Reise von Moskau nach St. Petersburg: Unterwegs auf der Route M-11

Reise
PEGGY LOHSE
Nehmen Sie sich einmal Zeit für eine Reise entlang der ersten russischen Touristenroute. Zahlreiche Abenteuer warten dort zwischen den zwei russischen Hauptstädten auf Sie!

Seit der Gründung der nordischen russischen Hauptstadt Sankt Petersburg vor mehr als 300 Jahren mussten und müssen sämtliche russische VIPs und Staatsdiener regelmäßig pendeln. Das betraf sowohl Katharina die Große als auch Alexander Puschkin und Nikolaj II. Der Schriftsteller Alexander Radischtschew wäre von Katharina der Großen dann fast für seinen Reisebericht „Reise von Petersburgnach Moskau“ hingerichtet worden; letztlich wurde er „nur“ nach Sibirien verbannt.

Zwischen Moskau und Sankt Petersburg wurden die ersten Landstraßen asphaltiert und die erste Eisenbahnlinie gebaut. An der Strecke liegen die einst reichsten und bedeutendsten historischen russischen Städte. Heute können Sie diese Strecke in guten vier Stunden mit dem Schnellzug „Sapsan“ zurücklegen, in neun Stunden mit einem normalen Fern-Nachtzug, in etwa einem halben Tag mit dem Auto (wenn Sie in keinen Stau geraten, was jedoch sehr unwahrscheinlich ist). Oder Sie können eben eine entschleunigte und aufregende Straßentour durch Zentralrussland machen - zum Beispiel zwischen zwei Spielen während der diesjährigen FIFA-Fußball-WM.

In Moskau starten wir in nordwestliche Richtung!

Klin

Nach etwa einer Stunde erreichen Sie die kleine historische Handelsstadt Klin, noch immer im Moskauer Gebiet. Am Ortseingang können Sie das sehenswerte Demjanowo-Landhaus besuchen, wenn Sie Geschichte und Dichtung mögen. 1785 nächtigten hier Katharina die Große und ihr Enkel und späterer Zar Alexander I. 16 Jahre später übernachtete hier ein weiterer berühmter Alexander - Puschkin, der sehr viel in dieser Gegend zu reisen pflegte.

Im Stadtzentrum angekommen, lohnt es sich, das Auto abszustellen und den Ort zu Fuß zu erforschen. Dabei treffen Sie immer wieder Pjotr Tschaijkowskij: als Büste am örtlichen Bahnhof im typischen Stile der Zarenzeit (ähnlich in Twer) oder als Ganzkörpermonument am örtlichen „Haus der Kultur“ und den Handelsreihen in der Stadtmitte. 

Außerdem ist ein Besuch im Museumspark rund um Tschaijkowskijs Wohnhaus in Klin ein absolutes Muss. Hier lebte der Musiker und empfing seine zahlreichen Freunde. Außerdem soll gerade hier auch das weltweit berühmte Kult-Ballett „Der Nussknacker“ entstanden sein.

Und dann werfen Sie am besten auch noch einen Blick auf die hiesige Kirche der Bekenntnis der Gottesmutter und stellen sich einmal vor: Dieses Gotteshaus haben die Anwohner mit eigenen Händen wieder aufgebaut, nachdem sie durch den Einfall der Truppen Iwan des Schrecklichen 1569 gemeinsam mit dem Rest der Stadt Zerstörung, Plünderungen und schrecklichen Bränden zum Opfer gefallen war.

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Twer 

Noch einmal rund eineinhalb Stunden später sind Sie dann schon in der Wolgastadt Twer. Einst war Twer eine reiche und auch politisch sehr bedeutende Handelsstadt. Heute ist es eine recht durchschnittliche typische Gebietshauptstadt der gleichnamigen Region. 

Vor allem im Sommer sollten Sie sich hier unbedingt Zeit nehmen für eine Schiff-Stadtrundfahrt auf der Wolga. In einer Stunde sehen Sie von hier aus sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt: den jüngst neu eröffneten Reisepalast von Katharina der Großen mit der sehenswerten Twerer Staatlichen Gemäldegalerie, das große Waggonwerk, das die meisten Fernzugwaggons für die Russischen Eisenbahnen herstellt - u.a. auch die neuen Doppelstockwagen, sowie die malerischen Uferpromenaden auf beiden Seiten der Wolga. Grüßen Sie schön Puschkin, Nikitin und Lenin - und verwöhnen Sie dann Ihren Gaumen auf dem „Twerer Arbat“.

