Meinung: Ist Russland wirklich eine europäische Zivilisation?

Geschichte
OLEG JEGOROW
Geografisch betrachtet, lebt die Mehrheit der Russen in Europa. Aber die Frage, ob es auch in kultureller, historischer und politischer Hinsicht ein europäisches Land ist, wird sehr kontrovers diskutiert.

Kann Russland in Bezug auf die Akzeptanz westlicher Werte als Teil Europas betrachtet werden? Diese Frage beschäftigt unsere Gesellschaft seit den Zeiten von Peter dem Großen (1672 – 1725). Bevor dieser aus dem patriarchalischen Russland ein europäisches Imperium machte, waren unsere Vorfahren damit beschäftigt, die Polen und Tataren zu bekämpfen, Sibirien zu erobern oder sich über die Reformen in der orthodoxen Kirche zu beklagen.

Als sich Russland dem Westen zuwandte, begann die Diskussion, die bis heute andauert. Ist unser Russland ein Teil Europas? Oder sind wir eine eigene Zivilisation, die aufgrund ihrer Größe und Vielfalt nicht zum Westen passt?

Eine lange Geschichte in knappen Worten 

Diese Auseinandersetzung dauert schon eine Weile an. Im 19. Jahrhundert gab es zwei Denkschulen unter den russischen Intellektuellen, Westler und Slawophile. Den Westlern gefiel die Vorstellung eines an der europäischen Kultur orientierten Russlands, die Slawophilen hatten dafür nur Verachtung übrig. 

Hier sind beide Ansichten auf den Punkt gebracht. 

Westler: Die europäische Zivilisation ist sowohl technisch als auch intellektuell ein Motor der globalen Entwicklung und ein Garant für Erfolg. Daher sollte Russland vorzugsweise dem europäischen Modell folgen, sich wirtschaftlich entwickeln und seinen Bürgern mehr Rechte einräumen. „Die Nationen Europas haben etwas gemeinsam ... Sie machen sich Gedanken über Pflichten, Gerechtigkeit, Recht und Ordnung ... Das ist der Geist des Westens, es ist mehr als Geschichte oder Psychologie, es liegt in der Natur der Europäer", schrieb der russische Philosoph Pjotr Tschaadajew, ein Anhänger der Westler. 

Slawophile: Russland hat seinen eigenen Platz in der Weltgeschichte, es ist nicht notwendig, Europa und dem Westen im Allgemeinen blind zu folgen. Es ist nicht Russland, das von Europa lernen muss, sondern umgekehrt. Die westliche Zivilisation, die Gott und die Moral aufgegeben hat, sollte vom christlichen Geist Russlands lernen. „Wir sind eine vielfältige Nation, die in hohem Maße originell ist, und unsere Mission ist es, etwas Neues zu schaffen, etwas Eigenes, das aus unseren Wurzeln und unserem nationalen Bewusstsein gewachsen ist”, meinte der ergebene Slawophile Fjodor Dostojewski.

Diese beiden Ansichten stehen sich seit dem 19. Jahrhundert gegenüber, mit einer 70-jährigen Unterbrechung während der Sowjetzeit. Ein Teil der russischen Gesellschaft ist nach wie vor der Ansicht, dass wir Europäer sind und Europa folgen sollten, während der andere Teil Europa für heuchlerisch hält und es ablehnt. Davon abgesehen, ist auch Europa ein eher vages Konzept. Was macht Europa aus? 

Das europäische Konzept 

Geografisch ist Europa schwer zu definieren. Technisch heißt der Kontinent Eurasien, und Westeuropa ist in seinem westlichen Teil nichts anderes als eine riesige, seltsam aussehende Halbinsel - tut mir Leid, Leute. Wo die Grenze zwischen Europa und Asien genau verläuft, ist umstritten. 

Beginnen wir mit den kulturellen Unterschieden in Europa. Auch wenn die Globalisierung ihren Höhepunkt erreicht hat, bleiben zum Beispiel Norwegen, Estland und Portugal ganz unterschiedliche Kulturen. Die Waliser haben andere Probleme und Ziele als die Slowenen. Was haben sie alle gemeinsam? 

