Die strahlenden Fresken von Jaroslawl – Wandliturgie der Johanneskirche in Korowniki

William Brumfield
Mehr als 500 religiöse Szenen sind an den Wänden dieses Meisterwerks dargestellt.

Die Stadt Jaroslawl wurde im frühen 11. Jahrhundert von Jaroslaw dem Weisen, dem Großfürsten der Kiewer Rus, gegründet. Bereits  Anfang des 13. Jahrhunderts gab es hier Steinkirchen, während im Lande noch die meisten Gebäude aus Baumstämmen gebaut wurden. Im Jahr 1238 wurde die Stadt von den Mongolen überfallen und geplündert. Jaroslawl ging dann im 15. Jahrhundert ins expandierende Moskauer Fürstentum über, welches die Stadt in eine große politische und wirtschaftliche Struktur integrierte.

Zweite Hauptstadt der Zwiebeltürme

Nur Moskau konnte mit seiner Konzentration von neuen Kirchen, die von wohlhabenden Kaufleuten, Stadtbezirken und Handelsverbänden gesponsert wurden, mit Jaroslawl konkurrieren. Während des 17. Jahrhunderts wurden in 35 Pfarreien der Region 44 Steinkirchen errichtet – die meisten nach einem Brand, der 1658 einen Großteil der Stadt zerstörte.

Die Geschicklichkeit der Bauherren von Jaroslawl zeigt sich am eindrucksvollsten in Korowniki, einem Bezirk am Rande der Stadt in der Nähe des Zusammenflusses des kleinen Flusses Kotorosl mit der Wolga. Im Zentrum des Ensembles steht die Kirche des Heiligen Johannes Chrysostomos

Glaube durch Kunst

Obwohl in der Sowjetzeit beschädigt, enthält das Innere bis heute einige der schönsten Beispiele der Freskenmalerei von Jaroslawl. Eine Inschrift im Altarraum besagt, dass die Fresken 1732 und 1733 von einer Gruppe von Malern unter der Leitung von Alexei Ivanov gemalt wurden.

Das Korowniki-Interieur der Kirche von Johannes dem Täufer in Toltschkowo umfasste insgesamt rund 500 Szenen. Die hohen Wände sind in acht Reihen oder Register unterteilt. Die beiden unteren Reihen bestehen aus einem Zierstreifen aus Blumengirlanden und einem dekorativen Handtuchmotiv (teilweise ausgespart).

Die dritte und vierte Reihe zeigen 80 Szenen aus dem Leben des Heiligen Johannes Chrysostomos (ca. 349-407). Der Beiname "Chrysostomus" - "goldene Zunge" - bezieht sich auf seine Beredsamkeit. Außerdem zeigt die Liturgie den Erzbischof von Konstantinopel und einen berühmter Prediger in der frühchristlichen Kirche. Das fünfte Register zeigt Szenen aus dem Leben Marias. Die sechste und siebte Reihe zeigen Szenen aus dem Leben Christi.

Die Deckengewölbe zeigen die Verkündigung, die Himmelfahrt, die Geburt Christi, die Auferstehung, die Aufstellung des Kreuzes, die Reinigung sowie Geburt und Fürbitte der Jungfrau Maria. Obwohl nur düstere Fragmente übrig bleiben, zeigte das zentrale Westdeckengewölbe die Szene  "Weisheit hat ihr Haus gebaut" mit Christus am Kreuz in der Mitte.

Statt der üblichen Darstellung des Pantokrator-Christus zeigt die zentrale Kuppel hier Maria, umgeben von Erzengeln. Das Deckengewölbe und die zentrale Kuppel ruhen auf vier massiven Pfeilern. Nur die Westpfeiler sind sichtbar.  Das östliche Paar befindet sich hinter dem großen Ikonenschirm, der um die Wende des 18. Jahrhunderts errichtet wurde. Die Fresken auf den Pfeilern sind ausschließlich der Apostelgeschichte gewidmet.

Beweise der vergangenen Pracht

Die Südseite zeigt ein Fresko der Kreuzigung des Apostels Simon dem Zeloten. Die römisch-katholische Kirche betrachtet ihn als Märtyrer, weil er in zwei Teile gesägt wurde. Unten ist eine weitläufige Ikone mit dem Titel "Das Apostolat" zu sehen, deren kreisförmige Form sich auf eine in Silber eingerahmte Christusfigur konzentriert.

Im Jahr 1992 wurde die St. John Church von der Stadtverwaltung an die lokale Altgläubigen-Gemeinde übergeben. Eine sorgfältige Konservierungsarbeit mit diesen farbenprächtigen Fresken setzt sich an der Süd- und Westmauer fort. Der Zugang zur Kirche kann nach Absprache mit dem Pfarrer arrangiert werden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte der russische Chemiker und Fotograf Sergej Prokudin-Gorski ein aufwändiges Verfahren für die Farbfotografie. Seine Vision der Fotografie als eine Form von Bildung und Aufklärung zeigt sich besonders in seinen Fotografien der mittelalterlichen Architektur historischer Siedlungen wie Suzdal und Wladimir. Zwischen 1903 und 1916 reiste er durch das Russische Imperium und schoss mit seiner neuen Technik über 2000 Fotografien, die drei Aufnahmen auf einer Glasplatte beinhalten. Im August 1918 verließ er Russland mit seiner Kollektion von Glasnegativen und ging nach Frankreich. Nach seinem Tod im Jahr 1944 in Paris verkauften seine Erben diese Kollektion an die Kongressbibliothek. Im frühen 21. Jahrhundert digitalisierte die Bibliothek die Prokudin-Gorski-Kollektion und machte sie für die Öffentlichkeit frei zugänglich. Zahlreiche russische Webseiten führen nun Teile dieser Kollektion auf.

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