Fußball-WM 2018: So kämpft Russland gegen Hooligans

Yegor Aleyev/TASS
Russlands Hooligans sind auf der ganzen Welt bekannt, doch obwohl die kommende Fußball-Weltmeisterschaft in ihrem eigenen Land stattfindet, könnte es aufgrund von Russlands Maßnahmen der einzige Zeitpunkt sein, an dem sie sich beherrschen.

Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den russischen und englischen Fans bei der Europameisterschaft des Jahres 2016 in Frankreich haben westliche Medien bereits auf die möglichen Gefahren eines internationalen Fußballturniers in Russland hingewiesen. Die Chancen, dass sich die Gewalt seitens der russischen Hooligans bei der Fußballweltmeisterschaft 2018 wiederholt, sind jedoch gering.

1 Die Anführer stehen unter strenger Beobachtung der Polizei

Eine der bizarrsten Theorien in der Berichterstattung der englischen Medien über russische Hooligans ist die Vorstellung, dass die russische Regierung für die Unruhen verantwortlich ist. Der einzige Beleg, den es dafür gibt, ist lediglich die Aussage des stellvertretenden Vorsitzenden der Staatsduma, Igor Lebedew, der im Jahr 2016 folgenden Tweet an die russischen Hooligans richtete: „Gut gemacht, Jungs, macht weiter so!“

An sich ist die Vorstellung, dass die russische Regierung für das Verhalten ihrer Fans in einem fremden Land verantwortlich ist oder ein solches Verhalten im eigenen Land toleriert, ziemlich weit hergeholt. Denn auch wenn die Regierung vor der anstehenden Weltmeisterschaft mit den Anführern von den russischen Hooligan-Vereinigungen in Kontakt zu stehen scheint, sieht die Beweislage für die Mitglieder nicht gut aus.

Alexander Schprygin

Ein Beispiel dafür ist Alexander Schprygin, der frühere Anführer der „Allrussischen Unterstützerunion“, einer Gruppe, die im Jahr 2016 hinter den Auseinandersetzungen zwischen den russischen und englischen Fußballfans stand. Nachdem er bereits mehrere Male in Moskau vor den Spielen der russischen Premier League verhaftet worden war, zündete Schprygin sein Auto an und wurde während des FIFA-Konföderationen-Pokals unter Hausarrest gestellt.

Ein weiteres Beispiel ist der Fall des Alexej Jerunows, einem Russen, den man zusammen mit zwei anderen Männern nach den gewalttätigen Ausschreitungen im Jahr 2016 in Frankreich zu einer Haftstrafe verurteilte. Laut der englischen Presse wurde er bei seiner Rückkehr nach Russland als Held gefeiert, doch in Wirklichkeit wurde er auf Druck der Regierung aus seinem Amt als Leiter des „Lokomotiv Fanclubs“ entlassen.

Jerunow und Schprygin sind nur zwei von über 300 Hooligans, die schon vor der Weltmeisterschaft Stadionverbote erhalten haben. Die Liste der Namen geht noch weiter, aber die Botschaft dahinter ist klar: Der russische Geheimdienst FSB weiß genau, wer gefährlich ist oder werden könnte und tut alles Nötige dafür, diese Leute von den Fußballfans in diesem Sommer fernzuhalten.

2 Die Strafen für Hooligans fallen deutlich strenger aus

Für den Fall, dass es einigen Hooligans gelingen sollte, trotz der Sicherheitsvorkehrungen unentdeckt zu bleiben, werden die Folgen für die Teilnahme an den Spielen und die Anstiftung zur Gewalt in ihrem eigenen Land schwerwiegend sein.

So verkündete die Duma im April 2017, dass Unruhen auf den Tribünen mit einer Geldstrafe von 20 000 Rubeln, umgerechnet etwa 285 Euro, und einem siebenjährigen internen Reiseverbot geahndet werden können, was bedeutet, dass die verurteilte Person nicht durch Russland reisen und das eigene Team unterstützen, geschweige denn ins Ausland reisen darf.