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Torschok

Was interessiert Sie mehr - Kleidung, Klöster, Gedichte oder Koteletts? Wenn Sie dann Torschok erreichen, können Sie zwischen diesen Themen wählen und ihre Stadttour ausrichten. Im gastronomischen Bereich ist das alte Handelsstädtchen vor allem für seine Poscharskije-Koteletts berühmt. Sogar Alexander Puschkin lobte sie einst: „Bei Poscharskij in Torschok einkehren und leckere panierte Koteletts verzehren, dann beschwingt und froh seines Weges gehen!“

Heute können Sie diese Fleischspeise in nahezu jedem der kleinen Restaurants im Stadtzentrum probieren, zum Beispiel auch im Garten des örtlichen Puschkin-Museums. Von dort aus genießen Sie dann, neben dem neu erworbenen nürzlichen Wissen über den Dichter im Museum selbst, dazu auch noch den besten Blick über den Fluss Twerza und ganz Torschok.

Außer diesen irdischen Genüssen jedoch war Torschok immer auch ein geistliches Zentrum. Darum lohnt sich ausdrücklich auch ein Besuch des Boris-und-Gleb-Klosters am Steilufer der Twerza. Es ist kaum renoviert, erwartet seine Besucher jedoch mit einer interessanten Ausstellung über die Geschichte des Klosters und der Geistlichkeit des Landes. Und darüber, was mit all dem zu Sowjetzeiten geschah.

Einst war es übrigens auch ein einheimischer Mönch, der Fürstin Olga von Kiew ein Stück hiesiger Kultur schenkte: ein Stück Goldstickerei. Was die Torschoker Meisterinnen im Laufe der Zeit und bis heute alles vergoldeten und vergolden, erfahren Sie im Manufaktur-Museum, wo sie in einem kleinen Workshop sogar selbst das Goldsticken lernen können.

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Wyschnij Wolotschok

In wiederum einer bis eineinhalb Stunden erreichen Sie dann schon das „russische Venedig“! Wie das? Wyschnij Wolotschok ist eine alte Handelsstadt, gelegen mitten in einem weiten Kanalnetz. Schon 1471 wurde Wyschnij Wolotschok so zu einem wichtigen Punkt auf der russischen Karte. Denn bis ins 19. Jahrhundert hinein waren die künstlichen Wasserwege um den Ort herum der einzige Wasserweg von Sankt Petersburg zur Wolga und damit nach Zentral- und Südrussland. Transportiert wurden hier Baumaterialen, Handelsgüter und auch Lebensmittel.

Gleichzeitig spielt und spielt Wyschnij Wolotschok auch immer schon eine wichtige Rolle für die russische Bildende Kunst. Denn vor den Toren der Stadt liegt ein Ort, der für so berühmte Maler wie Ilja Repin, Isaak Lewitan und Archip Kuindschi als Ort der Inspiration diente. Repin schrieb einst über diesen Ort: „Ist das nicht das gelobte Land für einen Landschaftsmaler? Es ist die Essenz Russlands, seine Seele und seine Schönheit... Es ist wie ein Lied!“ In Repins „Akademie-Datscha“, die heute der Russischen Künstlerunion gehört, erholen sich und schaffen auch die zeitgenössischen Maler Russlands regelmäßig.  

Wenn es Ihnen dann nachts kalt um die Füße werden sollte, ist auch das kein Problem. Direkt an der Durchgangsstraße, der M-11, liegt der rund um die Uhr geöffnete Fabrikverkauf der örtlichen traditionellen Walenki-Manufaktur. Tagsüber begrüßt auch das kleine Museum der russischen Filzstiefel-Kultur seine Gäste. Hier bekommen sie verlässliche und kuschelige, handgefilzte Walenki - ein perfektes Mitbringsel auch für die Daheimgebliebenen.

