Der Umgang mit Russen: Tipps eines US-Handbuchs aus dem Jahre 1944

Geschichte
GEORGI MANAJEW
Russische Männer küssen und umarmen sich, ein Mann muss die Frau zuerst grüßen, in Innenräumen ist das Pfeifen verboten … Dies und vieles mehr steht in einem Handbuch, dass den US-Soldaten im 2. Weltkrieg helfen sollte, in der fremden Sowjetunion zurecht zu kommen.

„Nur für militärische Einsatzkräfte“ sei dieser Leitfaden gedacht, heißt es in der Einleitung (eng) des Buches. In den Jahren 1943 bis 1944 konnte niemand vorhersagen, wie der Zweite Weltkrieg enden würde. Das US-Militär beschloss daraufhin, seinen Soldaten und Offizieren beizubringen, wie man mit Russen umgeht. Aufgrund der Propaganda der 1930er Jahre betrachteten die Amerikaner die Russen damals immer noch als Feinde, ungeachtet der Tatsache, dass beide Nationen gemeinsam gegen Hitler kämpften. Letztendlich gab es nur wenige wirkliche Begegnungen zwischen den amerikanischen und russischen Truppen: Die berühmteste fand am 25. April 1945 statt, als sich die sowjetischen und amerikanischen Truppen an der Elbe in der Nähe der deutschen Stadt Torgau trafen. Das folgende Handbuch liefert interessante Einblicke darin, wie die Amerikaner die Russen wahrnahmen.

„Freundliche und sympathische Menschen“

Dieses Buch war für ein freundlich gestimmtes Militärkontingent gedacht und zeigt die kuriose Wahrnehmung der UdSSR und ihrer Einwohner vonseiten des US-Militärs.

In den ersten Zeilen beschreibt das Buch die Tragweite des Problems, vor dem die US-Truppen standen: „Wenn Sie sich in der UdSSR, dem größten Land der Erde, im Dienst befinden, können Sie bei Ihrer Stationierung einem subtropischen oder einem arktischen Klima ausgesetzt sein... Die Menschen dort variieren ebenso sehr wie das Klima.“

Die Autoren merken des Weiteren an, dass die Zerstörung und Armut in der UdSSR durch den Krieg verursacht wurden: „Einige Leute mögen schlecht gekleidet sein und tragen ihre Kleidung seit fast drei Jahren ... Die Russen mussten ohne Seidenstrümpfe auskommen, damit Fabriken gebaut werden konnten, die in der Lage sind, notwendigere Dinge zu produzieren.“

Ebenso versäumen es die Autoren nicht, in ihrem Buch die US-Wirtschaft subtil zu loben: „Die Rationierung muss in Russland viel strenger und knapper sein, als in Amerika: Die Menschen erhalten nicht mehr als das, was für die Art der Arbeit, die sie verrichten, als ausreichend betrachtet wird.“

Nichtsdestotrotz sagt das Buch: „Sie werden feststellen, dass die russischen Menschen sehr stolz auf ihr Land sind.“

Russen, die „freundlich und sympathisch“ sind, bilden das Hauptthema des Buches; die Abschnitte über „Wirtschaft“, „Gewichte und Maße“ sowie „Sowjetische Uniformen und Armeedienstgrade“ sind mittlerweile hingegen wohl nur noch für Historiker interessant.

Einige geographische Themen wurden sogar an die militärischen Bedürfnisse angepasst dargelegt: „Aus unbekannten Gründen sind die westlichen Ufer der russischen Flüsse wesentlich höher als die östlichen Ufer. Diese Tatsache stellte die Rote Armee vor große Herausforderungen, als sie die Deutschen westwärts aus der Ukraine vertrieb.“

„Lachen oder starren Sie nicht“

Einige der im Buch beschriebenen russischen Bräuche sind mittlerweile veraltet: „Russische Männer dürfen sich bei einem Treffen umarmen und küssen. Solche Bräuche haben sich seit langem etabliert. Lachen Sie nicht darüber und starren Sie sie nicht dabei an.“  Auch heute umarmen sich noch die russischen Männer bei einem Treffen – wenn sie gute Freunde sind. Die Zeit der berühmten drei russischen Küsschen ist jedoch vorbei, auch wenn man diesen Brauch in Emigrantenkreisen manchmal noch antrifft.

„Wenn Sie eine Bekannte sehen, sollten Sie sie zuerst ansprechen, sonst wird sie Sie nicht begrüßen (es gilt als extrem unhöflich zu pfeifen).“ Was die Aussage über das Pfeifen betrifft, kann das Gegenüber tatsächlich immer noch genervt darauf reagieren. Mit den Begrüßungen gehen die russischen Frauen jedoch schon lange kosmopolitischer um.