Des Weiteren haben russische Hooligans bei den gewaltsamen Ausschreitungen in Frankreich vergleichsweise wenig riskiert, während solche Straftaten in Russland für sie bedeuten könnten, ihren Job zu verlieren. Wie ein Spartak-Hooligan namens „Dmitrij“ im Jahr 2017 gegenüber „France 24“ bestätigte (eng): „In unserem Land bedeutet ein Reiseverbot, dass man sich auch vom eigenen Job, der Karriere und der persönlichen Entwicklung verabschieden kann.“

Während sich russische Fußball-Hooligans brutal und unversöhnlich verhalten mögen, verfolgen viele von ihnen darüber hinaus einen äußerst konservativen Lebensstil. „Das Verhalten von Hooligans bei den Fußballspielen ersetzt nur den ‚Wand gegen Wand‘-Brauch“, sagt (eng) ein russischer Hooligan namens Wadim gegenüber der britischen Zeitung „The Sun“ und bezieht sich damit auf eine jahrhundertelange Dorftradition. Mit anderen Worten spiegelt die übermännliche Kampfkultur meist den Patriotismus und Familientraditionalismus der Hooligans wider.

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In diesem Sinne könnte die Aussicht, nicht mehr in der Lage zu sein, für ihre Kinder aufkommen zu können, viele Hooligans im Zaum halten.

So antwortete (eng) der bekannte russische Hooligan Wassilij Stepanow, der unter dem Spitznamen „Wassilij der Killer“ bekannt ist, gegenüber einem englischen Reporter auf die Frage, wo er sich während der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 aufhalten würde, folgendes: „Ich bin nicht dumm. Höchstwahrscheinlich wird man mich mit meiner Tochter beim Schachspielen antreffen.“

Die Weltmeisterschaft 2018 scheint also selbst für Russlands skrupellosesten Hooligan das einzige Fußballturnier zu sein, das es zu vermeiden gilt.

3 Es gibt keine Toleranz für Hooligans in Russland

Für den gewöhnlichen Russen geht es bei der Weltmeisterschaft eher um Gastfreundschaft als um Fußball.

Zwar ist Fußball hierzulande beliebt und lässt die Menschen zusammenkommen, wenn ihre Nationalmannschaft Erfolg hat, dennoch ist der typische russische Fan weit davon entfernt, die Art von hartnäckiger Loyalität und Wut zu zeigen, die die Hooligans an den Tag legen. Für gewöhnlich reagieren die Russen, wenn die russische Nationalmannschaft verliert, gelassen und meinen: „Egal, wir sind sowieso besser im Eishockey.“

Diese Einstellung könnte auch die Erklärung dafür sein, warum die Russen auf die Gewaltvorfälle der Hooligans während der Europameisterschaft 2016, die von der englischen Presse als verletzter Nationalstolz ausgelegt wurden, etwas gleichgültig reagierten: „Warum sollten wir uns für unsere Hooligans schämen? Unsere Mannschaft verlor 3:0 gegen Wales, der Sport und seine Fans verdienen unsere Aufmerksamkeit also nicht.“

Zugegeben, die Erwartungen an die russische Nationalmannschaft sind nicht besonders hoch, doch die Tatsache, dass die Fußball-Weltmeisterschaft auf heimischem Boden stattfindet, bedeutet, dass sich Russen um das Problem kümmern und zusätzliche Anstrengungen unternehmen müssen, wenn sie sicherstellen möchten, dass ihr Land in keinem schlechten Licht erscheint.

Abschließend lässt sich sagen, dass Russland ein Land mit über 145 Millionen Einwohnern ist und die Hooligans mit ein paar tausend Mitgliedern in der Minderheit sind. Wenn Sie also nach einem Klischee suchen, das auf so gut wie alle Russen zutrifft, sollten Sie sich eher auf den Patriotismus als auf Gewalt gefasst machen: Selbst der modernste Russe, der sehr westlich eingestellt ist, reagiert äußerst emotional, wenn es darum geht, den Ruf, ein gastfreundliches Land zu sein, zu verteidigen.

Russland ist sich daher bewusst, dass jedes negative Ereignis während der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 dem Abbau der durch die westlichen Medien verbreiteten Vorurteile schadet. Und wer weiß, vielleicht ist das ein Grund, der selbst die Hooligans davon überzeugen könnte, ihr Verhalten zu überdenken.

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