um es erfolgreich, gut und schnell zu machen, müssen wir versuchen, unsere Stärken zu kombinieren. Und der Schwerpunkt bei der Entwicklung dieses Projektes für autonomes Fahren wird in Deutschland liegen, wo unsere Zentren für Forschung und Entwicklung konzentriert sind.

Deshalb denke ich nicht, dass wir solche Zentren für Grundlagentechnologien in anderen Ländern eröffnen werden. Aber als Autozulieferer sind wir definitiv daran interessiert, mit all unseren Kunden zusammenzuarbeiten. Und uns ist sehr daran gelegen, dass unsere Kunden mit uns kooperieren.