Neuland im Norden: Russland plant künstliche Inseln in der Barentssee

22. Juni 2017 Anna Tretjak
Ein neues Bauprojekt im Wert von umgerechnet mehr als 360 Millionen Euro soll die Erdgasförderung in der Arktis erleichtern.

Die Barentssee in Russlands Hohen Norden / ZUMA Press/Global Look PressDie Barentssee in Russlands Hohen Norden / ZUMA Press/Global Look PressAuf Initiative des russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew sollen in der Kola-Bucht der Barentssee vier künstliche Inseln gebaut werden. Die entsprechende Anordnung ist am 15. Juni auf der Homepage der russischen Regierung veröffentlicht worden. 

Auf den neuen Inseln ist ein Zentrum für den Bau großtonnagiger Seebauten geplant, welches die Förderung von Flüssigerdgas (LNG) sowie Lieferung und Reparaturen an den Förderungsgeräten und Maschinen gewährleisten und erleichtern soll. “Die technische Ausstattung wird 2020 in Betrieb genommen und das neue Werk bis zu 16,5 Millionen Tonnen LNG an die Verbraucher liefern können”, sagt Leonid Primak, Leiter des Zentrums für Energieeffizienz, Energiesparen und Öko- und Energieaudit an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst. 

Der Bau des Zentrums wird allein mit seiner Werft etwa 10 000 neue Arbeitsplätze schaffen und neue Investitionen in die Region holen, heißt es in dem Regierungspapier. Die Bautechnologie solcher Inseln habe sich bereits bewiesen - sowohl in Russland als auch weltweit, so Primak. “Baggerschiffe werden ein Sandpuffer bauen, darauf kommen Betonblöcke, Kies, Sand, Boden und Straßenasphalt”, erläutert der Experte. “Die Verflüssigung (des Gases - Anm. d. Red.) wird dann im Rahmen des Projektes auf Gravitationsplattformen erfolgen, die zusammen mit anderen Maschinen ebenfalls direkt vor Ort hergestellt werden”, erklärt weiter Petr Puschkarjow, führender Analytiker bei der Firma TeleTrade.

Investitionen eines alten Bekannten

Das neue Zentrum wird von der Kola-Werft finanziert - einer Tochterfirma von Novatek, eines der größten Erdgasförderer Russlands. Novatek hat Interesse am Projekt, weil es für die Förderungsarbeiten in der Region wichtig ist, sagte Sergej Pikin, Leiter der Stiftung für Energieentwicklung, im Interview mit RBTH. Die Gesamtinvestitionen belaufen sich offiziell umgerechnet auf mehr als 360 Millionen Euro. 

Bereits 2014 hatte Novatek für seine Projekte den Bau eines Versorgungsstandortes im Verwaltungsgebiet Murmansk vereinbart, konkret auf der Jamal-Halbinsel. “Der Bau künstlicher Inseln wird die Gründung eines solchen Zentrums beschleunigen, was die Förderung von Kohlenwasserstoffen in der Arktis vorantreiben wird, auch am Schelf, was im Endeffekt das Förderungsvolumen von Novatek vergrößert”, kommentierte Dmitri Baranow, führender Experte der Firma Finam Management.

Teure Inseln zum Sparen

Die Maschinen für die LNG-Förderung sind sehr sperrig und robust, weist Primak hin, und natürlich könnte man diese auch auf einem Tanker befördernwie die Firma Shell. "Aber da die Erdgasförderung in der Barentssee mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird, würde es mehr Sinn ergeben, eine technologische Insel zu bauen”, so der Experte. Außerdem gehöre diese LNG-Förderungstechnologie zu den inoffiziellen Weltstandards. Laut Primak fördert man Flüssiggas weltweit auf eben diese Art und Weise.

Als Infrastruktur zur Förderung am Schelf müssten entweder ein künstlicher Boden oder eine Bohrplattformen her, sagt Pilkin weiter. “Die Besonderheiten der arktischen Landschaft und Eisflächen begrenzen die Nutzung von Plattformen und machen sie teurer. Eine Insel zu bauen ist schneller und günstiger”, fügte der Experte hinzu.

Puschkarjow fügt außerdem hinzu, dass man den Standort ursprünglich in einem Dorf in der Kola-Bucht gründen wollte. “Später stellte sich jedoch heraus, dass die Gasförderungsplattformen günstiger sind. Man wird sie auf See zu den Erdgasvorkommen befördern, dann die Plattformen von Schüttdämmen, also 'Inseln', heben und ins Wasser legen”, erklärt er. Ein Werk zu Lande zu bauen wäre wegen des Dauerfrostbodens schwierig. “Der Frostboden taut jede Saison ein bisschen und so kann der Boden, auf dem das Fundament des Werks steht, sich in einen Sumpf verwandeln, und es wird sehr viel Geld kosten, dies zu beseitigen”, erklärte der Experte.

Laut Primak seien die negativen Auswirkungen der Bauarbeiten auf die ökologische Situation in der Region sehr gering. Es gäbe bei derartigen Projekten vor allem zwei Verschmutzungsquellen – häusliches und betriebliches Abwasser sowie Überläufe, so der Experte. “Die 10 000 Arbeiter werden die ökologische Situation nicht viel mehr schlimmer machen – sie wurde bereits von den 300 000 Einwohnern Murmansks und dem Murmansker Hafen verschlimmert”, meinte Primak. Überläufe brauche man überhaupt nicht zu fürchten, da das Werk für seine Arbeit direkt das leichtflüchtige, farbe- und geruchlose Gas nutzen werde.

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