“Eine Schlange, wie vor dem Mausoleum“: Was bedeutet diese Redewendung?

Ustinow/Sputnik
Viele Russen verwenden immer noch Redewendungen, die ihren Ursprung in der Sowjetzeit haben. Einige davon sind für Ausländer ohne Verständnis des historischen und kulturellen Kontextes kaum verständlich.

"Ich habe beschlossen, nicht zu der Ausstellung zu gehen. Es gab eine Schlange, wie für das Mausoleum!"  Dieser Vergleich könnte in Moskau so tatsächlich verwendet werden. Doch warum vergleicht man die Schlange für eine Ausstellung ausgerechnet mit der Schlange für ein Mausoleum? Wo ist da die Verbindung?

Das sind berechtigte Fragen, also lassen Sie uns alles erklären.

Zuallererst möchten Sie vielleicht wissen, von welchem Mausoleum wir sprechen: Wenn Russen von einem Mausoleum sprechen, ist in der Regel das Moskauer Lenin-Mausoleum gemeint. Nach dem Tod des Revolutionsführers 1924 beschlossen die Bolschewiki, ihn nicht zu begraben, sondern seinen Körper einzubalsamieren und in einem speziellen Mausoleum aufzubahren. Schnell wurde Lenin zu einer Art sowjetischem Ersatzgott und Millionen von Sowjetbürgern wollten den Leichnam sehen.

Die Schlange vor dem Mausoleum war in der Regel endlos lang. Egal, ob es ein heißer Sommertag war oder Winterfrost herrschte, Arbeiter, Bauern, Pioniere, Ingenieure, Soldaten und ausländische Delegationen standen Schlange. Aus dem ganzen Land wurden Touren zum Mausoleum arrangiert. Meist wartete man mehrere Stunden. Der eigentliche Vorgang der Besichtigung des Körpers dauerte jedoch weniger als eine Minute, langes „Begaffen“ der Leiche war verboten.

Wenn man also sagt "eine Schlange wie für das Mausoleum", dann ist damit eine sehr lange Schlange gemeint.

Allgemein waren Warteschlangen in der Sowjetunion sehr verbreitet - für das Mausoleum, für den Lebensmittelladen, für jedes Geschäft, wann immer knappe Waren auftauchten. Manchmal standen die Menschen die ganze Nacht in einer Schlange, nur um seltene Schuhe oder ein Sofa zu kaufen. 

Diese Zeiten sind natürlich lange vorbei, aber Schlangen findet man in Russland bis heute. Egal ob vor Theatern, vor Zoos, vor Ausstellungen (besonders der berühmten Tretjakow-Galerie) oder vor Buchmessen - Schlangen waren insbesondere in Moskau vor Ausbruch der Corona-Pandemie allgegenwärtig. In gewisser Weise ist auch das eine Folge der Knappheit der Sowjetära: Wenn ein Russe eine Schlange sieht, denkt er sofort, dass es sich lohnt, dort zu stehen. Sicherlich muss sie zu etwas Großem führen!

>>> 13 Wörter, die die Sowjetunion definierten (TEIL 1)
>>> 13 Wörter, die die Sowjetunion definierten (TEIL 2) 

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