Alexej Wenediktow: „Ich sehe keine Voraussetzungen dafür, dass Putin geht“

Chefredakteur des kremlkritischen Rundfunks Echo Moskwy: „Unsere Arbeit einzustellen kommt nicht infrage.“

Chefredakteur des kremlkritischen Rundfunks Echo Moskwy: „Unsere Arbeit einzustellen kommt nicht infrage.“

RIA Novosti
Der kremlkritische Radiosender Echo Moskwy behauptet sich in der weitgehend staatlich kontrollierten russischen Medienlandschaft. Chefredakteur Alexej Wenediktow sprach mit „Russia Direct“ über seine Arbeit unter schwierigen Bedingungen.

„Russia Direct“: Dass es einen Radiosender wie Echo Moskwy mit seinem derart kritischen Umgang mit der Staatsmacht gibt, sorgt bei einigen Vertretern des westlichen Publikums für Verwunderung. Schließlich sei es im heutigen Russland – so die gängige Vorstellung – praktisch unmöglich, professionellen Journalismus zu betreiben. Nach westlichem Verständnis gibt es hier weder Meinungsfreiheit noch Kritik am Staat, dafür umso mehr Druck auf Journalisten. Herr Wenediktow, warum hat der Kreml Ihren Radiosender noch nicht geschlossen?

Alexej Wenediktow: Es gibt gegen uns gerichtete Bedrohungen, aber wir können sie umleiten, manchmal nicht ohne Verluste. Das Wichtigste aber: Unsere Redaktionslinie ist öffentlich. Daher ist es unsinnig zu behaupten, uns könne es nicht geben. Wie soll es professionellen Journalismus nicht geben können, wenn es ihn offensichtlich gibt? Man muss schlicht im Hier und Jetzt gut, das heißt professionell, arbeiten, ohne daran zu denken, was morgen sein wird.

Sie sprechen von Bedrohungen. Was meinen Sie damit?

Im vergangenen Jahr drohte unser Vorstandsvorsitzender uns mehrfach mit Auflösung oder mit der Umwandlung in einen Musiksender oder mit meiner Entlassung. Uns droht wirtschaftlich Gefahr, wenn der von der Präsidialverwaltung eingesetzte Generaldirektor uns herunterwirtschaftet. Und wir sehen uns ganz konkreten physischen Gefahren durch den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow ausgesetzt. Ich habe Personenschutz. Meine Familie auch. 

Wir leben in dieser Gefahrenwolke. Der andere Weg wäre, die Arbeit einzustellen oder den Redaktionskurs zu ändern. Für uns kommt weder das eine noch das andere infrage. Daher arbeiten wir weiter wie bisher.

Eine Frage zu Ihren Anteilseignern: Gazprom-Media ist eine kremlnahe Organisation. Es heißt, die Aktionäre bestimmten, was gesendet wird.

Das russische Massenmediengesetz verbietet den Aktionären jedwede Einmischung in die redaktionelle Politik. Zudem ist der einzige Mensch, der die redaktionelle Richtung bestimmt, laut der Satzung des Radiosenders der Chefredakteur. Die Aktionäre können mich bitten, dieses oder jenes Interview in das Programm aufzunehmen. Ich prüfe das und komme der Bitte gegebenenfalls nach. Ich sehe keine Gründe, das nicht zu tun. Die Aktionäre können von mir fordern, profitabel zu arbeiten. Dafür habe ich Verständnis. Doch sie können mich nicht zwingen, etwas aus dem Programm zu nehmen, und sie dürfen sich auch nicht in die Redaktionspolitik einmischen.

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Sie haben einmal gesagt, der Kreml wolle das Risiko minimieren, dass es zu neuen Protesten kommt. Ist dieses Risiko heute so groß?

Bislang kann ich dazu nichts sagen, weil der Protest auf dem Bolotnaja-Platz durch ein konkretes Ereignis – die Wahlfälschung im Jahr 2011 – ausgelöst wurde. Die Mittelschicht – verletzt, weil ihr buchstäblich die Stimme geraubt wurde – ging damals auf die Straße, denn sie wurde bestohlen. Wenn die Wahlen heute also formal legitim durchgeführt werden und sie deshalb keine derart heftige Ablehnung bei dieser Bevölkerungsgruppe hervorrufen, dann wird es zu diesem Thema – trotz der schwierigeren wirtschaftlichen Lage als 2011 – natürlich keinen Protest geben.

Russische Wirtschafts- und Politikexperten behaupten, Putin habe keine langfristige Strategie zur Lösung von Problemen und zur Entwicklung des Landes. Wie ist Ihre Meinung?

