Fünf Phänomene der Perestroika, die das Leben der Russen für immer veränderten

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Vor 30 Jahren hat die Perestroika in der UdSSR das Leben der Russen auf den Kopf gestellt. Dies sind die fünf wichtigsten Dinge, die Gorbatschows Reformen ins Leben riefen.

1 Meinungsfreiheit

Seit Jahrhunderten gehörte die Zensur zum gesellschaftlichen und politischen Leben Russlands. Eine kurze Milderung der Zensur gab es im Revolutionsjahr 1917 zwischen der Abdankung des letzten Zaren Nikolai II. im März und der Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober. Abgesehen von dieser „romantischen“ Periode wurde staatlich kontrolliert, was in Russland öffentlich geschrieben oder gesagt wurde.

So war es auch in der Sowjetunion – bis zum Beginn der Perestroika, als Gorbatschow mit seiner Politik der Glasnost (Offenheit, Transparenz) die Zensur lockerte. Im Herbst 1986 ließen die Behörden westliche Radiosender wie Voice of America und BCC wieder ungestört senden. 1988 wurde die Zensur offiziell vollständig abgeschafft.

Im selben Jahr erschienen auch die bis dato verbotenen Bücher wie „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn und Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“. Während der Perestroika-Ära wurden so viele Bücher veröffentlicht, dass diese Zeit als "kulturelle Explosion" (rus) bezeichnet wurde.

1990 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die staatliche Zensur in der Sowjetunion verbot. Ein ähnliches Gesetz führte dieses Zensurverbot dann ab Ende 1991 schon in der Russischen Föderation fort.

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2 Freier Markt

Wegen des wirtschaftlichen Abschwungs in der späten Sowjetunion mussten die Behörden mit einigen Elementen des freien Marktes experimentieren. Als Gorbatschow Mitte der 1980er Jahre an die Macht kam, startete er neue Versuche, der stagnierenden sowjetischen Wirtschaft neues Leben einzuhauchen: Dezentralisierung schürte die Hoffnungen auf eine neue Unternehmerklasse, die in neu gegründeten Genossenschaften, den Kooperativen, zusammengeschlossen waren.

Gorbatschow wollte die sozialistische Wirtschaft nicht vollständig abbauen. Seine widersprüchlichen Reformen sind darum erwartungsgemäß gescheitert. Sie führten zu einem immer größeren Defizit an Gütern und Lebensmitteln, das letztlich das gesamte Konzept der Perestroika untergrub.

Als Gorbatschow 1991 zurücktrat, führte sein Nachfolger Boris Jelzin radikale Reformen des freien Marktes durch, die für sehr viele Menschen in Russland verheerend Folgen hatten.

3 Expansion der westlichen Kultur

Vor der Perestroika hatte der einfache Sowjetbürger nur begrenzt Zugang zu westlicher Kultur. Dank Gorbatschow änderte sich das und man konnte praktisch aus jedem geöffneten Fenster Lieder hören wie “Cheri Cheri Lady” des deutschen Duos Modern Talking oder “In the Army Now” der britischen Rocker Status Quo.

Buchhandlungen waren voll mit frisch übersetzten westlichen Romanen, Krimis von James Hadley Chase gehörten zu den Meistgelesenen. Zahlreiche ausländische Filme strömten in die sowjetischen Kinos. Die “ausgehungerten” Sowjetbürger verschlangen diese zuvor verbotenen Früchte.

4 Offene Grenzen

Gorbatschows umfangreiche Reformen ermöglichten den Menschen wieder das Reisen ins Ausland. Vorher war es sogar schwierig gewesen, sogar sozialistische Bruderländer zu besuchen.

Um das Land zu verlassen, musste man die Genehmigung von der Abteilung für Visa und Registrierung des Innenministeriums (kurz OWIR) bekommen. Der russische Linkspolitiker Nikolai Starikow erinnert sich (rus): "Die Notwendigkeit selbst, eine Erlaubnis zu beantragen, war eine unangenehme Sache. Und OWIR war eine sehr unangenehme Organisation, wo es auch sehr unangenehm war. Man wurde dort als Verbrecher angesehen und sehr unhöflich angesprochen."

Dann aber änderte sich das plötzlich und die Barrieren fielen. Heute scheint es jedoch, als ob die Mehrheit der Russen keine Lust mehr hätte, ihr Recht auf Bewegungsfreiheit zu nutzen: Laut Umfragen (rus) besitzen 72 Prozent der Russen keinen Reisepass.

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5 Privateigentum

Im sozialistischen Staat herrschte eine negative Haltung gegenüber Privateigentum. Die Stalinsche Verfassung von 1936 erlaubte Privateigentum nur für kleine Bauern- und Handwerkerhaushalte, die selbst arbeiteten und die "Ausbeutung Anderer" vermieden. In der letzten sowjetischen Verfassung von 1977 wurde der Begriff des Privateigentums überhaupt nicht erwähnt.

Erst 1990, als die Perestroika schon in vollem Gange war, erhielt der Sowjetmensch wieder das Recht, Privateigentum zu besitzen. Seitdem haben Millionen von Russen ihr wichtigstes Gut – eine Wohnung, die zu Sowjetzeiten dem Staat gehörte – privatisieren können.

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