Wodka gilt laut dem Buch als „Nationalgetränk der Sowjetunion“ und wird normalerweise mit „einem Stück Schwarzbrot“ zu sich genommen – eine Aussage, die realistischer ist, als die Behauptung, dass „Kaviar und gewürztes Fleisch“ gewöhnliche russische Vorspeisen seien. In Wahrheit bekamen die meisten Russen dieses Essen während des Krieges kaum zu Gesicht. Als anderes Nationalgetränk wird Tee aufgeführt, den Russen zusammen mit „einen Klumpen Zucker im Mund“ trinken. Nun mag es durchaus sein, dass die russischen Babuschkas den Tee so zu trinken pflegten, da Mitte des 20. Jahrhunderts die Zuckerstücke viel dicker waren, heute trinkt man den Tee definitiv nicht mehr auf diese Art und Weise.

>>>Trink-Traditionen: So trinken Sie richtig Wodka mit Ihren russischen Freunden

>>>Tee à la Russe: Mit diesen Tricks wird Ihre Teeparty ein Erfolg

Im Buch erfährt man auch, dass in den 1940er Jahren die Zigaretten in der UdSSR knapp waren und die meisten Männer an ihrer Stelle „papirosy“ rauchten – drei bis fünf Zoll lange, zu zwei Dritteln hohle, runde Pappröhren, die in der Papierverlängerung dieser Röhre mit einem Drittel, Tabak gefüllt waren.“ Heutzutage werden die Papirosy zwar immer noch geraucht, jedoch nur von einer kleinen Anzahl älterer Leute.

Das Buch weist ferner darauf hin, dass die Russen auch während des Krieges ins Kino und Theater gingen, weil sie „von Natur aus künstlerisch“ seien. Der beste Weg jedoch „die Russen kennen zu lernen“ wäre es „ihre Literatur zu lesen“.

Warnung: Gefahr in Sicht!

Vor allem Infektionen und Geschlechtskrankheiten waren eine Gefahr, auf die sich amerikanische Truppen in der UdSSR gefasst machen mussten. Ebenso wurde den US-Soldaten geraten, nicht über die sowjetischen Führungskräfte zu scherzen. Es gibt zwar keinen Hinweis auf die darauf ausstehende Strafe, nichtsdestotrotz ist bekannt, dass Scherze über Josef Stalin und seine Stellvertreter im Jahre 1944 schwerwiegende Folgen haben konnten.

>>>Sowjetische Scherze: Mutige und treffsichere Witze über Lenin, Stalin & Co.

Ein weiterer wohl gemeinter Ratschlag ist hingegen weniger klug: „Sprechen Sie die Russen nicht mit „Towarischtsch“ an. Das ist eine Anrede, die nur zwischen sowjetischen Bürgern verwendet wird. Verwenden Sie stattdessen lieber das Wort „ gospodin“, das soviel wie „Herr“ bedeutet.“ Nun ist diese Behauptung dermaßen inkorrekt, dass sie selbst zu einem Konflikt hätte führen können: Mit „gospodin“ wurden im zaristischen Russland adelige und vornehme Personen angesprochen. So einen kommunistischen Bürger anzusprechen, hätte in der Sowjetzeit leicht zu einer sehr unangenehmen Situation führen können.

Insgesamt ist das Hauptanliegen des Buches dennoch durchaus lobenswert und kann auf das heutige Russland übertragen werden: „Wenn Sie vernünftig sind und Ihren Kopf benutzen, werden Sie in der Regel feststellen, dass man mit den Menschen in der UdSSR leicht gut auskommt.“

Letztendlich haben die US-Soldaten nicht in russischem Gebieten gedient. Man muss jedoch anerkennen, dass dieses Handbuch, obwohl es während der Kriegszeit entstand, seinen Lesern beibrachte, die Russen und ihre Lebensweise zu respektieren und dazu zu lernen – und das ist immer eine Gute Sache, Genossen!

>>>Erinnerungen eines US-Matrosen: Durch die Arktis und durch den Zweiten Weltkrieg

>>>Keine Propaganda-Streifen: Acht sachliche Filme über den Kalten Krieg

>>>Wie US-Vizepräsident Wallace bei einem Besuch im Gulag getäuscht wurde

>>>„Ehre, wem Ehre gebührt“: Wie die USA Millionen Sowjetbürger vor dem Hungertod bewahrten