Eine Strategie gibt es vielleicht, ihre Effektivität sehe ich aber nicht. Es ist allerdings auch eine philosophische Frage, was man unter „Strategie“ versteht. Präsident Putin ist bekanntermaßen ein Taktiker – im Übrigen ein recht brillanter und flexibler. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er effektiv ist. Fragt man mich, was im Vorgehen der Führung überwiegt – Taktik oder Strategie – sage ich daher: die Taktik.

Wenn ich mir auf der anderen Seite den Standpunkt Putins vor Augen führe und diesen durch die Brille des Imperialismus wahrnehme, dann scheint mir, als sei sein Ziel: der Wiederaufbau der Weltordnung und -aufteilung von Jalta und Potsdam (in diesem System spielten die beiden Supermächte Sowjetunion und die USA die Hauptrolle bei der Lösung zentraler internationaler Probleme, Anm. d. Red.). Darin besteht seine Strategie. Inwiefern diese wirklich effektiv ist, wird die Zeit zeigen. Bislang ist sie nicht so erfolgreich.

Auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise gaben westliche politische Eliten zu verstehen, dass ein effektiver Dialog mit Russland und der Wiederaufnahme normaler Beziehungen nur möglich sind, wenn Putin sein Amt niederlegt. Wann ist Putins Rücktritt möglich?

Momentan sehe ich keine Voraussetzungen dafür, dass Putin geht. Ich denke, er wird 2018 kandidieren und gewinnen. Das verschiebt den Horizont auf die Zeit nach 2024. Bis dahin kann viel passieren. Die Angliederung der Krim ging innerhalb eines Jahres vonstatten. Die Welt entwickelt sich sehr chaotisch, alle Prozesse in dieser Welt entwickeln sich chaotisch. Wer hätte vor fünf Jahren an die Krim oder an Syrien gedacht? Erst recht wird es schwierig, sich vorzustellen, wie die Welt in acht Jahren aussehen wird. Das ist Kaffeesatzleserei.

Was sind die Hauptprobleme russischer politischer Eliten heute?

Das Problem ist der Rückstand gegenüber der schnellen Entwicklung in der Welt, technologischer Rückstand inklusive. Es ist auch die Nicht-Austauschbarkeit der politischen Eliten. Und das ist das größte Problem. Sie denken alle in Kategorien des 20. Jahrhunderts. Alles andere entspringt diesem Hauptproblem. Wenn die Menschen sich heute so sehen, wie sie vor 15 oder 20 Jahren waren, dann haben all ihre Probleme darin ihren Ursprung.

Im März wurde in Russland der zweite Jahrestag der Krim-Eingliederung gefeiert. Ist ein internationaler Kompromiss in naher Zukunft überhaupt möglich oder wird sich das Problem noch lange hinziehen?

Schwer zu sagen. De facto wissen wir, dass die Annexion baltischer Staaten durch die Sowjetunion 50 Jahre andauerte, bis zum Zerfall des Staates. Heute dreht sich die Welt schneller und ein physischer Zerfall ist nicht mehr unbedingt nötig. Doch auch unter anderen Umständen wird die Krim zweifellos noch lange in der Russischen Föderation eingegliedert bleiben.

Sie sagen „lange“. Also halten Sie es für möglich, dass die Halbinsel an die Ukraine zurückgeht?

Ich weiß nicht. Wobei es für einen solchen Fall bereits ein Beispiel gibt – der am meisten mit Blut getränkte Boden Europas ist der Elsass. Zehnmal wechselte er aus Frankreichs Händen in die der Deutschen und zurück. Heute hat der Konflikt keine Bedeutung mehr, weil es heute (in der EU) keine Grenzen mehr gibt, es gibt sogar eine gemeinsame Währung. Seine Brisanz wurde dem Thema nicht durch Gebietszugehörigkeit genommen, sondern durch die Entwicklung des geeinten Europas. Ich denke, dass dieser Weg für die Lösung des Problems (der Krim) aller Wahrscheinlichkeit nach der aussichtsreichste ist. Natürlich gibt es auch einen anderen Weg: ein Referendum unter internationaler OSZE-Aufsicht. Doch man muss eingestehen, dass bei einem solchen Referendum Russland gewinnen würde. 

RBTH-Check

Gazprom-Media kontrolliert 66 Prozent der Aktien von Echo Moskwy. Weitere 13 Prozent hu00e4lt Chefredakteur Alexej Wenediktow selbst.

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