Meiner Meinung nach gibt es drei Aspekte, einen Kern der europäischen Kultur. 

1. Geographie: Das ist einfach. Abgesehen von Feinheiten sind sich die meisten Wissenschaftler einig, dass nahezu alle Gebiete westlich des Urals Europa sind.

2. Geschichte und Kultur: Europa, wie wir es kennen, war von zwei Phänomenen geprägt. Erstens haben die Römer, die ihre Kultur den besiegten Nationen aufzwangen, Europa massiv beeinflusst. Zweitens, das Christentum - obwohl aus dem Nahen Osten kommend, hat es Europa erobert und wurde dort zur zivilisationsprägenden Religion. Natürlich ist nicht jedes Land in Europa christlich, noch wurden alle von den Römern kontrolliert. Aber die Mischung aus Antike (römisches Erbe) und Christentum machte die europäische Kultur zu dem, was sie ist.

3. Politik: Nach zwei Weltkriegen, die ihren Anfang in Europa nahmen, gründeten die Europäer eine Gemeinschaft, um die inneren Konflikte zu überwinden und ganz Europa zu einen. Daraus ist inzwischen die Europäische Union geworden. Sie funktioniert mal mehr, mal weniger und ist der Mittelpunkt gemeinsamer Werte, die offiziell heißen: „Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit“. Das heißt natürlich nicht, dass all diese Dinge wirklich existieren - aber zumindest sind dies die Richtlinien. Zudem versuchen die EU-Staaten, eine gemeinsame Außenpolitik zu entwickeln.

Was macht Russland aus? 

Nehmen wir die drei Komponenten, die ich oben zu unterscheiden wagte, und prüfen, wie sie für Russland gelten.

1. Geografisch: 77 Prozent der russischen Bevölkerung leben im europäischen Teil westlich des Urals. Ob es Ihnen gefällt oder nicht, Moskau ist eine europäische Hauptstadt, 

2. Historisch und kulturell: Mehr ja als nein. Russland erbte das Christentum, die orthodoxe Version, von Byzanz, das wiederum ein kleiner Teil des Römischen Reichs war. Für ungebildete Europäer wirkten die Russen mit dem weit entfernten Osten exotisch und geradezu mythologisch. Doch seit dem 18. Jahrhundert zählten wir uns stolz zu Europa und hatten nun solche Privilegien wie die Teilnahme an zermürbenden Kriegen und die Übernahme radikaler neuer Ideologien (Danke, Karl Marx!). „Sowohl Ost als auch West sehen uns als Teil der westlichen Kultur. Unsere Unterschiede zu jeder westlichen Kultur sind ebenso gravierend wie die Abweichungen von der konsolidierten Vorstellung des Westens, aber sie sind nicht größer als die Unterschiede zwischen Finnland und Portugal, Ungarn und Irland, Zypern und Polen“, schrieb der Journalist Alexander Baunow 2014. Ich stimme dem zu. Zur islamischen, chinesischen, indischen Zivilisation usw. würde Russland nicht halb so gut passen wie zur europäischen.

3. Politisch: Hier lautet meine Antwort entschieden: “Nein!”. Obwohl kein russischer Politiker behaupten würde, gegen „Menschenwürde und Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit" zu sein (das ist bloß schlechte Presse), füllen Moskau und Brüssel diese Worte mit einem anderen Inhalt. Ein Beitritt Moskaus zur EU? Unvorstellbar! 

Zusammengefasst erscheint Russland mir als Teil der europäischen Zivilisation, doch es ist ein sehr spezifischer Teil. Stellen Sie sich vor, Sie gehören zu einer großen Familie mit Eltern, Brüdern und Schwestern, die alle in einer sehr großen Wohnung leben. Und du hast auch einen Onkel, den du nicht so gut kennst. Er wohnt nebenan. Er gehört definitiv zur Familie, doch ihr habt kein enges Verhältnis und er ist unberechenbar. In diesem Szenario sind Sie also ein europäisches Land, Ihre Eltern sind die EU und Ihr Onkel, dem nachgesagt wird, dass er gerne zu viel trinkt … Ja, richtig, das ist Russland.

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