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Waldaj

Ding, dang, dong... So begrüßt der russische Ort Waldaj seine Gäste! 1910 gründete hier Georgij Andrejew eine Glockenfabrik und trennte erstmals religiöse von „Alltagsglocken“. Warum hier? Denn in dieser Region regelten Glocken schon seit Jahrhunderten den Straßenverkehr. Um Unfälle zu vermeiden, klingelten die Fahrer zur Vorsicht, während in anderen Gegenden ins Horn geblasen wurde. Später dann übernahm die Armee diese Tradition und das Klingeln im Alltag wurde zeitweise verboten. 

Spazieren Sie in Waldaj einmal durch den hübschen Schlosspark und raten Sie einmal, welche russische Zarin Waldaj einst die Stadtrechte verlieh und auch das hiesige Palais bauen ließ?! Natürlich, Katharina die Große war auch hier zu Gast. Sie ließ sich mit der Zeit in nahezu jedem größeren Ort an der Strecke zwischen Moskau und Sankt Petersburg sogenannte Reisepaläste bauen - Landhäuser, die ihr und ihrem mitreisenden Hofstaat als Raststätten dienten. 

In der kleinen Rotunda in der Parkmitte dann finden Sie das örtliche Glockenmuseum. Aber hier erfahren Sie nicht nur viel Neues über die Rolle der Glocken in der russischen Kultur, sondern können auch den Umgang mit den großen Glockenspielnetzen, die bis heute noch oft auf den Glockentürmen großer Kirchen gespielt werden, in Grundzügen erlernen.

Wenn Sie Waldaj dann in Richtung Welikij Nowgorod verlassen, machen Sie doch kurz Halt an dem malerischen Iwerskij-Kloster. Es liegt gleichzeitig mitten im dunklen Wald und auf einer schmalen Landzunge mitten in einem großen See. Gegründet wurde das Kloster im 17. Jahrhundert von Patriarch Nikon, als jener bereits auf seinem Weg gen Norden zu den Solowezkij-Inseln war. 

Auf dem Klostergelände können Sie außer Natur und in sich gekehrter Stille auch die gute Klosterküche genießen, die Sie hier mit wärmendem Iwan-Tschaj, traditionellem Sbiten und schmackhaften Gebäckteilchen versorgt.

Mehr über die Umgebung Waldajs finden Sie auch hier!

Welikij Nowgorod

Und schon erreichen Sie die letzte Station, bevor Sie wieder ins Getümmel der Großstadt eintauchen. In Welikij Nowgorod, das Große Nowgorod, können Sie sich immerhin schon einmal wieder ein bisschen an das Großstadtgefühl gewöhnen - am besten bei einem Spaziergang entlang der monumentalen Kreml-Mauer oder auch bei einem Bad im Fluss Wolchow. Der Nowgoroder Kreml ist übrigens die älteste noch stehende Festungsanlage dieser Art in Russland.

Im Innern der Festung warten die umfang- und abwechslungsreichen Staatsgalerie und Heimatkundemuseum sowie eine reiche Schatzkammer of Ihren Besuch. In der Stadt finden Sie dann eine riesige Auswahl guter Restaurants mit traditioneller Küche vor, sodass Sie dann frisch gestärkt auch noch in das Freilichtmuseum der Holzbaukunst Witoslawizy aufbrechen können. Vor allem in den Sommermonaten finden hier viele Festivals zu den russischen Feiertagen und verschiedenen Handwerkstraditionen statt.

Unweit des Holzdorfs befindet sich auch das berühmte Sankt-Jurjew-Kloster. Gegründet 1030 von Jaroslaw dem Weisen ist es eines der ältesten noch bestehenden Klöster in Russland. Halten Sie hier doch noch kurz inne, bevor sie nun die letzten 200 Kilometer an zaristischen Sommerresidenzen vorbei bis in Ihre Zielstadt an der Newa zurücklegen: Sankt Petersburg!

Mehr über Welikij Nowgorodund Umgebung finden Sie hier!

Zur perfekten Vorbereitung auf eine solche Straßentour geben wir Ihnen hier noch ein paar Tipps für den russischen Straßenverkehr mit auf den Weg:

>>> Mit dem Auto durch das wilde Russland

>>> Survival Guide: Wie Sie beim Autofahren in Russland nicht wahnsinnig werden

>>> Survival Guide: Wie Sie als Autofahrer sicher durch den russischen Winter kommen